Nachlese: U2 in Wien

Die Welt geht unter, die Kirche hält

Christian Schachinger, 31. August 2010 17:46
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    Foto: standard/christian fischer

    Vor gut 70.000 Besuchern geht Bono im Wiener Happel-Stadion seinem liturgischen Kerngeschäft nach: Gebet, Lesung, Verkündigung, Gesang, Gestik, Bewegung, das Spenden von Sakramenten

Musik als Religionsersatz: Auf keine Band trifft dies so zu wie auf U2

 Ihr Konzert im Wiener Happel-Stadion glich dann auch mehr einem Kirchentag als einem herkömmlichen Rockkonzert.

***

Wien - In Zeiten der Krise sollte sich eine Amtskirche auf ihre Kernkompetenzen besinnen. Man darf nicht immer nur mit scharfem Schwert das Wort Gottes predigen. Gerade wenn es global einmal nicht so gut läuft, muss man seiner Gemeinde zwischendurch auch ein wenig schöntun und nach dem Mund reden. Wohlfühlliturgie ist angesagt. Draußen geht die Welt unter. Doch die Kirche hält. Eine verschworene Gemeinschaft bietet vor allem auch jene süße Labung, die sich Trost nennt.

In der Rockmusik messianischer Prägung ist das nicht anders. In einigen Fällen wie etwa der Church of Bruce Springsteen, der Brotherhood of Michael Stipe, dem Sing- und Betkreis Herbert Grönemeyer oder Bob Dylans Full Gospel Tabernacle funktioniert das Liedwerk als attraktiver Ersatz speziell für den christlichen Glauben. Zumindest dient Rock als von der Welt gut angenommene spirituelle Nahrungsergänzung.

Nun ist es aber so, dass nach der Zeit der brennenden Dornbüsche, der Wunderheilungen und versuchten Stiftung des Weltfriedens irgendwann die Sache Richtung schief läuft. Normierung, Eintragung ins Grundbuch, machen wir es amtlich. Kirchensteuer, Kirchentag, Kirchenaustritt. Bürokratisierung, Büroneubau, Erhöhung des Mitgliedsbeitrags. Richtungsstreitigkeiten. Am Ende: Veruntreuung und Machtmissbrauch. Kurz, die Songs und Alben werden schlechter, es wird allerlei grimmiges Privates aus der Chefetage ruchbar - und die Kundschaft flüchtet in die Filialen der Konkurrenz.

Nach einigen zumindest durchwachsenen Alben versuchen Bono und U2 als größte der oben beschriebenen Weltreligionen im Rock der Flucht ihrer Schäflein mit regelmäßigen spirituellen Visitationen entgegenzuwirken. Die Opfergroschen im Klingelbeutel dürfen nicht versiegen. Die über den ganzen Globus verstreute Gemeinde muss sich auf das ursprüngliche Geheimnis des Glaubens besinnen: I Still Haven't Found What I'm Looking For. Das Ziel ist immer der Weg!

So hat man also mit der seit einem Jahr laufenden 360° Tour nun wieder einmal sämtliche Besucher- und Einnahmenrekorde gebrochen. Allein im Wiener Happel-Stadion im Prater zogen U2 kolportierte sechs Millionen Euro Gage. Bis zum Ende dieser Reise im Jahre des Herrn 2011 erhofft man sich insgesamt weit über 700 Mille für das Altenteil.

Der heilige Schrein

Doch hin jetzt endlich zum Altar! Alles fand unter einer in den heimischen Bunt- und Brüllmedien in jüngster Zeit halbwegs gut dokumentierten, vierbeinigen und von allen Rängen einsehbaren Krakenkonstruktion statt. In deren Mitte hing als technisches Rückgrat eine fernsehturmlange Interkontinentalrakete, die bei einem Defekt mindestens bis zum äußeren Erdkern durchrasen würde. Ein heiliger Schrein, in dem Strom und Computer und Multimedia wohnen. Er sollte dieser Wiener Weihestunde die nötige Würze geben. U2 mag in der schnelllebigen Welt des Rock eine alte Religion sein. Sie geht aber nicht weg, sondern mit der Zeit. Sie tritt gerade auch an den jungen Menschen als unser aller Zukunft heran. Der junge Mensch als solcher mag sich ein Konzert einfach so als Konzert ohne Raketentechnik-Klimbim und LED, wo man das sehen kann, was man mit freiem Auge nicht sehen kann, lieber gar nicht erst vorstellen. Daheim auf Youtube ist man U2 live wenige Stunden nach dem Konzert ohnehin näher als vor Ort.

Doch der junge Mensch, er kam und mischte sich unter die Alten. Es geht schließlich um jenes physische Gemeinschaftsgefühl, das man sich nicht bei Facebook kaufen kann. Das stimmt diese Kirche zukunftsfroh. Und immer wieder geht die Sonne auf! Immerhin hat man sich jüngst vertraglich verpflichtet, bis zum Jahr 2020 regelmäßig pastoral weltzureisen und das Wort zu verkünden. So war das Konzert von U2 vor allem von gegenseitiger Dankbarkeit und Demut getragen. Durchtränkt von selbstergriffener Professionalität in Sachen Glücksvermehrung und liturgischer Quality-Time im Großraumrock dankte Bono den gut 70.000 angereisten lieben Leuten, dass sie ihm und der gemeinsamen Sache über all die Jahre die Stange halten. Er sorgte dafür, dass nur bei unbekannteren Stücken wie der neuen Ballade Every Breaking Wave oder Miss Sarajevo kurz einmal geistliche Ermattung drohte. Der Best-of-Rest wurde demütig den Leuten geschenkt, die sich die Lieder im Stadion gern auch selber vorsangen: Beautiful Day, New Years Day, Mysterious Ways! Elevation!! I Still Haven't Found ..., Sunday Bloody Sunday, Amazing Grace, Where The Streets Have No Name, With Or Without You!!! Als Krönung eine Friedensbotschaft von Bischof Tutu. Hammer, Hammer, Hammer. Diese Kirche ist auf festem Grund gebaut. Davon könnte sich die Politik einige Scheiben abschneiden. (Christian Schachinger, DER STANDARD - Printausgabe, 1. September 2010)

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 166
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Sir Gaga
17.09.2010 14:27
Schachinger forever

Herrlich zu beobachtendes Reflexverhalten: Menschen pilgern zu kommerziellen Massenveranstaltungen und glauben, das wären sinnstiftende Momente. Anschließend wollen sie sich von der Tageszeitung ihres Vertrauens die Bestätigung dafür abholen. Und dann hauen sie sich beim Schachinger den Kopf an. Wieder und wieder. Woher rührt dieser Zwang der User, in Konzertbesprechungen protokollartige Wiedergaben des Erlebten finden zu wollen? Erinnert an Menschen, die in Museen für moderne Kunst gehen, um dort naturalistisch röhrende Hirsche zu sehen. Die hängen dort aber gar nicht, gell! Was für eine Frechheit!! Im Übrigen ein U2-Fan der ersten Stunde und zahlendes Mitglied der Church of Springsteen.

Kirtag
15.09.2010 13:25
wer eine konzertkritik von s. liest ist selbst schuld,

... hab mich dieser sülze schon lange entsagt (bringt infomäßig einfach nichts); lese konzertkritiken nur noch in den postings; durchaus sehr gute & informative dabei!

Günther Hase
 
03.09.2010 00:33
Super Konzert - Wahnsinns Show!

Der Robbie Williams hats halt immer noch drauf.

tim tim
02.09.2010 15:26
der schachinger

kann es sich mittlerweile leisten, nichts über ein konzert zu schreiben. das machen seine jünger hier im forum für ihn, die auf alles hindreschen, das mehr als 5 cds verkauft und in abgefuckten spelunken spielt. dass das die elite ist, die allein die musik-wahrheit hat, versteht sich für die schachinger-sekte von selbst!

observator
 
02.09.2010 15:16

da sieht sich wer gern schreiben...

Telejazza
02.09.2010 13:19
Schön schwach, Herr S.!

Auch der zweite Versuch, das Konzert unbedingt schlecht schreiben zu wollen, geht voll in die Hose. Bei der ersten kurzen Kritik war nur zu lesen, U2 seien statisch gewesen, sonst keine Argumente, kein Tiefgang in der Kritik.
In diesem Beitrag lässt sich Herr S. über jene Elemente der Show aus, die einfach zum Rock gehören. Rcok muss gross, präpotent, bombastisch, etc sein. Jede Rockband, die es sich leisten kann, gestaltet ihre Show so. Hätten U2 nur mit weißem Licht auf einer kleinen Bühne gespielt, hätte Herr S. auch seine Probleme damit.
Und zur Qualität der Mucke die abgeliefert wurde, steht in der Kritik nix. Liegt wohl daran, dass die Bruschen ganz ordentlich gespielt und Bono überraschend gut gesungen hat...

Franz Huber
02.09.2010 12:08
Ich versteh nicht ganz

Hat Herr Schachinger jetzt das Konzert gut gefunden?

Dyne
02.09.2010 12:15

Nein, schließlich waren mehr als 5 zahlende Zuschauer beim Konzert anwesend.

fraustop
02.09.2010 11:39
u2 ist die övp der rockmusik...

und der langweiligste kreativkonzern der welt.
höchstens schade um das blei...

Roland Garros
02.09.2010 18:12

aber immer noch ein 'kreativ'konzern, der auch nach 23 jahren superstar-status nicht müde geworden ist, neue herausforderungen zu suchen - sowohl musikalisch (pop, no line on horizon) als auch live (zooropa-tour, popmarttour, 360-tour).

drpjb
02.09.2010 09:24

großartige beschreibung dieser "band"!

Mr. Roboto
01.09.2010 23:27

das ist der falsche text beim oberen foto, in wirklichkeit sollte da stehen: "u2 und bono überraschen in wien erneut und stellen ihre neue single "walk like a retarded" vor"...

Roland Garros
01.09.2010 20:48
kirchensteuer, kirchentag, kirchenaustritt, kirchen...

*gähn*

kommt dann auch irgendwann mal was über die musik oder über's konzert selber?!
ach ja, in den letzten absätzen - zumindest ein bisschen was! übrigens: 'amacing grace' ist kein U2-hit sondern ein alter gospel-klassiker, den sie nur anspielten!

der artikel wirkt so als wäre er schon vor'm konzert geschrieben worden bzw. als würde er dem autor selber am allermeisten freude bereiten! ansonsten nur die üblichen super 'originellen' wuchtln in sachen U2-verisse (assoziation mit kirche usw...)

ich sah eine band, die nach 30 jahren noch immer ein live-spektakel der sonderklasse abliefert, was man nirgend anderswo zu sehen bekommt u das über 70.000 leute in beste stimmung versetzte.

ernst thaelmann1
01.09.2010 18:59

wahrscheinlich war das vip catering schlecht, darum setzt es diese kritik, oder der herr durfte niemand mitnehmen, oder bekam keine gratis cds samt dvds von der plattenfirma. irgendwas ist halt immer.

Essigland = Frieden
01.09.2010 18:12
Nix gegen die Church of Bruce Springsteen!

Und das sagt jemand, der seit 1988 Metal hört.

major schloch
01.09.2010 21:12
hättest du zwei jahre früher...

...mit dem metal angefangen, hättest du die letzten 22 jahre anderer musik widmen können.

preisfrage: welches album ist gemeint? die richtige antwort gewinnt einen virtuellen schulterklopfer.

Essigland = Frieden
02.09.2010 10:35
hab mich durchaus mit anderer musik

beschäftigt. und 1986 wäre mir slayer mit 5 jahren vielleicht doch noch etwas zu heftig gewesen.

thomislav
02.09.2010 00:45

reign in blood?

major schloch
02.09.2010 00:50
& der gewinner heißt:

thomislav!

Ylith
 
01.09.2010 14:55
Prediger der alten Hadern

Sehr bemühter Prediger spult engagiert die besten 20 Hits vor bombastischer Kulisse und mit grottenschlechtem Sound (Tribüne) herunter. Gerührt von sich selber und den Massen, die er bewegen kann.

RebelAngel
 
01.09.2010 23:10
aber geh

wer braucht an Sound, wenn alles so schön blinkt und so...

Ylith
 
01.09.2010 23:59

Ich war bisher der wohl irrigen Annahme Konzert hat was mit hören zu tun....
Blinken tut mein Blinker auch (zugegeben nicht so bunt....)

RebelAngel
 
02.09.2010 00:21

es tut mir sehr leid, aber sie haben dann wohl von Musik keine Ahnung!

Ihr Blinker ist außerdem viel zu klein, um gute Musik machen zu können!

Ylith
 
02.09.2010 10:01

Die großen Blinker haben aber auch nicht viel bessere Musik zusammengebracht....
Oder hab ich das auch nur falsch verstanden....

RebelAngel
 
02.09.2010 10:07

ein bissi vielleicht ;-)

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