Lebensstil und Kopfschmerzen

31. August 2010, 08:37
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Stefanie Förderreuther, Generalsekretärin der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft im Gespräch

Am 5. September 2010 findet der jährliche Deutsche Kopfschmerztag statt. Er macht auf die oft unterschätzte Krankheit mit ihren vielen unterschiedlichen Ausprägungen aufmerksam. Stefanie Förderreuther, Generalsekretärin der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft, gibt Auskunft. 

Etwa fünf Prozent der Deutschen leiden unter täglichen Kopfschmerzen, 70 Prozent haben chronisch wiederkehrende oder anfallsartige Kopfschmerzen. Gibt es bestimmte Lebensgewohnheiten, die den Kopfschmerz fördern?

Förderreuther: Ja, dazu ist gerade eine Veröffentlichung in der renommierten Zeitschrift "Neurology" erschienen. Über 5.800 norwegische Jugendliche im Alter zwischen 16 und 19 Jahren wurden zu ihrem Lebensstil und dem Auftreten von Kopfschmerzen befragt. Es zeigte sich, dass wiederkehrende Kopfschmerzen signifikant häufiger mit Übergewicht, geringen sportlichen Aktivitäten und Rauchen assoziiert waren. In einer etwas kleineren Erhebung aus Deutschland, an 1.260 Gymnasiasten der 10. und 11. Klasse, wurden vergleichbare Ergebnisse gezeigt: Das häufige Konsumieren von
alkoholischen Getränken und Kaffee, Rauchen und wenige körperliche Aktivitäten standen signifikant mit dem Auftreten von Migräne und Spannungskopfschmerzen in Zusammenhang. Migräne und Spannungskopfschmerzen können zwar schon im Kindesalter auftreten, aber bei den meisten Patienten beginnen sie erst nach der Pubertät. Durch eine gesunde Lebensweise kann man
offenbar durchaus Einfluss auf diese Kopfschmerzen nehmen.

Die genetische Vorbelastung spielt zwar sicher mit eine Rolle, aber sie ist eben nicht der einzige Faktor. Da wir die genetischen Faktoren nicht beeinflussen können, ist es besonders wichtig, sich auf solche Dinge zu konzentrieren. Je früher wir Kopfschmerzen gezielt behandeln - also gerade schon bei den Jugendlichen - umso geringer sind die Risiken für eine spätere Chronifizierung.

Kann man Kopfschmerzen überhaupt vorbeugen?

Förderreuther: In einem gewissen Maß kann man natürlich vorbeugen. Die meisten Menschen können sehr gut erkennen, dass es Auslöser gibt, die man beeinflussen kann. Dazu gehören in erster Linie beruflicher und privater Stress. Die beruflichen Anforderungen werden immer höher. Viele meiner Patienten erzählen, dass in ihrer Abteilung Personal gespart wurde, dass sie jetzt noch mehr Aufgaben zu erledigen haben und nicht mehr wissen, wie sie ihr Pensum erledigen sollen. Im Nacken sitzt dann oft die Angst um den Arbeitsplatz - da ist es dann natürlich nicht leicht, eine Änderung
herbeizuführen.

Zu den Auslösern gehören aber auch Unregelmäßigkeiten im Tagesablauf wie das Weglassen einer Mahlzeit, zu wenig Flüssigkeitszufuhr, aber auch zu viel oder zu wenig Schlaf. Bei Menschen, die in der Woche immer früh aufstehen und am Wochenende regelmäßig Kopfschmerzen bekommen, kann es schon helfen, am Wochenende den Wecker zur gewohnten Zeit läuten lassen und kurz wach zu
werden. Danach können sie weiterschlafen und ersparen sich so vielleicht den einen oder anderen Kopfschmerztag. Bewegungsmangel, zuviel Alkohol, alles das sind Faktoren, die man angehen kann. Oft hilft es, einmal einen Kopfschmerzkalender zu führen, um Auslöser zu erkennen. Was viele Patienten nicht wissen ist, dass die häufige und übermäßige Einnahme von Schmerzmitteln im Endeffekt Kopfschmerzen chronifiziert.

Ist die regelmäßige medikamentöse Behandlung von Kopfschmerzen sinnvoll?

Förderreuther: Bei jeder Kopfschmerztherapie ist es wichtig, zwischen der Akutbehandlung der Kopfschmerzen und der vorbeugenden Therapie zu unterscheiden. Die Akuttherapie ist wichtig, um den akuten Schmerz zu lindern. Ein Problem ist, dass alle Substanzen, die man zur Behandlung von Kopfschmerzen einsetzen kann, bei Kopfschmerzpatienten zur Entwicklung eines Medikamenten-induzierten Kopfschmerzes führen können. Das passiert immer dann, wenn Schmerzmittel immer häufiger und in immer höheren Dosierungen, schließlich sogar schon prophylaktisch genommen werden. Besonders gefährlich sind spezifische Migränemedikamente, die sogenannten Triptane. Werden sie über Monate an mehr als zehn Tagen im Monat genommen, führt dies bereits zu einer Zunahme der Migräneattacken. Einzige Rettung aus diesem Teufelskreis ist dann ein regelrechter Medikamentenentzug. Viel besser ist es, es gar nicht erst so weit kommen zu lassen. In der vorbeugenden Kopfschmerztherapie kennen wir nicht medikamentöse Maßnahmen - die vielen Patienten allerdings zu aufwendig sind. Oft ist es schwer die Patienten dazu zu motivieren: Erlernen von Entspannungstechniken und deren regelmäßige Anwendung, regelmäßiger Ausdauersport wie Joggen, Radfahren, Schwimmen dreimal die Woche über mindestens eine halbe Stunde oder aber auch
verhaltenstherapeutisch orientierte Verfahren wie das Erlernen von Stressbewältigungsstrategien.

Wenn dies nicht reicht oder nicht realisiert wird, kommen meist Medikamente zur Prophylaxe ins Spiel. Ziel einer medikamentösen Prophylaxe ist es, die Frequenz mit der Kopfschmerzen auftreten zu reduzieren und die Kopfschmerzen selbst etwas zu mildern. Eine "Heilung" kann in aller Regel nicht erreicht werden. Entscheidet sich ein Patient für eine medikamentöse Prophylaxe, dann stehen verschiedene Substanzen zur Verfügung. Allen gemeinsam ist, dass sie nicht vom ersten Tag an wirken. Erst nach sechs bis acht Wochen kann der Effekt beurteilt werden. Wirkt eine Substanz, behandelt man in aller Regel für weitere sechs bis neun Monate und prüft dann, ob es auch wieder ohne Prophylaxe geht. Eine Prophylaxe ist also keine Therapie, die dann lebenslang durchgeführt werden muss. (red)

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