Befremdlichkeit von innen und Fremdes von außen

30. August 2010, 20:56
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Im Judentum trat der orientalisierende Synagogenbaustil gleichzeitig mit der Emanzipation auf

Moscheen stehen wie Synagogen in der Wahrnehmung für ihre Benutzer, sagt Salomon Korn zum STANDARD, wobei historisch gesehen Synagogen in Deutschland und Österreich von der Mehrheitsgesellschaft zwar als "befremdlich" befunden wurden, aber als "Befremdlichkeit von innen", nicht als "Gefahr von außen". Das kam, als Konstruktion eines "internationalen Judentums", erst spät im antisemitischen Diskurs des 20. Jahrhunderts dazu.

Anders sei es mit den Muslimen/Moscheen, sagt der Architekt, nach dessen Plänen das Zentrum der Jüdischen Gemeinde in Frankfurt erbaut wurde, deren Vorstandsvorsitzender er heute ist. Stichwort Türkenbelagerung Wiens: Solche Traumata säßen tief, so Korn, immerhin habe der islamische Ansturm gegen Europa fast 1000 Jahre gedauert. Das bestimme die Wahrnehmung mit.

Dass Muslime an ihrer oft kitschigen, antimodernen Heimweh-Architektur hängen, wird ihnen als mangelnder Integrationswille ausgelegt. Im Judentum trat gerade mit der Emanzipation und größerem Selbstbewusstsein der Wunsch auf, die Herkunft und Eigenart zu betonen: Ab Mitte des 19. Jahrhunderts boomte im Synagogenbau der orientalisierende neoislamische Stil, mit Betonung des dekorativ Exotischem. Das führte gleichzeitig zu einer Ausgrenzung aus dem Stadtbild.

Dazu habe jedoch, erzählt Korn, gleichzeitig eine Gegenbewegung stattgefunden, der "deutsche Stil", der in "romanisierenden" Synagogen Ausdruck fand. Was prompt den "Kopisten"-Vorwurf nach sich zog: dass man etwas imitiere und nichts Eigenes habe. In den Augen der deutschen Nationalisten war das auch Tarnung und Täuschung: sich als Deutsche ausgeben zu wollen, "obwohl sie es nicht sind".

Widersprüchlich

"Der Synagogenbau im 19. Jahrhundert hat immer diese Widersprüchlichkeit in sich getragen", sagt Korn. Beides - sowohl das Orientalisieren als auch das Anpassen - war Thema für Antisemiten, wobei Korn daran erinnert, dass sich das antisemitische Vorurteil immer seine Bestätigung im Vorhandenen sucht, "das braucht keine rationale Begründung".

Bei allen Unterschieden und berechtigten Einwänden: Ist es nicht so, dass die Muslime es heute auch kaum rechtmachen können, zwischen "konspirativem" Hinterhof und "Sieg des Islam"-Minaretten? Korn empfiehlt "nicht unterordnen, aber einordnen", wie er es mit dem Jüdischen Gemeindezentrum in Frankfurt gemacht habe: "Aus städtebaulicher Sicht ist es bestimmt vernünftiger, eine Moschee in eine vorhandene Bebauung einzubeziehen, als sie frei stehend, als Solitär, hinzubauen, was die Assoziation hervorruft ,die stehen außerhalb'. Man kann mit städtebaulichen Parametern etwas ausdrücken." Das hieße auch kleinere anstatt Großmoscheen. (Gudrun Harrer/DER STANDARD-Printausgabe, 31.8.2010)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Die Kuppel der Großen Synagoge in Berlin-Mitte

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