Moschee ist mehr als nur ein Minarett

30. August 2010, 20:42
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Im internationalen Vergleich sind die Moscheen hierzulande konservativ - Die Gründe dafür liegen nicht nur in der Diskussionskultur zwischen Religion und Politik, sondern auch in der muslimischen Gemeinschaft selbst

Anas Schakfeh, Präsident der Islamischen Glaubensgemeinschaft (IGGiÖ), fordert die Errichtung mindestens einer, als solchen erkennbaren Moschee in jeder Landeshauptstadt in Österreich. Seit seiner Äußerung vor einer Woche gehen die Wogen hoch. Egon Kapellari, Grazer Diözesanbischof, legt den Muslimen nahe, auf städtebaulich dominante Moscheen zu verzichten. Die FPÖ fordert gar eine Volksbefragung, ganz nach dem Motto: Minarett, ja oder nein? Und der St. Pöltener Bürgermeister Matthias Stadler bemüht sich um Beschwichtigung, indem er meint: "Wir haben in der Stadt einige Gebetshäuser, mit denen das Auslangen gefunden wird. Die Glaubensgemeinschaften sind zufrieden."

Lange Zeit gab es in ganz Österreich nur zwei Moscheen mit Minarett. Seit der Neueröffnung der Haci-Bayram-Camii in Bad Vöslau im Oktober 2009 gibt es nun drei. Die übrigen 200 Gebetsräume - oft handelt es sich um Provisorien mit entsprechend kleiner Nutzfläche und schlechter Ausstattung - sind in bestehende Wohnhäuser integriert oder liegen in Hinterhöfen. Minarett gibt es keines.

"Es gibt in Österreich sehr viele verschiedene Vereine mit unterschiedlichen ethnischen Hintergründen", sagt Carla Amina Baghajati, Sprecherin der IGGiÖ. "Die innermuslimische Integration stellt immer noch eine große Herausforderung dar." Jeder Verein baue für sich selbst, entsprechend klein seien die budgetären Mittel. Sie reichten zwar für die Einrichtung von Gebetsräumen, nicht aber für den Bau von Moscheen.

Einzige Ausnahme ist die Türkisch Islamische Union für kulturelle und soziale Zusammenarbeit (Atib), die auch die Haci-Bayram-Moschee in Bad Vöslau in Auftrag gab. Allerdings wird sie fast ausschließlich von Türken besucht. Obwohl als offene Moschee konzipiert, werden die Gebete in türkischer Sprache gehalten.

Die Architektur des Gebäudes gibt Aufschluss über die maue Gesprächskultur zwischen Religion und Politik. Begleitet von Protestaktionen der FPÖ musste der Entwurf 30-mal überarbeitet werden. Das zur Ausführung gelangte Endresultat, laut Sonja Pisarik vom Architekturzentrum Wien (AZW) "keineswegs ein Meilenstein progressiver Moscheenarchitektur", ist mehr Karikatur als Moschee. Die Minarette, zwei 15 Meter hohe Stummel aus Glas, wurden im Innenhof ins letzte Eck gequetscht. Von der Straße aus ist das Gebäude als Moschee nicht erkennbar.

Moschee für alle Nationen

Dass es auch anders geht, beweist die bayrische Stadt Penzberg, rund 50 Kilometer südlich von München gelegen. Dort baute die islamische Gemeinde eine Moschee, die im deutschsprachigen Raum mit kaum einem anderen Bauwerk dieser Art vergleichbar ist.

"Der Bau war nur möglich, weil wir das Projekt unabhängig von unserer ethnischen Herkunft gemeinsam entwickelt haben", erklärt Gönül Yerli, stellvertretende Direktorin des islamischen Forums, "anders hätten wir das niemals geschafft."

Während das Grundstück von den Mitgliedern der Gemeinde finanziert wurde, ist die Errichtung der drei Millionen Euro teuren Moschee dem Emir von Sharjah, Sultan bin Mohamed al-Qasimi, zu verdanken. "Wir haben lange nach einem Sponsor gesucht", sagt Yerli. "Al-Qasimi hat sich bereit erklärt, die Kosten zu übernehmen, weil er davon beeindruckt war, dass sich hier Muslime aus unterschiedlichen Nationen an einem gemeinsamen Projekt beteiligen." Die Idee wird weitergetragen: Die Kommunikationssprache in der Penzberger Moschee ist Deutsch, die Predigten werden je nach Anlass auf Türkisch, Arabisch, Bosnisch oder Albanisch gesprochen. Meist gibt es eine Übersetzung.

Die Penzberger Moschee wird wohl ein Projekt mit Seltenheitswert bleiben. "Der Druck des globalen Islam, wie er hauptsächlich in Saudi-Arabien und einigen anderen islamischen Ländern propagiert wird, macht die ganze Sache sehr komplex", sagt Azra Aksamija, bosnische Architektin, die heute in Cambridge lebt und am Massachusetts Institute of Technology (MIT) über islamische Architektur forscht. Oft entstünden Symbole, die von konservativen Interpretationen islamischer und panislamischer Identität geprägt sind.

Ein Aufruf zur transnationalen Zusammenarbeit kommt ausgerechnet aus der Türkei. Dort setzt sich die islamische Religionsbehörde Diyanet, die im Land mehr als 76.000 Moscheen verwaltet, dafür ein, dass das Kirchenmuseum St. Paul in Tarsus wieder in eine christliche Kirche verwandelt wird. "Wenn ein Ort für Christen heilig ist und sie dort Gottesdienste abhalten möchten", sagte Ali Bardakoglu, Leiter der Diyanet, zur türkischen Zeitung Milliyet, "dann kann es keine Argumente geben, die ein Verbot rechtfertigen." (Wojciech Czaja/DER STANDARD-Printausgabe, 31.8.2010) 

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    Die Minarette der Hamburger Centrum-Moschee im September 2009: Der Hamburger Künstler Boran Burchhardt hatte die beiden 20 Meter hohen Türme in einer Aktion zum Kunstprojekt erklärt und mit grünen Sechsecken bemalt.

    Im deutschen Penzberg war der zeitgenössische Bau einer modernen Moschee von Architekt Alen Jasarevic nur möglich, indem die Penzberger Muslime das Projekt gemeinsam entwickelten und auch gemeinsam nach einem Sponsor suchten. Die Baukosten stiftete letztlich Sultan bin Mohamed al-Qasimi, der Emir von Sharjah.

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