Minarette des Denkens

30. August 2010, 20:00
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In Zeiten wie diesen ist man schneller als "islamophob" punziert, als ein Abschiebefanatiker einen Reim auf "Wiener Blut" findet. Wie kommt das? - Anmerkungen zur Karriere eines Kampfbegriffs von Stephan Grigat

Wortschöpfungen wie "Islamophobie" oder "Antiislamismus" waren seit jeher politische Kampfbegriffe: Sie zielen, ganz so wie der Neologismus "Iranophobie", der lange Zeit nur von Vertretern des iranischen Regimes verwendet wurde, um Kritik an der Herrschaftspraxis der Mullahs zu diskreditieren, mittlerweile aber auch im deutschsprachigen Feuilleton aufgegriffen wird, darauf ab, jegliche Kritik an den unterschiedlichen Strömungen des Islam als krankhafte Panikmache zu delegitimieren.

Besonders deutlich wird diese Strategie der Selbstimmunisierung gegenüber Kritik etwa bei der Organisation der Islamischen Konferenz, in der 57 Staaten zusammengeschlossen sind. Ginge es nach ihnen, sollen nicht Individuen, sondern der Islam als Religion zum Objekt des Menschenrechtsschutzes werden. Diese Kampfansage an einen universalistischen Freiheitsbegriff artikuliert sich unter anderem darin, Kritik an der Anwendung der Scharia als "Islamophobie" und diese als "schlimmste Form des Terrorismus" zu brandmarken.

Mittlerweile hat der Islamophobie-Begriff auch in den Medien Karriere gemacht. Die von Gudrun Harrer im Wochenend-Standard empfohlene Literatur vermittelt einen Eindruck davon. Dabei zu behaupten, die "Islamophobie" sei heute "der einzige gesellschaftlich geduldete Rassismus", grenzt allerdings schon an Realitätsverweigerung.

Signifikant in diesem Zusammenhang: Es gibt kaum noch Veranstaltungen, bei denen Antisemitismus und "Islamophobie" nicht gemeinsam behandelt würden, so auch Anfang August in Wien bei einer "Muslim-Jewish-Conference", deren Veranstalter dem Propagandasender des iranischen Regimes bereitwillig Interviews gaben. Die Gleichsetzung des seit 2000 Jahren existierenden, als allumfassende Welterklärung auftretenden und in der Shoah kulminierenden Antisemitismus mit jenen seit einigen Jahren vermehrt zu registrierenden Ressentiments, bei denen Muslime als Projektionsfläche herangezogen werden, basiert auf der Behauptung, die Moslems seien die Juden von heute. - Falsch: Keine politisch relevante Gruppierung imaginiert Moslems oder gar ein "islamisches Prinzip" als Verkörperung der Zersetzung, in deren Vernichtung der Krisencharakter der Moderne zu exorzieren wäre. Das aber ist der Kern der antisemitischen Ideologie. Wenn jihadistische Gruppierungen wie die Hamas von einem jüdischen Drang nach Weltherrschaft fantasieren, ist das eine wahnhafte Projektion der eigenen Wünsche auf den ewigen Todfeind. Der Hinweis auf den globalen Herrschaftsanspruch des Islam hingegen ist keine Verschwörungstheorie (auch wenn er von FPÖ-Anhängern und ähnlichen Figuren meist nur in der Form von paranoidem Geraune vorgebracht wird), sondern dieser Anspruch wird von maßgeblichen Strömungen des Islam offen artikuliert.

Selbstverständlich wird in Österreich gegen Moslems gehetzt. Allerdings häufig von denselben Leuten, die im Islam im Orient eine bewundernswerte und zu bewahrende Kultur sehen, mit der man nicht nur die antiwestlichen Ressentiments teilt. Aufgrund ihrer ethnopluralistischen und kulturalistischen Konzeptionen stellt es für rechtsradikale Gruppierungen kein Problem dar, gegen Moslems in Europa mobilzumachen und sich gleichzeitig beispielsweise mit der "Islamischen Republik" im Iran zu solidarisieren.

Die heimischen Kämpfer wider die "Islamophobie" landen regelmäßig bei einem Hassobjekt, das sie mit den von ihnen attackierten rechten Kulturkämpfern gemein haben: Israel. Der SPÖ-Gemeinderat Omar Al-Rawi, der, wenn er sich rhetorisch gegen den klassischen Antisemitismus positioniert, um seine antiisraelischen Ausfälle ein wenig zu behübschen, stets im gleichen Atemzug eine Bekämpfung der angeblich grassierenden "Islamophobie" einfordert, hat jene Jihadisten, die beim Militäreinsatz gegen die Hamas-Solidaritätsflotte den Tod fanden, als "Märtyrer" bezeichnet, deren Weg er "weiterführen" will - wodurch er in den meisten europäischen Staaten wohl kaum noch als sozialdemokratischer Politiker haltbar wäre.

Keineswegs nur militante radikalislamische Strömungen, sondern auch große Teile des orthodox-konservativen Mainstreams im Islam sehen schon die Selbstbehauptung Israels als Ausdruck der "Islamophobie", da sie den jüdischen Staat als Stachel im Fleisch des Islam betrachten. Eine global orientierte Kritik der dominanten Strömungen des Islam wird konstatieren müssen, dass sich heute gerade unter dem Banner Allahs die Kräfte der Gegenaufklärung und die Todfeinde der Freiheit sammeln. Nur kann man dem nicht mit den Rezepten von Abschiebefanatikern oder einem Pochen auf die 'Werte des christlichen Abendlandes' à la Strache oder Ewald Stadler begegnen. Es geht um eine an der allgemeinen Emanzipation orientierte Islamkritik, die sich zugleich gegen die Fremdenfeinde wendet. Gegen den Kulturrelativismus, der von den rechten Ethnopluralisten ebenso bedient wird wie von linken Islamapologeten und akademischen "Islamophobie"-Forschern, gilt es sich an jene Parole zu erinnern, unter der 1979 zehntausende Frauen in Teheran tagelang gegen die Einführung der Zwangsverschleierung demonstriert haben: "Emanzipation ist nicht westlich oder östlich, sondern universal." (Stephan Grigat/DER STANDARD-Printausgabe, 31.8.2010)

STEPHAN GRIGAT ist Lehrbeauftragter für Politikwissenschaft an der Uni Wien und Mitherausgeber von "Iran im Weltsystem. Bündnisse des Regimes und Perspektiven der Freiheitsbewegung" (Studienverlag 2010).

  • Wo ist die Grenze zwischen Ressentiment und notwendiger Kritik? - FPÖ-Chef Strache als Retter "christlicher Werte" bei einer Anti-Moschee-Demonstration in Wien-Brigittenau.
    foto: ap

    Wo ist die Grenze zwischen Ressentiment und notwendiger Kritik? - FPÖ-Chef Strache als Retter "christlicher Werte" bei einer Anti-Moschee-Demonstration in Wien-Brigittenau.

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