"Parallelgesellschaft" als Vehikel der Stigmatisierung

30. August 2010, 19:53
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Eine Erwiderung auf Hans Rauscher von John Bunzl

Eine "Parallelgesellschaft" bedeutet nach Hans Rauscher (STANDARD, 27. 8.) das Festhalten an einer "orientalischen" Identität, die von einem Teil der Muslime praktiziert wird; wobei es sich meist nicht um "den Islam", sondern um Gepflogenheiten ihrer Herkunftsregionen handelt. Könnte man das Gleiche nicht über orthodoxe jüdische Gemeinschaften behaupten? Soll man sie auch als "Parallelgesellschaften" abstempeln?

In den USA etwa ist es ganz normal, einer "Parallelgemeinschaft" anzugehören (im Amerikanischen gibt es übrigens keine Übersetzung dieses Begriffs). Also: Das entscheidende Kriterium ist nicht die kulturelle Verschiedenartigkeit, sondern der Charakter der Gesellschaft, die mit dem "Anderen" mehr oder weniger offen umgehen kann. Die Grenzen werden dabei nicht durch die kulturelle Identität, sondern durch die in den jeweiligen Ländern geltenden Gesetze gezogen. Nicht mehr und nicht weniger.

In der Haltung von "Rechten" wie Strache etc. besteht ein eklatanter Widerspruch, die dem demagogischen Charakter ihrer Agitation zu "danken" ist. Denn einerseits wird eine vollständige Assimilation, andererseits diverse Formen der Ausgrenzung (bis zur Ausweisung) verlangt.

Dieser Widerspruch deutet darauf hin, dass es den Hasspredigern nicht um "den" Islam oder die "Parallelgesellschaften" geht, sondern um die Umsetzung populistischer und xenophobischer Strategien zur Massenmobilisierung. Es wäre etwa ganz falsch, diese oder jene Aussage von Anas Shakfeh als Grund für die Empörung zu sehen. Wahrer wäre es vielmehr festzustellen, dass die Hetzer Herrn Shakfeh brauchen, um eine schon vorher bestehende Abneigung zu bestätigen.

Wenn es eine Parallele gibt, dann besteht sie leider zwischen Islamophobie und Antisemitismus. Wurden nicht auch die Synagogen als "artfremd", "orientalisch" oder "Brutstätten einer Weltverschwörung" stigmatisiert? Die Frage ist daher nicht primär, ob "die" Muslime in Österreich und Europa "längerfristig eine abgetrennte erkennbare Groß-Minderheit" bleiben wollen, sondern ob "unsere" Gesellschaften die Fähigkeit und Reife besitzt, mit dem "Anderen" umzugehen. Denn dadurch entsteht erst die Freiheit, die Formen des Zusammenlebens mitgestalten zu können. (John Bunzl/DER STANDARD-Printausgabe, 31.8.2010)

JOHN BUNZL ist Historiker am Institut für Internationale Politik (OIIP).

Link:
STANDARD-Kolumnen von Hans Rauscher

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