Was tun in der Romafrage?

30. August 2010, 19:33
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Einem Land, das nicht einmal Arigona Zogaj aufnehmen wollte, stünde es schlecht an, anderen bei der größten Herausforderung in Sachen Zuwanderung gute Ratschläge zu geben

Viele innerhalb und außerhalb Frankreichs sind entsetzt über die Abschiebepolitik des französischen Präsidenten gegenüber den Roma-Flüchtlingen in seinem Land. Aber die Proteste klingen seltsam gedämpft. Denn es lässt sich nicht verhehlen, dass auch die Gegner dieser harten und unmenschlichen Maßnahme dem Roma-Problem in Europa ziemlich ratlos gegenüberstehen. Die Europäische Union hat schon vieles versucht. Es gab eine "Dekade der Roma- Integration". Es gibt Roma-Vertretungen in Brüssel und in vielen europäischen Hauptstädten. Viele Fördermillionen sind in die Heimatländer der Volksgruppe geflossen. Und zahlreiche NGOs arbeiten unermüdlich in den Slum-Siedlungen Osteuropas, um den dortigen deklassierten Bewohnern aus ihrem Elend herauszuhelfen. Es gibt auch Erfolge. Aber diese sind im Verhältnis zum Ausmaß der Misere bescheiden.

Die zehn bis zwölf Millionen Roma und Sinti in Europa sind Mitglieder eines alten Volkes. Sie leben seit Jahrhunderten in Europa, ohne eigenes Land, ohne schriftliche Überlieferung. Sie sind überall und nirgends zuhause und nirgendwo erwünscht. Als fahrendes Volk der Musikanten und Kesselflicker hatten sie einst eine kleine Nische am Rande der Gesellschaft inne. Die Kommunisten in Osteuropa machten sie sesshaft. Die für alle vorgeschriebene Arbeitspflicht galt auch für die Roma, aber ob sie diese Pflicht auch wirklich erfüllten oder nicht, fiel nicht besonders auf, weil auch viele andere das nicht taten. Mit der Wende kam die große Arbeitslosigkeit. In der modernen Konkurrenz- und Wissensgesellschaft gab es plötzlich keinen Platz mehr für Menschen, denen eine Tradition der Bildung und der regelmäßigen Arbeit fehlte.

In den letzten Jahren sind viele Meldungen über abgefackelte Siedlungen, Morde und Gewalttaten an Roma durch die Medien gegangen. In Rumänien und Bulgarien, aber auch in Ungarn und der Slowakei, wo viele Roma leben, sind solche Dinge keine Seltenheit. Typisch Balkan! sagten die Westeuropäer dann gern. Aber als immer mehr Roma auf der Flucht vor Verfolgung und Diskriminierung nach Westen zogen, erging es ihnen dort nicht viel anders.

Frankreich und Italien, wegen der Sprachähnlichkeit bevorzugter Zielort vieler Roma aus Rumänien, erlebten bisher unbekannte Ausbrüche des Rassismus. Ob die EU- Verantwortlichen das Problem in seiner ganzen Dimension erkannt haben, als sie Rumänien und Bulgarien in die Union aufnahmen? Vielleicht, vielleicht auch nicht. Aber lösen müssen sie es spätestens jetzt.

Die Franzosen wollen den "Heimatländern" der RomaFlüchtlinge die Verantwortung für deren Staatsbürger zuschieben. Leichter gesagt als getan. Daher ist es gut, dass die Vertreter der wichtigsten Aufnahmeländer nächste Woche die Romafrage wieder einmal gründlich diskutieren wollen. Österreich kann froh sein, dass es bei dieser Konferenz nicht dabeisein muss. Einem Land, das nicht einmal die kleine Arigona Zogaj aufnehmen wollte, stünde es schlecht an, anderen bei der größten Herausforderung in Sachen Zuwanderung gute Ratschläge zu geben. (Barbara Coudenhove-Kalergi/DER STANDARD-Printausgabe, 31.8.2010)

 

 

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