Ernst H.: "War in der gleichen Lage wie Frau Kampusch"

30. August 2010, 19:14
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Warum Ernst H. trotz seiner Angst die Polizei nicht verständigt hat, bleibt auch nach dem Gerichtsurteil unklar

Wien - Ernst H. ist dabei, sich um Kopf und Kragen zu reden - da stoppt Richterin Minou Aigner ihn mit ihrer Nachfrage. "Haben Sie ihm angeboten, in das leere Haus zu gehen, das Ihnen gehörte, oder hat er das von sich aus angesprochen?" "Na ja, im Prinzip habe ich es schon angeboten, es war sicher eine Überlegung", erwidert H., der im Wiener Landesgericht wegen Begünstigung vor Gericht steht. Der Begünstigung von Wolfgang Priklopil, den er am Tag von Natascha Kampuschs Flucht fünf Stunden durch Wien chauffiert hat.

"Ja, aber haben Sie ihm das angeboten?", wiederholt Aigner, während H.s Verteidiger Manfred Ainedter unruhig wird. "Nein, es ist schon von ihm gekommen", antwortet der 47-Jährige, und Ainedter kann sich wieder beruhigen.

Die Frage bei dem mit maximal zwei Jahren Haft bedrohten Delikt ist, ob er Priklopil zur Flucht verhelfen wollte oder nicht. Denn im Jahr 2006 hatte er noch behauptet, den Kampusch-Entführer nur kurz mitgenommen zu haben, erst 2009 gestand er, dass es länger gewesen ist. Nein, beteuert H., es sei keine Fluchthilfe gewesen, er habe einfach Angst gehabt. Zunächst hatte ihn Priklopil, den er seit gut 20 Jahren kannte und einer dessen weniger Freunde er war, am 23. August 2006 angerufen und dringend zum Einkaufszentrum Donauzentrum gebeten. H. kam - und als Priklopil im Wagen war, brach es bald aus ihm heraus, er legte eine Lebensbeichte ab. "Er hat gesagt, er werde von der Polizei gesucht, er sei ein Entführer und Vergewaltiger."

Die Angst kam, als ihm Priklopil erzählte, dass er beinahe einen Polizisten überfahren hatte. Und bei früherer Gelegenheit bereit gewesen sei, einen anderen Beamten zu erschießen. "Ich hatte Stanley-Messer und einen Schraubenzieher vorn liegen", mit diesen hätte er ja attackiert werden können. "Für mich war klar, dass jeder, der sich ihm in den Weg stellt, in Gefahr ist." "Ich war ungefähr in der gleichen Lage wie Frau Kampusch in ihrer Gefangenschaft", versucht er zu erklären. "Die hätte ja auch hundertmal die Chance gehabt, um Hilfe zu rufen. Ich war in der Falle." Daher die Fahrt durch Wien, der Versuch, Priklopil vom Selbstmord abzuhalten.

Zusammengebrochene Welt

Warum er nicht bei einem Stopp, bei dem er allein in einem Tankstellenshop war, um Hilfe gerufen hat? "Er gab mir den Auftrag, ganz schnell zurückzukommen." Warum er nach fünf Stunden, als Priklopil ausgestiegen war, nicht die Polizei verständigt hat? "Ich hatte Hunger." "Hunger kann aber nicht der Grund sein", hakt Aigner nach. "Ich war ja mit einem Auto mit Anhänger unterwegs, da kann man nicht einfach stehenbleiben." Schließlich: "Ich war geschockt, für mich ist ja eine Welt zusammengebrochen."

Die Richterin gibt sich damit zufrieden - und verliest das offensichtlich schon während des Prozesses geschriebene Urteil sofort nach dem Ende des Beweisverfahrens. Freispruch - da die Fahrt nicht den Zweck hatte, Priklopils Flucht zu ermöglichen. Und er berechtigte Angst hatte. Das Urteil ist nicht rechtskräftig. (Michael Möseneder/DER STANDARD-Printausgabe, 31.8.2010)

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    Fünf Stunden hat Ernst H. Kampusch-Entführer Wolfgang Priklopil chauffiert - aus Angst, sagt er.

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