Die beleidigte Majestät: Speedy Sarko im Umfragetief

30. August 2010, 17:51
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Schwere Zeiten für Nicolas Sarkozy: Fast zwei Drittel der Franzosen wollen nicht, dass sich ihr Präsident zur Wiederwahl stellt

Dieser versucht das Steuer mit Brachialgewalt herumzureißen und setzt auf Sicherheitsthemen.

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Nicolas Sarkozy verbrachte den Sommer in der südfranzösischen Ferienvilla der Familie seiner Gattin Carla Bruni - doch er sah nicht viel von der Côte d'Azur. Keinen Tag habe er richtig abgeschaltet, berichten Insider. Jeden Morgen habe er irgendeinen Minister aus dem Bett geschellt - vorzugsweise Innenminister Brice Hortefeux, Sarkozys Mann fürs Grobe.

Der schickt seit Wochen unwillkommene Roma nach Rumänien zurück, obwohl zuerst die Presse, dann die EU-Kommission und schließlich der Vatikan Einspruch erhoben. Als Sarkozy auch noch einen Zusammenhang zwischen Kriminalität und Immigration herstellte, protestierte selbst das UN-Flüchtlingshilfswerk. Nicht genug damit, kündigte Hortefeux kürzlich an, dass neben Polizistenmördern in Zukunft auch Polygamisten die französische Staatsbürgerschaft verlieren sollen.

Die Absicht dahinter wird, wie üblich bei Sarkozy, nicht einmal groß kaschiert: Mit seinem Herumreiten auf den Themen Recht und Ordnung greift der Sheriff Frankreichs in die gleiche politische Trickkiste, mit der er im Wahlkampf 2007 einen eklatanten Erfolg gefeiert hatte.

Aber jetzt sticht die Trumpfkarte nicht mehr: In Umfragen begrüßt eine knappe Mehrheit der Franzosen diese Maßnahmen. Gleichzeitig wünscht sie aber einen Sieg der Linken bei der nächsten Präsidentschaftswahl. Deutlicher noch: 62 Prozent der Befragten wünschen nicht, dass Sarkozy ein zweites Mal kandidiere. 57 Prozent denken, dass er nicht wiedergewählt werden würde - auch wenn er anträte.

Die Wirtschaftskrise spielt eine Rolle. In erster Linie sind die Franzosen aber eines Präsidenten müde, der so wenig präsidial, das heißt souverän, wirkt. Nicht einmal seine "politique sécuritaire" , die Sicherheitspolitik, verfängt mehr: Je mehr Härte Sarkozy an den Tag legt, so scheint es, desto mehr Autorität verliert er.

"Gauner der Republik"

Denn diese Härte wirkt allzu billig, allzu aufgesetzt. Marianne, das nach der nationalen Symbolfigur benannte Nachrichtenmagazin, bezeichnete Sarkozy in der Sommerpause in dicken Titellettern als "Gauner der Republik" und hielt dem Präsidenten vor, er bediene sich derselben Methoden wie das nazifreundliche Vichy-Regime im Zweiten Weltkrieg.

Eine solche Majestätsbeleidigung wäre in Paris unter Präsidenten wie de Gaulle, Mitterrand oder selbst Chirac noch undenkbar gewesen - jetzt verdoppelte sich die Auflage der Zeitschrift auf fast 400.000 Exemplare. In Sarkozys Partei UMP gehen prominente Exminister wie Alain Juppé, Jean-Pierre Raffarin oder Rachida Dati auf Distanz. Sein Rivale Dominique de Villepin spricht von einem "Schandfleck auf unserer Flagge" .

An der Sommeruniversität der sozialistischen Partei herrschte am Wochenende Frühlingserwachen. In einer anderen Meinungsumfrage werden nämlich gleich mehreren Linkskandidaten gute Siegeschancen gegen Sarkozy eingeräumt. Dominique Strauss-Kahn, der aktuelle Chef des Internationalen Währungsfonds, würde demnach mit 59 Prozent gegen den heutigen Staatschef gewinnen, Sozialistenchefin Martine Aubry mit 53 Prozent.

Das Wochenblatt Le point fragt deshalb diese Woche: "Hat er bereits verloren?" Paradoxerweise antworten die befragten Experten meist mit Nein. "Sarkozys Wählerbasis bleibt solid" , meint der Politologe Pascal Perrineau mit Verweis auf die eiserne Kontrolle der UMP durch Sarkozy. (Stefan Brändle aus Paris /DER STANDARD, Printausgabe, 31.8.2010)

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    Ein Präsident mit vielen Gegnern: In Frankreich wächst der Unmut über Nicolas Sarkozy, der sich in Umfragen niederschlägt.

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