Anleger kommen mit gefüllten Kassen

30. August 2010, 17:43
posten

Bei der "Go Global"-Politik geht es Peking vor allem um die Rohstoffsicherung

Peking - Pekings Monatsmagazin Trendy Reisen feierte 20-jähriges Bestehen, und der Jubiläumsausgabe lag ein ins Chinesische übersetzter Hochglanz-Verkaufskatalog von Harrods bei. Das Nobelkaufhaus hatte gleich seine Londoner Nummer angegeben. Betuchte Kunden können ihren Einkaufstrip vereinbaren. Großbritannien ist auf Besucher aus China gut zu sprechen.

Immobilienmakler Liam Bailey verriet Pekinger Journalisten, dass ihre Landsleute im Geschäftsjahr März 2009 bis März 2010 rund 170 Mio. Pfund (knapp 190 Mio. Euro) in Londoner Immobilien anlegten, ein Rekord. Die China Business News empfahl Neureichen, für Schnäppchen auch in die USA zu jetten. Nach ihrem zweiten Fall stünden dort die Häuserpreise "auf historischem Tief".

2009 reisten Chinesen 50 Millionen Mal ins Ausland. Weltweit sind sie als Touristen und private Anleger hochwillkommen. Wenn sie als strategische Einkäufer kommen, ist das jedoch anders. Kein Tag vergeht ohne Nachrichten von Übernahmeversuchen oder Aufkäufen ausländischer Konzerne durch chinesische Mitbewerber. Nie fehlt der Hinweis, dass die Zentralbank auf 2400 Mrd. Dollar Devisenschatz sitzt und der Staatliche Investitionsfonds CIC das nötige "Kleingeld" flüssigmacht.

Run auf die Rohstoffe

Die staatlichen "Kriegskassen" für Auslandserwerbungen sind gefüllt. Viele Unternehmen haben zudem Kapital an den Börsen aufgenommen. Allein in Hongkong waren bis Juli 547 Festlandunternehmen mit einer Kapitalisierung von 2,7 Billionen Hongkong-Dollar (350 Mrd. US-Dollar) notiert, sagte der Hongkonger Regierungsbeauftragte Stephen Lam auf einem Wirtschaftsforum in Fuzhou. Peking ermuntert zur "Go Global"-Politik. Priorität hat aber vor al- lem die Rohstoffsicherung. China muss seine Rohstoffe in gigantischen Mengen einführen. Bei Öl und Eisenerz sind es fast schon zwei Drittel seines Bedarfs.

Der private Autokonzern Geely musste lange warten, bis er im August die endgültige Genehmigung für seine Übernahme von Volvo erhielt. Einfacher hat es der Staatskonzern Chinalco (Chinas größter Aluminiumkonzern). Er erhielt im Juli vom Staatsrat die Erlaubnis, in ausländische Erzlagerstätten zu investieren. Auf der Wunschliste von Chinalcos börsennotierter Tochter Chalco (Chinas größter Metallhersteller) steht an erster Stelle Kupfer, von dem China 2009 mit 3,11 Mio. Tonnen über die Hälfte seines Bedarfs einführen musste. Vorstandschef Xiong Weiping will bis Ende 2010 einen Investitions-Fahrplan vorlegen. "Seltenerdmetalle" stehen auch darauf. Die einst wenig beachteten Metalle gelten heute als Grundstoffe der Zukunftstechnik, weil sie überall in der Hightech-Industrie Anwendung finden.

China verfügt selbst über die weltweit größten Lagerstätten, doch Peking versucht weitere Schürfrechte im Ausland zu erwerben, um sein Monopol abzusichern, während es zugleich Exporte von Seltenerdmetallen einschränkt.

In seinem neuen Buch China's Bold Future rechnet der Pekinger Wirtschaftsstratege Di Dongsheng mit 20 Jahren, bis die Unternehmen der Volksrepublik weltweit erfolgreich operieren. Staatsfirmen würden Schiffbruch erleiden, wenn sie ihre Managementmodelle aufs Ausland übertragen, private Unternehmer kommen mit Lohnstrukturen und Sozialleistungen im Ausland nicht zurecht, kämpfen mit bürokratischen Genehmigungsverfahren und unqualifizierten Mitarbeitern im Inland. China, das sein Wirtschaftsmodell gerade ändert, sollte versuchen, seine arbeitsintensive Produktion in weniger entwickelte Länder zu transferieren. Di plädiert auch dafür, Schifffahrts- und Handelsrouten auszubauen und ihre militärische Sicherung zu bedenken.

Pekings Politik ist schon dabei. Jüngst pachtete die Staatsreederei Cosco für 3,3 Mrd. Euro auf 35 Jahre den griechischen Containerhafen Piräus, Pekings erster Mittelmeerhafen, von dem aus es auch Zugang zum Schwarzen Meer hat. (Johnny Erling aus Peking, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 31.8.2010)

Share if you care.