Jochen Rindt. Der erste Popstar der Formel 1

31. August 2010, 00:52
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"Er hatte ein Gesicht wie eine Strecke, wo der Zug entgleist ist. Mit so einem Gesicht muss man was werden." André Heller über Jochen Rindt.

Und er wurde etwas. Was Österreichs erster Formel-1-Weltmeister dem Land bedeutete, kommt vielleicht am deutlichsten dadurch zum Ausdruck, das viele Menschen genau sagen können, wo sie am 5. September 1970 waren, als die Nachricht vom Todessturz Rindts sich Bahn brach.

Auch jetzt noch. Vielen aus der PosterInnen-Gemeinde von derStandard.at war es in den letzten Tagen ein Bedürfnis, diesen Moment noch einmal mitzuteilen. Kraft des Mythos, der mit jedem neuen Beitrag sich fortschreibt. Stellvertretend für sie root66: "Es war ein warmer Samstagnachmittag und ich war bei einem Spiel der Regionalliga Ost. Das Unglück hat sich damals wie ein Lauffeuer herumgesprochen, alle waren fassungslos!"

Die Etappen aus Jochen Rindts professionellem und privatem Leben sind nun, da sich die tragischen Ereignisse zum 40. Mal jähren, in einem Fotobuch von Ferdi Kräling nachzublättern. Die Texte von Herbert Völker, ebenfalls Zeitgenosse, sind kenntnisreich, leiden aber manchmal etwas an Benzinbrüderjargon.

Doch die Hauptsache sind hier ohnehin die Bilder. Beinahe 100 sind versammelt, aus einer Welt die fasziniert und unweigerlich Gefühle von Sehnsucht evoziert. Vielleicht, weil wir erst mit dem Abstand der Jahre bemerken, um wieviel unmittelbarer, unaufgegeregter aber auch ungeordneter, ungeschliffener und selbstbestimmter, ja, anarchischer sie erscheint. Und dann erschreckt feststellen, wie deutlich kontrastierend die Schalheit einer domestizierten Gegenwart hervortritt.

Eine Welt, in der die absolute Avantgarde des Motorsports immer noch wirkte wie eine bessere Bastelstube. In der man ungehindert an aufgebockten Boliden verbeischlendern konnte, an denen gerade ein bisschen herumgeschraubt wird und fette Presseleute in weißen Rippunterleiberln die Wortspenden der Fahrer in Notizblöcke kritzeln. In der Rindt, der angehende Weltmeister, unmittelbar vor Trainingsbeginn auf der Boxenmauer sitzend, noch schnell die Anmoderation für seine Fernsehsendung in die Kamera spricht.

In der die Boliden genauso aussahen, wie Rennwagen aussehen müssen. Der Lotus 72 mit seiner flachen Schnauze und den außenliegenden Kühlern wie ein Schritt aus dem Mittelalter in die Moderne, dessen Außerordentlichkeit auch der Laie auf Anhieb erkennt. Mit seinem Schöpfer Colin Chapman verband Rindt der Wille zum Erfolg und das Wissen, dass man sich auf dem Weg dorthin gegenseitig sehr nützlich sein kann.

Rindt mit Eislutscher, in fröhlicher Runde am Genfer See, mit seiner Frau Nina ein glamouröses, verboten gutaussehendes Paar bildend und immer wieder lässig mit Zigarette. Die romantische Figur des Graham Hill, mit seiner Mähne und den wuchernden Koteletten wie aus einem Musketierfilm entstiegen, hätte sicher auch hoch zu Ross galoppierend beste Figur gemacht. (Die ältlichen Bankbeamtentypen Jack Brabham und Denis Hulme gilt es eben auszublenden.)

Das Draufgängertum Rindts, der sich bei einer Rallyecross-Veranstaltung spontan zu einer Runde im Mini entschließt, seine Frau überredet mit einzusteigen – und sich prompt überschlägt. Zu Hause Tochter Natascha, einen Monat alt. Derselbe Rindt, der sich, abgelichtet beim Sprung in die Fluten von Acapulco, mädchenhaft die Nase zuhält.

Augenzeugenbericht Dieter Stappert, Journalist und später Rennleiter bei BMW: "(...) Einer zieht ihn an den Händen, zwei halten eine weiße Decke, um den Leuten auf der Tribüne die Sicht zu verspreren, sie ziehen ihn nach vorne heraus, legen ihn auf die Bahre, die rechte Hand fällt herunter, und da nimmt einer die Hand und legt sie auf die Brust, wie bei einer Puppe (...)"

Der berühmte Schnappschuss, auf dem Rindts Freund Jackie Stewart der schönen, jungen, von Kameras bedrängten Frau zuspricht, die gerade zur Witwe geworden ist. In seiner Erbarmungslosigkeit muss man erkennen, dass keine Zeit unschuldig sein kann. (rob, derStandard.at, 31.8. 2010)

  • Herbert Völker, Ferdi Kräling
Jochen RindtDer erste Popstar der  Formel 12. Auflage.152 Seiten, 12 Fotos (farbig), 98 Fotos (s/w),gebunden mit Schutzumschlag, € 30,80.ISBN 978-3-7688-2650-1Delius Klasing Verlag,  Bielefeld

    Herbert Völker, Ferdi Kräling

    Jochen Rindt
    Der erste Popstar der Formel 1

    2. Auflage.
    152 Seiten, 12 Fotos (farbig), 98 Fotos (s/w),
    gebunden mit Schutzumschlag, € 30,80.
    ISBN 978-3-7688-2650-1
    Delius Klasing Verlag, Bielefeld

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