Spätromantik im Spätsommer

30. August 2010, 17:48
6 Postings

Simon Rattle beschließt mit den Berliner Philharmonikern die Salzburger Festspiele

Salzburg - Wenn des Sommers Haupt sich beugt, wenn schwül zu kühl und blau zu grau wird, wenn Tropfenförmiges statt aus Poren aus Himmelstoren dringt, dann kommen die Berliner Philharmoniker nach Salzburg, und die Salzburger Festspiele gehen zu Ende.

Wer schon komplette Saisonen an der Salzach mitverfolgen durfte, weiß, man freut sich auf die Berliner. Die Mitglieder der Wiener Philharmoniker, sie zeigen sich zu diesem Zeitpunkt ob der mannigfaltigen Verpflichtungen innerhalb und außerhalb der Festspiele mitunter schon etwas mürbe, wohingegen die Berliner Kollegenschaft nach zweimonatigen Orchesterferien gerade mal die Saisoneröffnung hinter sich hat.

Aber in Salzburg, da enden die Dinge, und was passte besser zu einem Abschiednehmen als Richard Strauss' Vier letzte Lieder, dieser harmonietrunkene Abgesang des beharrlichen bajuwa-rischen Klangzauberers? Doch Rührseligkeit und Wehmut wollten sich nicht einstellen, als Simon Rattle und seine Berliner den etwas strahlschwachen, nicht durchgängig verständlichen Sopran von Karita Mattila mit wenig farbenprächtigen, kaum changierenden Klängen umkleideten. Zuvor schon hatte das Festspielpublikum das wirkungsarme Parsifal-Vorspiel mit einem der kürzesten Applause dieses Sommers zur Kenntnis genommen.

Doch dann kam die Moderne, und alles wurde gut. Arnold Schönbergs Fünf Orchesterstücke op. 16, Anton Weberns Sechs Stücke für Orchester op. 6b sowie Alban Bergs Drei Orchesterstücke op. 6 hatte Rattle zum - bitte binnenapplausfreien! - Triptychon arrangiert und das Publikum darum gebeten, das dreifaltige Lehrer-Schüler-Ensemble doch "wie eine 11. Symphonie von Gustav Mahler" zu erleben.

Kein Problem. Denn Rattle präsentierte das atonale Werk in spätromantischer Sattheit. In süffigem Ton malten die Streicher bewegende Linien der Larmoyanz und der Melancholie, ließen ein Kaleidoskop der Klang-Mikrokosmen leuchten. Und auch beim Weberns Orchesterstücken, die wie ein Destillat des ein Jahr zuvor komponierten Werks seines Lehrers Schönberg wirkten, hörte man noch das allerkleinste Motiv von einem expressiven Gestus durchdrungen, aussageprall, gefühlsintensiv dargestellt.

Bei Bergs Orchesterstücken, die mit ihrer thematischen Überfülle, mit ihrer Freude am tänzerischen Element an Mahler, durch ihr Instrumentationsgenie und ihre Freude an der theatralischen, effektvollen Dramatik an Strauss erinnern, mutierten die Berliner schlussendlich komplett zum orchestralen Füllhorn, welches in tausend Farben und Klängen gleichzeitig übergehen kann.

Großer, mächtiger Applaus zum Ende, wie ein satter Regen der Begeisterung. (Stefan Ender, DER STANDARD - Printausgabe, 31. August 2010)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Simon Rattle führte frische Berliner Philharmoniker.

Share if you care.