Intensität und ihr Schatten

30. August 2010, 17:10
4 Postings

Pianistische Exzesse als fulminanter Höhepunkt des Jazzfestivals Saalfelden

Saalfelden - Jenes schöne Extrabudget, mit dem man sich im Vorjahr zum 30. Festivalgeburtstag die Einladung von Altmeister Ornette Coleman leisten konnte, existierte heuer nicht. Mit Tenorsaxofonist Odean Pope (Jahrgang 1938) hatte man zum Festivalausklang allerdings theoretisch auch einen Veteranen im Angebot, der kraft seiner Biografie für eine authentische und hitzige Anbindung an die Jazzgeschichte sorgen hätte können.

Rein stilistisch betrachtet, tat der Ex-Partner von Schlagzeuger Max Roach dies auch. Nach einem Aufwärmen im jenen modalen Räumen, die an John Coltranes ekstatische Innovationen der 1960er-Jahre erinnerten, bog sein in einigen Positionen jedoch leider umbesetztes Oktett ab zum Hardbop. Ausuferndes Themenmaterial von gewaltiger Notenfülle konnte jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass Pope nur noch mit voluminösem Saxofonton etwas Intensität generieren konnte.

Von der alten prägnanten Rhetorik knackiger, ins freie Spiel sich aufschwingender Linien waren allerdings nur noch Reste übrig. An sich selbst (in Bestform) gemessen, hat Pope also an Intensität verloren. Wenn er nicht gerade seinen Kollegen die Improvisationsmanege überließ, suchte er mit Routinephrasen und Exzentrik über die Solorunden zu kommen. Der Eindruck allerdings blieb: Hier war nicht mehr viel übrig von der vitalen Kunst, die man einst auch in Saalfelden durch Pope erleben durfte. So wird vom Finaltag der heftige Beitrag des aus Seattle kommenden Quintetts Speak in Erinnerung bleiben - besonders aber die Arbeit von Pianistin Sylvie Courvoisier, die mit dem Quartett des Geigers Mark Feldman eine trotz großer Freiräume sehr präzise und durchdachte Gesprächsstunde absolvierte.

Courvoisier verfügt einerseits über energetische Kräfte, die an den Altmeister der Klavierekstase, Cecil Taylor, erinnern. Zum bisweilen perkussiven Einsatz des Klaviers kommt allerdings auch eine bis ins Filigrane reichende, sehr ausdifferenzierte Klangkultur. Wenn dieser Ausdrucksmix in Interaktion besonders etwa mit Schlagwerker Gerry Hemingway geriet, ergab das extrem aufgeladene und doch auch durchdachte Momente ungebundener Improvisation.

Das zusätzlich Schöne war dann Feldmans Geigenkontrast: Zwischen den freien Passagen postierte er kurze barock anmutende kontrapunktische Episoden; mitunter wirkten seine Zwischenspiele auch, als würde eine kleine Sonate der Wiener Klassik wiedererweckt werden. Solche Zäsuren hatten dann auch formbildende Kraft, da sie das expressive, freie Spiel elegant unterliefen und für eine Kompaktheit des ganze Projektes sorgten. Sicher ein Höhepunkt des Festivals.

Er untermauerte zudem, dass Saalfelden nicht nur einer der wenige Orte hierzulande ist, der eine Moschee mit Minarett hat, sonders auch ein Ort mit einem der besten Improvisationsfestivals Europas. Nach wie vor. (Ljubiša Tošić, DER STANDARD - Printausgabe, 31. August 2010)

  • Tenorsaxofonist Odean Pope spielte Hardbop.
    foto: jazzfestival saalfelden

    Tenorsaxofonist Odean Pope spielte Hardbop.

Share if you care.