"Alle Menschen sind ein bisschen Serben“

30. August 2010, 16:30
13 Postings

Sreten Ugričić, Schriftsteller und Direktor der Serbischen Nationalbibliothek, erzählt im Gespräch mit daStandard.at, was faul im Staate Serbien ist, und was die Literatur dagegen tun kann

daStandard.at: Als Direktor der Nationalbibliothek bekleiden Sie eine wichtige Funktion im Land. Als Schriftsteller haben Sie den Ruf, zu provozieren und ein schonungsloser Kritiker der herrschenden Zustände im Land zu sein. Wie lässt sich das vereinbaren?

Sreten Ugričić: In Serbien wird alles politisch und ideologisch interpretiert. In meinem Roman "An den unbekannten Helden" spreche ich einige Aspekte des Serbentums direkt an, und die Reaktionen aus den rechten Kreisen waren sehr negativ, aber für mich auch äußerst interessant. Ein Kritiker warf mir vor, das Serbentum zu entmystifizieren, was für ihn geradezu eine Sünde darstellte. Aber für mich ist das ein Kompliment! Genau deshalb habe ich ja das Buch geschrieben, um zu entmystifizieren, zu dekonstruieren, um diese ausschließenden Überzeugungen in Frage zu stellen und zu destabilisieren, eben weil die Konsequenzen solcher Überzeugungen in unserer jüngsten Vergangenheit fürchterlich waren.

Insgesamt wird meine literarische Tätigkeit nur von einem relativ engen Kreis öffentlich kommentiert. Manche Kritiker haben es abgelehnt, mein Buch zu rezensieren, mit der Begründung, dass sie es nicht wagen. Ich weiß nicht, ob das eine Angst vor dem Text ist, oder ob es die Angst vor einer politischen Positionierung ist.

Bedeutet das also, dass man in Serbien seine Meinung nicht frei äußern kann?

Ugričić: Nein, das meine ich nicht, das wollte ich damit nicht sagen. Serbien ist heute auf jeden Fall ein Land, wo man alles sagen kann. Ich habe in meinem Buch auch alles gesagt, und Sie sehen, ich lebe noch (lacht). Es ist eher so, dass es in Serbien eine Politik des Ignorierens gibt. Milošević hat das Ignorieren der Opposition praktisch patentiert, er hat alles Oppositionelle einfach ignoriert und den stillen Medientod sterben lassen. Er hat intuitiv begriffen, dass Ignorieren das Schlimmste ist, was man gegen einen politischen oder ideologischen Feind auffahren kann. Wenn du nämlich regierst, nützt du dem, was für dich feindlich ist, weil du dich ja irgendwie darauf beziehst.

Ihre Art, über Serbien zu schreiben, wird jedenfalls mancherorts als Provokation aufgefasst. Ist es Ihr Ziel, zu provozieren?

Ugričić: Nein, mein Ziel ist es nicht. Und es geht mir auch gar nicht nur um Serbien. Mein Roman ist eindeutig in Serbien angesiedelt, aber natürlich hätte ich auch ein Dänemark erfinden können, in dem etwas faul ist. Darum geht es aber nicht. Wir wissen, jedes Land ist mehr oder weniger dieser Staat Dänemark, in dem etwas faul ist. Provokation ist nicht mein Ziel, sondern die Folge dessen, was ich zu sagen habe. Ich habe versucht, über die Position des Individuums in einer repressiven, manipulativen Gesellschaft zu schreiben, in der Korruption, Kriminalität und Werteverfall herrschen. Was passiert mit Menschen in einer solchen Gesellschaft? - Das ist mein Thema. Diese Geschichte kann man in Serbien erzählen, aber auch woanders. Zum Beispiel wurde Orwells "1984" im Westen als Kritik am Stalinismus aufgefasst, im Osten wiederum als Kritik am Kapitalismus. Es ist auch egal, wo man diese Geschichte geopolitisch ansiedelt, denn das Thema ist viel universaler. Wie manipuliert der Staatsapparat Menschen, welche Folgen hat es, wenn die Freiheit systematisch eingeschränkt wird? Das ist es, was mich interessiert.

Wie sieht es mit der Leserschaft in Serbien aus? Hat sich das Leseverhalten in den letzten Jahrzehnten verändert?

Ugričić: In der Milošević-Ära wurde die Kultur weitgehend durch eine Turbo-Kultur und vulgäres Entertainment ersetzt. Wenn das kulturelle Niveau systematisch herabgesetzt wird, in allen Medien und Institutionen, Jahr für Jahr, Tag für Tag, dann kommen irgendwann erschreckende Resultate dabei heraus. Das wirkt sich auch auf die Kultur des Lesens aus. Die Menschen kaufen immer weniger Bücher und nutzen auch die Bibliotheken immer weniger. Das liegt sicherlich auch an der allgemeinen Verarmung, die Menschen haben kein Geld für Bücher, und auch die Budgets der Bibliotheken lassen zu wünschen übrig. Andererseits ist die Buchmesse in Belgrad extrem gut besucht, drei Tage lang wird die Literatur zelebriert. Aber viel interessanter ist doch, was an den restlichen dreihundertzweiundsechzig Tagen passiert, ob die Menschen die Bücher, die sie an der Buchmesse erworben haben, auch wirklich lesen.

Wie steht die Literatur aus Serbien derzeit in der Welt da? Gibt es für Serbien spezifische Tendenzen?

Ugričić: Wenn Terror, Angst und Manipulation die Grundlage einer Gesellschaft bilden, wie das in Serbiens jüngster Vergangenheit der Fall war, dann ist das natürlich gut für die Literatur, es bietet ewigen Stoff und Struktur. Serbien ist nächstes Jahr Gastland der Leipziger Buchmesse, und meine These ist, dass alle Menschen ein bisschen Serben sind, so wie nach Shakespeare auch alle Menschen ein bisschen Dänen sind. Ich bin sicher, dass die Leser etwas über sich selbst erfahren werden, während sie glauben, sie lesen etwas über Serben.

Ein anderer Punkt ist, dass Serbien kulturell auf dem Nullpunkt steht. Die Milošević-Jahre haben die Substanz der Kultur ausgesaugt, aber das ist eine Chance, dass Literatur mit Universalitätsanspruch entsteht. Es ist wie ein Faust-Syndrom, das sich durch die europäische Kultur zieht: Der Teufel treibt sein Unwesen, vor kurzem war es Deutschland, davor in Frankreich und noch früher in Griechenland. Heute hier, morgen woanders. In solchen Gebieten kondensiert sich die menschliche Erfahrung auf eine Art, die später eine faustische Transformation herbeiführt. Die Kunst wirkt dann wie eine Alchimie, die durch Terror, menschliches Leid und Blut gezahlt wird. Post festum hat die Literatur die Kapazität, aus diesen Erfahrungen etwas zu schaffen, das von universellem Wert und von großer Relevanz ist. Darin sehe ich heute die Chance für die serbische Literatur. In Serbien sollte man heute nicht Bücher schreiben, die auch woanders geschrieben werden könnten. Das wäre so, als würde der Elefant im Porzellanladen stehen, und keiner schaut hin. (Mascha Dabić, 30. August 2010, daStandard.at)

Sreten Ugričić wurde 1961 in Jugoslawien geboren. Er ist Romancier, Konzeptkünstler, Astronom und Philosoph. Als Direktor der Serbischen Nationalbibliothek ist er Ko-Vorsitzender des Auswahlkomitees der World Digital Library (WDL) und Vorstandsmitglied von The European Library (TEL). Ugričić ist Mitglied des serbischen P.E.N. Sein Roman "An den unbekannten Helden" wird 2011 in deutscher Übersetzung im Dittrich-Verlag erscheinen.

  • "Wenn das kulturelle Niveau systematisch herabgesetzt wird, in allen Medien und Institutionen, Jahr für Jahr, Tag für Tag, dann kommen irgendwann erschreckende Resultate dabei heraus."
    foto: privat

    "Wenn das kulturelle Niveau systematisch herabgesetzt wird, in allen Medien und Institutionen, Jahr für Jahr, Tag für Tag, dann kommen irgendwann erschreckende Resultate dabei heraus."

Share if you care.