"Netz-Rechte" im Aufwind

30. August 2010, 15:05
40 Postings

Sie wettern gegen Koreaner, Chinesen und Westler in Halloween-Kostümen - Und haben ein ungewöhnliches Vorbild: Die Tea-Party-Bewegung

Die koreanischen Schüler hatten Angst. Vor ihrem Schultor in Kyoto versammelten sich ein Dutzend Japaner mit Bullhörnern und beschimpften die Schüler "Kakerlaken" und "koreanische Spione", berichtet die New York Times. Die Episode passierte im Dezember vergangenen Jahres und war die erste in einer Serie von ausländerfeindlichen Protesten, die das konfliktscheue Japan schockierten, wo politischer Protest kaum direkte Konfrontationen bedeutet.

Die Polizei hat nach dem öffentlichen Aufschrei im August vier der Demonstranten verhaftet. Mit den Protesten drängen neue ultranationalistische Bewegungen in Japans Öffentlichkeit. Die Gruppierungen sind offen ausländerfeindlich und schrecken auch nicht vor unerlaubten Straßendemonstrationen zurück. Ziel ihrer Angriffe sind nicht nur die in Japan lebende halbe Million Koreaner, sondern auch Chinesen und andere Arbeitsmigranten aus Asien. Aber auch christliche Kirchgänger und US-Amerikaner in Halloween-Köstumen. Letzteren wurden Plakate entgegengehalten auf denen "Das ist kein weißes Land" zu lesen stand.

Im Internet organisiert

Lokale Medien bezeichnen diese nationalistischen Bewegungen als "Netz-Rechte", weil sie sich überwiegend im Internet organisieren und sich lediglich bei Demonstrationen treffen. Die Gruppen sind zwar ein lautstarkes aber dennoch zahlenmäßig kleines Phänomen. Die meisten Mitglieder sind junge Männer in schlecht bezahlten Teilzeitjobs, schreibt die New York Times.

Keine Neonazis

Soziologen lehnen aber Vergleiche mit Neonazigruppierungen ab: Den Bewegungen fehle der ideologische Unterbau einer rassischen Überlegenheit und noch sind die Demonstrationen gewaltfrei. Es gibt keine Berichte von Verletzungen oder anderen Gewalttaten bei Demonstrationen, die über Drängeleien und Schreien von Parolen hinausgehen. Die "Netz-Rechten" scheinen eher ein Ventil für die Frustration einiger Japaner über den geschwächten Status des Landes und den eigenen ökonomischen Schwierigkeiten zu sein.

"Das sind Männer, die sich in ihrer eigenen Gesellschaft entrechtet fühlen", sagt Kensuke Suzuki, Soziologieprofessor an der Kwansei Gakuin Universität. "Sie suchen jemanden, dem sie die Schuld geben können und Ausländer sind ein naheliegendes Ziel."

Traditionelle Rechte distanzieren sich

Sie unterscheiden sich auch von den traditionellen Rechts-Parteien in Japan, die auch oft in paramilitärischen Uniformen und schwarzen Trucks mit Militärmusik in den Straßen Tokios zu sehen sind. Mitglieder dieser Parteien haben sich bereits von den neuen Rechten distanziert und tun sie als lärmendes Gesindel ab. "Diese Gruppen sind keine Patrioten, sondern suchen nur nach Aufmerksamkeit", sagt Kunio Suzuki, ein Berater von Issukai, einer rechten Gruppierung mit hundert Mitgliedern und eine Flotte an Lautsprechertrucks, zur New York Times. Aber Suzuki gibt zu, dass die "Netz-Rechten" verstärkt Zulauf haben, während die traditionellen Rechte einen Mitgliederschwund beklagt und insgesamt nur mehr 12.000 Mitglieder zählt. Das entspricht einem Zehntel der Größe, die sie in den 1960er Jahren erreichten.

Zu den "Netz-Rechten" gibt es keine konkreten Zahlen. Die größte Gruppe, die sich "Citizens Group That Will Not Forgive Special Privileges for Koreans in Japan" (abgekürzt Zaitokukai) nennt, hat ungefähr 9.000 Mitglieder. Zaitokukai erlangte Bekanntheit, als sie vergangenes Jahr die Ausweisung einer 14-jährigen Phillipinin forderte, nachdem ihre Eltern das Land wegen ihrer bereits abgelaufenen Visa verlassen mussten. Die Gruppe protestierte auch vor Kinos, die den Film "The Cove" zeigten. In dem US-amerikanischen Dokumentarfilm wird die Tradition der Delfinjagd in Japan kritisiert, was Zaitokukai als anti-japanisch brandmarkt.

Ausländer als Sündenböcke

Die "Netz-Rechten" eint die Idee, dass die Ausländer an den steigenden Kriminalitäts- und Arbeitslosenraten schuld seien. Auch dafür, dass Japan auf der Weltbühne immer mehr an Relevanz verliert, seien sie verantwortlich. Auch hängen sie Verschwörungstheorien an, wonach Japan von den USA und China unterminiert würden.

Vorbild Tea-Party

"Japans Kuchen wird kleiner", sagt Masaru Ota, Repräsentant der Zaitokukai in einem Vorort von Tokio. "Sollten wir den mit Ausländern teilen, in einer Zeit in der Japaner leiden?" Zaitokukai hat seit der Gründung vor dreieinhalb Jahren regen Zulauf. Gründer ist ein 38-jähriger Steuerberater, der sich Makoto Sakurai nennt. Sakurai wehrt sich gegen den Vergleich mit neonazistischen Gruppen und nennt stattdessen ein anderes Vorbild: Die Tea-Party Bewegung in den USA. Er habe Videos von Protestaktionen der Tea-Party studiert und Gemeinsamkeiten erkannt: Beide glauben, das Land bewege sich in eine falsche Richtung, weil es in die Hände von linken Politikern, liberalen Medien und an Ausländer gefallen sei. "Sie haben Japan machtlos gegen China und Korea gemacht", empört sich Sakurai, der sich weigert, seinen richtigen Namen zu nennen. Er gibt zu, dass die Taktik der Gruppen viele Japaner geschockt habe. Das sei aber nötig gewesen, um Aufmerksamkeit zu bekommen. 

Parknutzung nur für japanische Kinder

Sakurai verteidigt auch den Protest vor der koreanischen Schule. Die Kinder hätten den nahen öffentlichen Park benutzt, der rechtmäßig nur japanischen Kindern zustünde. Für die Eltern und Kinder der Schule ist das nur eine fadenscheinige Entschuldigung. Sie sagen, die Proteste hätten die Kinder und sie selbst in Angst versetzt. (red, derStandard.at, 30.8.2010)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Rechte Walfang-Unterstützer protestieren gegen die Anti-Walfang-Gruppe Sea Shepherd. Ob es sich bei den Demonstranten um Mitglieder der "Netz-Rechten" handelt ist nicht bekannt.

  • Quelle: Youtube

    Video eines Aufmarsches der traditionellen Rechten in Tokio.

     

Share if you care.