"Reich werde ich nicht, da­für lebe ich mein Leben"

30. August 2010, 02:31
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Der 30-jährige Wiener Tom Hartmann lebt für Wasser, Wind und Wellen

Mauritius/Wien - Zuerst Maui auf Hawaii, dann Leucate in Südfrankreich, Podersdorf am Neusiedler See, Gardasee, Korsika, Sardinien, Lefkada in Griechenland, Zypern, Bulgarien, Türkei, Mauritius, Madagaskar, wieder Mauritius, wieder Griechenland, Irland, Australien. Dann ist es erst Oktober 2010, so weit reicht vorerst der Plan.

Tom Hartmann kommt, da kann man neidisch werden oder nicht, ziemlich herum. Würde der 30-jährige Wiener irgendwo angestellt sein, Reisespesen und Tagesdiäten geltend machen können, er wäre ein gemachter Mann. Das spielt es freilich nicht in seiner Branche. Viele Reisen werden selbst finanziert, ob sich der Trip finanziell ausgezahlt hat, entscheidet sich erst im Nachhinein. "Reich werde ich nicht", sagt er. "Dafür lebe ich mein Leben."

Tom Hartmann lässt sich vom Wind treiben, er surft ihn ja auch. Manchmal gibt er sich die Freestyle World Tour, manchmal die European Tour. "Aber einfach frei Surfen liegt mir mehr."

Der Standard erwischt Hartmann auf Mauritius, einer Insel östlich von Madagaskar im Indischen Ozean. Mauritius ist, no na, ein Dorado für Windsurfer, Hartmann verbringt im Jahr bis zu zwei Monate dort. Er lässt sich in den Wellen für eine DVD filmen, die im Winter veröffentlicht wird. Das soll ein bisschen Kohle hereinbringen und seine Sponsoren wie Naish und Protest Boardwear zufriedenstellen.

"Nur von den Preisgeldern auf der Tour könnte ich nie und nimmer leben", sagt Hartmann. Seine lukrativsten Ergebnisse, Top-fünf-Platzierungen bei europäischen Events, Top 16 in der Weltelite, hätten gerade einmal die Reisekosten abgedeckt. Das ist auch der Grund, wieso sich so wenige Österreicher den Weltcup antun, nur eine Handvoll Österreicher ist sporadisch bei Freestyle-Events dabei. "Das ist eine Frage der Leistbarkeit. Wenn man nur vom Weltcup-Surfen leben will, muss man 150 Prozent geben."

Hartmann fährt seit neun Jahren Bewerbe, in jüngerer Zeit hat er sich von der Disziplin Freestyle (technische Tricks im Flachwasser) auf Wave spezialisiert. "Das ist richtiges Surfen", sagt er, und er meint Sprünge über und Manöver in meterhohen Wellen. Den August hat Hartmann also mit richtigem Surfen auf Madagaskar verbracht, auf der Suche nach unbekannten Revieren.

Die besten Spots sind nur mit Geländewagen zu erreichen, weil die Straßen irgendwann einfach aufhören. "Wir haben im Nirgendwo in Bambushütten gewohnt, wo zwei Stunden am Tag der Strom aufgedreht wird", erzählt er. Die Wellen waren sechs bis sieben Meter hoch, alleine dafür hat sich der Trip ausgezahlt. Außerdem wollen einige Surfmagazine seine Erlebnisse in Bild und Text abdrucken, womit Geld für die nächsten Reisen gesammelt wird.

Die Gefahren dieser Ausflüge werden erst im Nachhinein fassbar. "Es gab enorme Strömungen, gewaltige Brecher, aber keine Rettungsboote im Wasser, geschweige denn ein Krankenhaus in der Nähe. Wenn dir dort was passiert, dann kannst dir gratulieren." Ans Aufhören will der 30-Jährige nicht einmal denken, auch wenn er mittlerweile schon die Annehmlichkeiten von Organisationsjobs entdeckt hat. Seit zwei Jahren fungiert er bei der European Tour als Renndirektor. Und 2007 hat er mit einem Freund eine Surf-Schanze entwickelt, die auch im Flachwasser wie dem Neusiedler See Sprünge zulässt. Hartmann vermietet sie, geht damit quasi selbst auf Europa-Tour.

Nullsummenspiel

Der Steirer Christian Sammer war der bisher letzte österreichische Windsurfer, der sich die komplette Freestyle-Tour leisten konnte. 2003 etwa gewann er den Event in Podersdorf, 2006 wurde er bei einem Turnier auf Mykonos Vierter. "Das Preisgeld betrug 600 Euro. Der Flug hat 400 Euro gekostet, und nach der Party bin ich mit null ausgestiegen", erzählt Sammer. "Wegsparen hat man sich auch mit den Sponsoreinnahmen nichts können."

Mittlerweile arbeitet der 30-Jährige im Vertrieb der großen Surf-Firma Boards & More, er ist verheiratet und zweifacher Papa. "Mich hat das richtige Leben eingeholt", sagt Sammer. Seine Leidenschaft freilich wird er nicht mehr los. "Ich weiß nicht, wie oft ich am Tag Wind und Wetter checke und Termine so plane, dass sich noch ein paar Stunden auf dem Brett ausgehen." Für 24. bis 26. September hat Sammer schon geplant, da nimmt er wie Tom Hartmann in Podersdorf an den österreichischen Staatsmeisterschaften teil. "Da ist", sagt Sammer, "definitiv noch mit mir zu rechnen. (David Krutzler, DER STANDARDprintausgabe 30.08.2010)

  • "Tom Hartmann ist, das sieht man ihm an, ein Surfer."
    foto: flora bikich

    "Tom Hartmann ist, das sieht man ihm an, ein Surfer."

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