Echte Wiener

"Nie hat einer Ausländer zu mir gesagt"

29. August 2010, 20:52
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    foto: christian fischer

    Lernte Koch und Kellner, importierte T-Shirts und Hosen aus Italien und verkauft jetzt Wein am Wiener Rochusmarkt - ab Herbst nur noch in Magnum-Flaschen: Jurij Abramov.

Jurij Abramov aus Samarkand in Usbekistan besitzt eine kleine Vinothek am Rochusmarkt in Wien

Es klingt kitschig, aber für mich ist Wien wirklich "anders". Der Slogan stimmt: Diese Stadt bietet dir alle Möglichkeiten. Du musst sie nur sehen. Die meisten tun das nicht. Ich schon. Die besten Ideen kommen, wenn ich mit dem Fahrrad um den Ring und in die kleinen Gassen im ersten Bezirk fahre - meine liebste Entspannung, sehr kreativ.

Meine eigentliche Heimat ist der dritte Bezirk, das Fasanviertel, wo ich vor 38 Jahren angekommen und aufgewachsen bin. Ich redete schon als Kind wie die anderen Wiener, nie hat damals einer "Ausländer" oder "Russe" zu mir gesagt.

Dabei war ich schon sechs Jahre alt, als wir nach Wien kamen. Wir haben Samarkand, die Heimatstadt meiner Eltern im heutigen Usbekistan, verlassen. Mein Vater hat Lebensmittelkunde an der Universität gelehrt, und er war mit dem russischen Regime nicht einverstanden. In Wien hat er erst im "Feuervogel" als Koch gearbeitet und sich dann mit einem eigenen Gasthaus in Floridsdorf selbstständig gemacht.

Ich hab bei ihm eine Koch-Kellner-Lehre angefangen. 1981 hatte er leider einen schweren Autounfall und musste das Gasthaus aufgeben. Ich hab dann beim "Grünwald" am Bauernmarkt weitergelernt. Der dortige Oberkellner war der einzige Wiener, der mich je wie einen Ausländer behandelt hat. Dauernd hat es geheißen: "Zah an, Ausländer!", "Hackel was, Ausländer!" - ich bin dann irgendwann gegangen.

Einmal war ich im U4 mit einem T-Shirt aus Italien, da haben mich alle darauf angeredet. Hab ich mir gedacht: Die könntest importieren. Hab ich dann auch gemacht, zuerst mit einem italienischen Partner samt Kleinbus, dann allein. Ich habe auch versucht, mit Textilien in Portugal Fuß zu fassen - das war weniger erfolgreich. In den 90er-Jahren war ich in Moskau, da haben sie mir die italienischen Leiberln und Hosen aus den Händen gerissen. Leider war ich ein Opfer der Rezession 1998, hatte wieder nichts. Dann haben sie mir das Visum nicht verlängert. Ich war in der komischen Situation, der Ausländer in Russland zu sein.

Handel mit Lebensmitteln

Zurück in Wien, hab ich die Idee gehabt, mithilfe meiner alten Beziehungen einen Handel mit Lebensmitteln aufzuziehen: Bio-Mozzarella und Wein aus Italien für Pizzerias in Wien - das hat so gut funktioniert, dass ich bald am Naschmarkt mein eigenes Geschäft gehabt habe.

Die Vinothek Rochus hat sich ergeben, weil der Vorbesitzer sie loswerden wollte. Ich hab gleich das Konzept geändert. Mein Prinzip lautet: kleines Geschäft, kleine Winzer, große Flaschen. Ab Herbst gibt's bei mir nur mehr Magnum-Flaschen, dafür aber nur von kleinen Weinbauern, vor allem aus Österreich. Die machen oft die besten Weine - aber sie haben zu wenig Unterstützung.

Durch mich werden diese kleinen Winzer bekannt in Wien. Ich habe sehr viele prominente Gäste, die mögen mein Konzept. Und immer wieder hör ich: "Jurij, du bist eh ein echter Wiener." (Petra Stuiber/DER STANDARD-Printausgabe, 30.8.2010)

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 40
1 2
Adolf Ogi
00
10.6.2011, 06:59
eine Information fehlt

Google: Kreisky Flüchtlinge 1973 (2011 - 38 = 1973)

Animation
 
00
24.1.2011, 18:48
was heisst da "EH" ein echter wiener?

das klingt ja fast wie dem fakte zum trotz.

Nele_1
00

SAUFEN AM ROCHUSMARKT GEHT IMMER UND SONST????

nebenerwerbsposter
12
30.8.2010, 12:29
beeese worte

ihr stellt in dieser (guten!) serie leute vor, die sogar der blaubrüller als "brave ausländer" bezeichnen würde. jetzt möchte ich bittschön noch ein paar richtige mieslinge sehen - schon allein, damit die üblichen schmonzesposter was zu tun haben...

Pessimist-Realist
 
00
24.3.2011, 22:33

EIn "Ausländer", der es in Wien durch Fleiß, Tatkraft und Durchhaltevermögen zu was gebracht hat.
Was gibt es bitte an dem von irgendwem auszusetzen? An IHM gibts (scheinbar) nichts auszusetzen - aber das trifft nicht auf alle Menschen (egal woher sie auch immer kommen mögen) zu.
Oder darf man sich (wenn es nach dir gehen würde), nur dann über etwas ereifern, wenn ein öster. Staatsbürger etwas verbrochen hat? Oder gilt man dann bei dir (und Leuten wie dir) als "blaubrüller" oder gar als "schmonzesposter"? Medien dürften (wieder, wenn es nach DIR gehen würde) schon frei über alles berichten, oder würden sie dann nicht mehr als "qualitativ hochwertig" angesehen werden?

Sand
715
30.8.2010, 08:52
Glücklicher Jurij Abramov!

Nachdem wir Anfang der 50er aus Slowenien nach Kärnten kamen nannten mich, damals 11 Jahre alt, etliche Gymnasiallehrer und später Hochschulprofessoren, alle ehemalige Parteimitglieder, von Partisanenhäuptling über Eseltreiber, Tito und schlimmeres, was auch den Mitschülern das Recht gab mich zu mobben. Erst nach meiner Auswanderung aus Österreich verschwand das Gefühl ständig gejagt zu werden.
Jeder Besuch in Österreich löst bei mir immer noch ein Unbehagen aus.

Thrillhouse van Houten
00
Ausländer

kann mich noch an meine volksschulzeit erinnern...

die lehrerin sagt: "Alle in einen Kreis stellen und dem Nachbarn die Hand geben" (Musikunterricht glaub ich)

auf einmal schreit eine neben mir:" WEH, NEIN, DEM GEB ICH MEINE HAND NICHT, DER IST TÜRKE"

dabei bin ich aus kroatien...

Alina Zak
010
in Wien reden auch die Migranten so :-)

habe erst heute gehört wie meine serbischen/türkischen Bekannten sich untereinander nennen: Tito, Yugo, Zigo.
Vorurteile sind unter Nicht-österreichern noch viel normaler. Ist auch nicht schlimm, eher witzig.
Aber links"intellektuelle" bleiben lieber unter sich + schimpfen über die "primitiven" rechten, ohne viel von all den "anderen"(die sie so verkrampft verteidigen) zu wissen. vor allem ohne Kontalt zu ihnen haben zu wollen.

nebenerwerbsposter
29
30.8.2010, 12:26

jetzt kennen sie den unterschied zwischen kärnten und wien.

silver.fish
43
30.8.2010, 11:55
Wieso gibt´s da rote Stricherln

für tatsächlich Erlebtes??

Alina Zak
22
Erlebtes ist immer subjektiv

es gibt Menschen die werden immer gemobt, egal wo sie hingehen; manche ziehen das einfach an. (habe ich erlebt bei Bekannten, die unsicherheit ausstrahlten)

außerdem: Menschen glauben Erlebtes sowieso nur wenns in ihr Weltbild passt.

Rosa Mumu
22
30.8.2010, 15:02
Das erklärt den steigenden Stimmenanteil der FPÖ, nichts weiter.

roundabout
36
30.8.2010, 09:36
Bin mit

geflüchteten Ungarkindern, Jugoslwawenkindern, einer war aus dem Kongo, aufgewachsen. Sprachen alle wienerisch und keiner wurde jeh gemobbt, geschweige denn ausgegrenzt.

Pessimist-Realist
 
00
24.3.2011, 22:36
Des Pudels Kern ist folgender

Sprachen alle wienerisch (!!!) und keiner wurde jeh gemobbt, geschweige denn ausgegrenzt(!!!).

SPRACHE ist der wohl effizienteste Weg der Kommunikation - nichts gegen SMS oder Email, aber ein Face-to-Face Gespräch ist immer noch das Beste zum kennenlernen. :-)

vanille
05
30.8.2010, 14:24
sehr idyllisch

für mich höchst unglaubwürdig.
bin mit 3 jahren hergebracht worden. wurde zwar nicht gemobbt oder ausgegrenzt. dennoch gab es einige offene anfeindungen und wüste beschimpfungen und was mich am meisten damals gekränkt hat, war dieses herabblicken und herabwürdigen, dieses ständig einen spüren lassen, dass man nicht dazu gehört: "du schaust ja gar nicht so aus..." (wie eine ausländerin), "wo hat denn deine verwandte das schöne gewand her?" (als würde man am balkan in lumpen wandeln) , "sie kann ja nichts dafür" (replik meiner freundin auf anfeindungen gegen mich), "und wo studierts du jetzt? auf einer uni? wirklich auf einer uni?"

Thrillhouse van Houten
00
tschusch

das beste ist aber noch immer, wenn im freudeskreis etwas gegen ausländer gesagt wird und dann checken erst alle, dass ein ausländer dabei is und mithört und dann gesagt wird:

"du bist aber eh anders, du bist eh schon österreicher :)"

xD katastrofe

Alina Zak
01
bitte in andere Länder reisen

man wird immer + überall nach seinem Aussehen bewertet/angesprochen, von Georgien bis Argentinien....

vanille
20

na und? es geht hier um österreich.

Alina Zak
12
ziemlich unfreundlicher Ton, da sollte man sich nicht ganz so wundern

wenn man aggression schürt, wenn man selber welche hat. Gleiches + gleich gesellt sich gern.

Wenn man genauer hinschaut merkt man, daß die Angriffe auf die Herkunft nur ein Mittel sind, jemand zu beleidigen, nicht die Ursache der Beleidigung.

Ich zum Beispiel hab trotz meines Migrationshintergrundes nie solche sachen erlebt. bin aber auch nicht blond, blauäugig, oder Deutsche etc.....

vanille
00

übrigens, falls es sie interessiert, ich habe einen großen, gemischten, sehr netten freundeskreis, der sich nicht nach nationalitäten richtet.

vanille
02

was hätte ich ihnen denn antworten sollen? ihr posting hat nichts mit dem oben angeführten zu tun. schön, dass sie solche dinge nicht erlebt haben. ich finde es aber ziemlich heftig, dass sie mir das in die schuhe schieben. wollen sie damit sagen, dass ich selbst schuld bin???
ich war damals ein kind. wie denken sie sollte ich aggressionen geschürt haben? was heißt hier "gleich und gleich gesellt sich gern"? wenn ein erwachsener ein fenster aufreißt und einem 8-jährigen spielenden kind nachschreit: "die tschuschin soll sich schleichen?" - meinen sie das?
sie versuchen hier die ganze zeit zu relativieren und so zu tun als ob es diese dinge nicht gäbe. das ist ärgerlich.

Alina Zak
01
12.9.2010, 19:16
in der Psychologie gibt es erklärungen dafür

manchen Leuten passiert das häufiger. hat mit Selbstbewußtsein/Komplexen zu tun.
es geht nicht darum das man daran schuld ist. aber wer so was zu persönloch nimmt, dem wird das im Leben immer wieder passieren. in meiner Familie ist nur meiner Mutter sowas passiert + sie hat sehr wenig Selbstbewußtsein, sie glaubt man sieht von wo sie kommt-zieht solche sachen nahezu an. sie wird immer Opfer.die Täter erspüren sie irgendwie.

sogar Hunde bellen immer nur bei ihr. ich glaub die spüren ihre aggression die nach innen geht.

ich bin dünkler + mir passiert sowas nie.

thomas huettl
01
24.9.2010, 16:56
Schön

dass Sie soviel Selbstbewusstsein haben Alina, und das meine ich ernst, aber mit Ihren Kommentaren und Einstellung wird sich in unserer Gesellschaft nicht viel oder wenn dann eher negatives verändern.... Ich möchte mich hier defintiv festhalten, dass ich mich ebensowenig der Einstellung von vanille anschließen möchte oder noch weniger irgendjemand gegeneinander ausspielen/zuspielen/aufhetzen, sondern: es geht eben eher um diejenigen die etwas weniger Selbstvertrauen haben oder mitbekommen haben oder überhaupt niemand hatten der Ihnen das mitgeben konnte! und das nenne ich Liebe und das nenne ich am ehesten die Lösung zu diesem Thema...lg an Alle die hier mitlesen

Rolando Furioso
14
30.8.2010, 18:58
bleibt mir

nur anzumerken, dass es einem als wiener in der steirischen bergprovinz heute noch so gehen kann. natürlich subtiler.

Alina Zak
00
Menschen haben immer ein Problem mit "Neuen", die anders sind

gerade in der schule hat das wohl fast jeder mal beobachten können, das best. Leute ausgegrenzt werden weil sie anders sind.

siehe "Theorie der sozialen Identität", "Eigengruppenfavorisierung"
kein öfterr. Phänomen, ein menschliches Phänomen

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