Der Hass auf die Armen

29. August 2010, 19:34
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Einschlägige Dokus und Reportagen häufen sich auf dem Kulturkanal

Kein Sender nimmt sich des Schicksals der Roma und Sinti so gewissenhaft an wie Arte. Seit mit der populistisch motivierten Abschiebe-Initiative von Frankreichs Staatschef Nicolas Sarkozy das Thema neue Aktualität erlangt hat, häufen sich einschlägige Dokus und Reportagen auf dem Kulturkanal.

"Die Stadt der Roma" am Samstagnachmittag untersuchte das Verhältnis von Bulgariens Gesellschaft zu den im Land lebenden Roma am Beispiel des Ghettos von Nadejda. In der mit Mauern und Stacheldraht von der Stadt Sliven abgetrennten Siedlung leben 20.000 Menschen, mehr oder weniger im Dreck. An den Problemen zwischen Roma und Bulgaren, der Opferstilisierung auf der einen, dem Rassismus auf der anderen Seite, wurde anschaulich, was alles vor dem Menschsein kommt: Volkszugehörigkeit, politisches Kleingeld, eigener Wohlstand.

Mag sein, dass im exsozialistischen Bulgarien der Selbstfindungstrip zu einer zu Minderheiten toleranten Nationalstaatlichkeit nicht abgeschlossen ist. Westeuropa, dessen Transformation zu demokratischer Nationalstaatlichkeit weiter zurückliegt, das von den Erfahrungen des Kolonialismus zehren könnte und das nicht zuletzt auch gelernt hat, mit den sozialen Defiziten einer leistungsorientierten Gesellschaft reflexiv umzugehen, diesem Europa wäre zuzutrauen, im Jahrhundert, nachdem in industriellen Tötungsanlagen gegen als fremd empfundene Menschen vorgegangen wurde, endgültige Schlüsse für das Zusammenleben von Menschen zu ziehen.

Letzten Endes ist langfristiger Frieden davon abhängig, wie eine Gesellschaft mit jenen Gruppen umgeht, die die vorherrschende Lebensart nicht teilen. Arte ist für Anstöße zu solcher Reflexion zu danken. (Alois Pumhösel/DER STANDARD; Printausgabe, 30.8.2010)

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