Nachlese

Geheimdienst wird aufgelöst

29. August 2010 18:56

Regierung Uribe ließ Oppositionelle ausspionieren - Ex-Vizedirektor des Geheimdienstes DAS zu acht Jahren Haft verurteilt

Bogotá/Puebla - Jorge Alberto Lagos, Ex-Vizedirektor von Kolumbiens Geheimdienst DAS, ist von einem Gericht in Bogotá wegen des Ausspionierens von Journalisten, Oppositionellen und Richtern zu acht Jahren Haft verurteilt worden. Die Staatsanwaltschaft legte allerdings Berufung ein - ihr erschien das Urteil zu milde. Der Angeklagte hatte am Freitag gestanden, dass das Ziel der von ihm geleiteten Spionageaktionen unter anderem die Diskreditierung des Obersten Gerichtshofes war, mit dem der damalige Präsident Alvaro Uribe im Dauerclinch lag. Die Richter hatten ihm eine weitere Amtszeit untersagt.

Denn obwohl Uribe von einer "mafiösen Bande" und von "Kompetenzüberschreitungen einzelner Geheimdienstler" sprach, deutet vieles darauf hin, dass es sich um eine gezielte Politik gegen Andersdenkende handelte, deren Fäden sich im Präsidentenpalast kreuzten.

So stellten die Ermittler Dokumente sicher, in denen haarklein die Position jedes einzelnen Richters des Obersten Gerichtes zur Verfassungsmäßigkeit der Wiederwahl Uribes aufgelistet ist. "Die Anweisungen kamen vom Generalsekretär der Präsidentschaft", bestätigte ein hoher Geheimdienstler vor Gericht. "Alle Informationen wurden ans Präsidialamt geschickt."

Ziel der 2005 gestarteten, großangelegten Abhöraffäre war nicht nur das Sammeln von Informationen über politische Gegner. Mittels Sabotage, Erpressungen und Bedrohungen sollten diese mundtot gemacht werden, sagt die Staatsanwaltschaft, die wegen "Bildung einer kriminellen Vereinigung" ermittelt. Viele der Opfer wurden mittels manipulierter Informationen als Helfer von Guerilla oder der Paramilitärs diskreditiert. Pikant ist auch, dass der DAS aus dem Anti-Drogen-Budget der USA mitfinanziert wurde.

Auch europäische Nachrichtendienste sollten in das Spionagenetz eingespannt werden, wie aus gerichtlichen Unterlagen hervorgeht. So bat der DAS deutsche Dienste um Hilfe beim Bespitzeln von kolumbianischen Politikern, die ins Ausland reisten. In Spanien wurde eine vorgebliche NGO gegründet, die Propaganda für die Regierung machen und kritische Berichte in Europa durch Desinformation "neutralisieren" sollte. Man wollte so etwa vermeiden, dass im EU-Parlament die Ermordung von Gewerkschaftern oder Verbindungen von Politikern mit Paramilitärs thematisiert werden.

Der DAS sei "nicht reformierbar", befand der neue Direktor Felipe Muñoz. Er soll nun aufgelöst und neu gegründet werden. Gegen vier Exchefs wird derzeit ermittelt. Freilich nicht nur wegen des Abhörskandals, sondern auch wegen der vielen Verstrickungen des Dienstes mit Paramilitärs und der Drogenmafia. (Sandra Weiss/DER STANDARD, Printausgabe, 30.8.2010)

Kommentar posten
17 Postings
viajero1
30.08.2010 16:47

es ist davon auszugehen, dass der DAS neugegründet wird. es ist in kolumbien üblich, in dem moment zu reagieren, wenn das übel nicht weiter zu vertuschen ist. offiziell arbeitet die justiz unabhängig von der regierung, dies ist ja in der verfassung so geregelt. man sollte aber aufgrund der erfahrungen mit solchen angelegenheiten nicht denken, dass der rechtsstaat dort funktioniert, wie man z.b. am ley de justicia y paz und dem gesamten demobilisierungsprozess belegen kann. natürlich ist es erfreulich, dass es überhaupt öffentlich diskutiert werden darf.

Der Neue Mensch
30.08.2010 17:07

Wie man es noch schlechter machen kann als in Kolumbien, sieht man im Nachbarland Venezuela.

Sowohl in Theorie als auch Praxis ist die Justiz in Kolumbien zig mal unabhängiger als die in Venezuela. Gleiches gilt für die Pressefreiheit. Aus Kolumbien ist mir kein Gesetz bekannt, wonach die Presse nur "wahrheitsgemäß" berichten darf, wobei natürlich der Präsident bestimmt, was "wahr" ist. Auch gibt es keine Zwangszusammenschaltung aller Fernsehsender, wenn ein dampfplaudernder Präsident mal wieder was "wichtiges" dem Volk zu sagen hat. Auch werden in Kolumbien keine Richter verhaftet oder entlassen, weil sie anders urteilten, als der Präsi es wünschte.

viajero1
31.08.2010 10:35

das mag ja alles so sein, jedoch geht es ja nicht um vene in dem artikel hier, beide länder haben ihre defizite in dem bereich, um bei kolumbien zu bleiben: pressefreiheit gibt es, danach wird eben die familie bedroht, siehe hollman morris, um ein bekannteres beispiel zu geben, das mit den richtern ist ledier nicht ganz korekt, ich kann verstehn, dass wenn man sich auf einem kreuzzug gegen chavez befindet, alles andere ausgeblendet wird, der provoziert ja nun inzwischen wirklich jeden, aber in sachen menschenrechtslage, empfehle ich dringend die kirche im dorf zu lassen: VGL.: die entsprechenden jahresberichte von AI und von HRW "herederos de los paramilitares", bei artikeln zu kolumbien sprechen wir über kolumbien, bei vene dann über vene

Horst Holzinger
30.08.2010 15:01
Der ganze Staatsapparat ist kriminell und gehört aufgelöst.

Seit 60 Jahren wird in Kolumbien Politik mittels Liquidierung gemacht.
Deshalb hat die kriminelle Elite das Wohlwollen Washingtons, die sie in die neuesten Foltertechniken unterweist (Escuela de las Américas) und zum drittgrössten Empfänger von Militärhilfe (nach Israel und Ägypten) hofiert.

Die einzige Chance zu überleben bietet für Oppositionelle nur der Untergrund.
Solange das so bleibt, so lange wird es FARC und ELN geben.

Uljanov-Blank
30.08.2010 12:43
Fuer solche Taten wäre der Geheimdienstler

ausgezeichnet, da solche tätigkeit ist durch homeland security act legal, sogar seine dienstpflicht.

mica he
30.08.2010 11:20
Glückwunsch an alle Kolumbianer und Hut ab,

dass die "Checks & Balances" in dem Land doch noch funktionieren.
P.S.: In Venezuela könnte so etwas natürlich nicht passieren da sind nämlich alle Verfassungsrichter längst "gleichgeschaltet". Nur ein paar Medien machen noch Ärger, aber die kriegt der Chávez schon noch in den Griff...

Ravi Ravendro
30.08.2010 13:44

Erstaunen Sie uns weiter mit Ihrem Unwissen.

dasandere
30.08.2010 08:38
Felicitación!

Nur ein aufgelöster Geheimdienst ist ein guter Geheimdienst!!

Nukularist
30.08.2010 10:39

Der Geheimdienst wird neu gegründet.

Darmwind
30.08.2010 06:05

Bestätigt voll und ganz meine Meinung, die ich von der Marionette Uribe hatte. Ich wünschte mir, dass die Kolumbianer (vor allem die konservative Mittelschicht) endlich zu begreifen beginnen, daß sie in erster Linie Südamerikaner sind und nicht Erfüllungsgehilfen der Nordamerikaner sein sollten, für die Kolumbien nur als Militärstützpunkt interessant ist. Wie schwierig dieser Prozeß ist, hat der Militärputsch in Honduras bewiesen. Ebenso begrüße ich die Annäherung zwischen Venezuela und Kolumbien, die, wenn auch durch wirtschaftliche Notwendigkeit, wieder in Gang kommt. Die Monroe-Doktrin ist tot! Es lebe Bolívar!

Nukularist
30.08.2010 10:40

Aber die Checks & Balances scheinen zu funktionieren. Es war noch während Uribe, dass die Untersuchungen gestartet haben und unter seinem Nachfolger, dass Konsequenzen gezogen wurden.

Er hat also durchaus versucht, das Recht zu beugen, ist aber daran gescheitert, dass der Rechtsstaat stärker ist als das Präsidentenamt.

sauraumpfa
30.08.2010 01:28
na das hat aber lange gedauert - aber immerhin .....

schön langsam kommt alles was ich und andere im forum schon länger schreiben und wissen zum vorschein.
intimidieren und manipulieren von andersdenkenden und besonders von richtern stand bei uribe an der tagesordnung.

ein dankeschön an die richter die den mut nicht verloren haben.

wie schon öfters gesagt - uribe wird gleich wie fudjimori enden!

die kommentare von horsti, hansito, yomellamo, austro spanier, vento ora usw. erwarte ich mit spannung.

Nicolas Castillo
 
30.08.2010 11:26
mein Lieber ...

ich mache mir ernsthaft Sorgen um Sie. Nicht dass Sie auch ein Anfall von Paranoia zur Strecke bringt, wie mit unserer Kanaille bzw. ihren anderen 20 Nicks geschehen. Bleiben Sie uns erhalten.

Übrigens, wenn Unrecht geschehen ist und Uribe die Finger im Spiel hatte, dann wird er verurteilt und das ist dann auch gut so. Kolumbien scheint doch besser zu funktionieren, als es dem einen oder anderen lieb ist.

vento - ora
30.08.2010 10:54

was für einen kommentar willst du denn von mir haben?

einem zu deinem dämlichen "ich habs ja immer gesagt" (was eigentlich?)

hansito
30.08.2010 09:31

Was gibts da zu sagen? Uribe hat ein Verbrechen begangen und wird dafür bestraft werden! Find ich ok!

Austro-Spanier0
30.08.2010 11:50
Verbrechen

ist vielleicht ein zu starker Ausdruck, was diesen Artikel hier betrifft. Gesetzesbruch wäre durchaus angemessen, aber auch in Kolumbien gilt das Unschuldsprinzip, solange das Gegenteil nicht erwiesen ist. Deswegen wäre mutmasslicher Gesetzesbruch wohl der passende Ausdruck für das Thema.

Plasmaball
30.08.2010 00:17
In Deutschland ist das erlaubt...

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.