Die Jahreszeit der Schlagobers-Welten

29. August 2010, 18:39
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Das Zürcher Festival "Theaterspektakel" zeigt innovative, junge Bühnenkunst

Ein Spektakel auf Schweizerisch? Man stehle einen Flecken Wiese im Süden Zürichs von den Rollbrettfahrern (Skater in der Schweiz), verstreue Straßenkünstler, Wahrsager und Bierbankbatterien drauf. Rundum: eine Handvoll Bobo-Slow/Fusion-Food-Küchen. "Nord" und "Süd" oder "Haus am See 1-3" heißen die Gerüstbauten, die mit farbigem Sperrholz verkleidet sind und in denen es ums aktuelle Verhältnismaß zwischen Tanz, Theater, Kunst und Installation geht. Am Wasser liegt eine Seebühne für 600 Besucher, und zwei Pfeile deuten weiter südlich, Richtung "Werft" und "rote Fabrik".

Manchmal, das haben 31 Jahre Festivalgeschichte gezeigt, wurde Spektakuläres, wie die Wooster Group oder Forced Entertainment, erstmalig für die Landiwiese am Züricher See entdeckt. Und national betrachtet zeichnet die Institution für den Aufstieg von Niklaus Helbling oder 400asa verantwortlich. Zusammen stecken sie - Helbling zu Beginn, 400asa am Schluss (bis 5. September) - den Zeitrahmen des Festivals 2010 ab. An 18 Tagen kauft von 100.000 Geländebesuchern jeder Vierte ein Ticket - das Theaterspektakel versteht sich damit als etwa halbe Portion der Wiener Festwochen.

Urbane Kulturproben

Für den diesjährigen Schwerpunkt hat sich der künstlerische Leiter Sandro Lunin in asiatischen Metropolen umgesehen. Er betont das einprogrammierte Panoptikum der Tokioter Off-Bühnenszene, das um Positionen aus Jakarta und Bangkok ergänzt wurde. Junge, urbane, intellektuelle Kulturproben, die sich an der Spannung zwischen Arm und Reich oder Tradition und Moderne abarbeiten: "Dort begnügt man sich nicht mit einer Nabelschau - die will ich nicht schlechtreden, aber das hat man am deutschsprachigen Stadttheater das ganze Jahr", so Lunin.

Die angesprochene Spannung hat jenen Baum entzweit, der in Ein frustrierendes Bilderbuch für Erwachsene des Japaners Kuro Tanino (35) die Bühne zerteilt. In diesem Guckkasten-Wohnraum ist es zu eng und zu niedrig. Das rührt daher, dass im Raum darunter ein sex- und leistungsbesessener Student gebettet liegt. Die Bearbeitung des Traums eines japanischen Psychiatriepatienten lebt vor allem vom Spiel der Proportionen: Die psychologische Schräglage manifestiert sich in der aufwändigen Ausstattung.

Tabea Martin und Matthias Mooij (Schweiz/NL) haben als Hauptrequisite für sofort genießen ein paar Dutzend Schlagobers-Sprühflaschen organisiert. Damit bauen sie Schaumschlösser, die unreflektiert einer egozentrierten Ratgeber-Lifestyle-Kultur entnommen sind. Tabea umreißt Feriendomizile rund um Zuschauergruppen, duscht sich mit Schlagsahne, stirbt Schlagsahne-Tode.

Beide Stücke haben gute Chancen auf den ZKB-Förderpreis (etwa 23.000 Euro). Die insgesamt sechs Nominierungen sind allesamt junge Arbeiten, ohne Bezug zu großen Theaterhäusern. (Georg Petermichl, DER STANDARD - Printausgabe, 30. August 2010)

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