Wie Österreich in Venedig die Zukunft verbaut

29. August 2010 18:29
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    Reicht Österreichs Blick auf die internationaleArchitekturentwicklung reicht nicht über den Stubenring hinaus? - Blick auf die "egomanisch banale Installation" im Österreich- Pavillon auf der Architekturbiennale.

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    Dietmar Steiner: Man huldigt dem "Ego-Kitsch". 

Und dabei noch nicht einmal in der Gegenwart angekommen ist: Anmerkungen zur "peinlich-retrospektiven" Austro-Präsenz auf der Architektur-Biennale 2010 - Von Dietmar Steiner

Im Gegensatz zur Biennale der bildenden Kunst in Venedig hat die Biennale der Architektur eine kurze Geschichte. Nach einer Reihe kleinerer Architekturausstellungen in den 1970er-Jahren gab es 1980 einen fulminanten Beginn mit dem von Paolo Portoghesi formulierten Motto: "La presenza del passato" ("Die Gegenwart der Vergangenheit"). Auserwählte Architekten gestalteten in der Corderie dell'Arsenale die sogenannte "Strada Novissima", individuelle Fassaden einer imaginären Stadt. Dieses Manifest der Postmoderne inthronisierte auch den Begriff des "Star-Architekten".

Heute, dreißig Jahre später, wird mit der von der japanischen Pritzker-Preisträgerin Kazuyo Sejima kuratierten Architektur-Biennale die Epoche der Star-Architekten des letzten Jahrhunderts ebenso fulminant beendet. Dreißig Jahre lang herrschte grosso modo das Vertrauen, dass es nur einzelner genialer Star-Architekten bedarf, um die Entwicklung der Architektur zu befördern. Der globale Jahrmarkt der architektonischen Spektakel-Industrie erzeugte immer mehr selbstreferenzielle solitäre Objekte, deren Zweck einzig die Demonstration wirtschaftlicher (Mercedes, BMW, Porsche) oder politischer Macht (China, Golfstaaten, Kasachstan ...) war. Es häuften sich weltweit Museen, deren Architekten sogar stolz darauf waren, dass man in ihnen nicht ausstellen konnte. Schwindelerregende Monumente, die im Regelfall das Dreifache der veranschlagten Kosten verursachten. Ignorant wurde jeder Bezug zu einem Ort und zur urbanen Situation als das eigene kreative Ego störend ausgeblendet. Seit rund zehn Jahren aber schwelt unter diesem medial beschleunigten Hype in der internationalen Debatte der Architektur ein zunehmendes Unbehagen. Gegen diese "Top-down"-Strategie entwickelte sich weltweit eine neue "Bottom-up"-Architektur, die mit zum Teil "armen Materialien" lokale Traditionen und Bezüge wieder aufnahm, sich wieder mit den elementaren Aufgaben der Architektur, mit Stimmungen, Atmosphären, Empfindungen experimentell und neugierig auseinandersetzte. Aber auch die Wiederverwendung und Umnutzung des Vorhandenen, die Zusammenarbeit mit der betroffenen Bevölkerung, die soziale und ökologische Verantwortung der Architektur rückte in den Vordergrund. Mag sein, dass diese Architektur arm, bescheiden, gebastelt, spontan und ja, sogar schmutzig ist. Dafür ist sie wieder in der Welt angekommen, am konkreten Ort, ist wieder ein "Lebensmittel" geworden.

Genau dieser Entwicklung hat nun Sejima erstmals in Venedig Raum gegeben. Und ein großes Durchatmen war an den Eröffnungstagen der Architektur-Biennale in der Corderie zu verspüren. Ein Paradigmenwechsel der Weltarchitektur ist damit verkündet. Und überraschenderweise dokumentiert sich dieser erfrischend neue Geist auch in vielen Länderbeiträgen und wurde mit der Verleihung der Preise durch die Jury zusätzlich bestätigt. Selbst Star-Architekt Rem Koolhaas hat diese Entwicklung erkannt und präsentiert in Venedig eine intelligent-kritische Auseinandersetzung mit dem Denkmalschutz.

Die einzige Ausnahme bildet hier der diesjährige Österreich-Beitrag, der genüsslich den alten Zeiten des Ego-Kitsches huldigt. Unsere Kulturministerin glaubte sich höchst global liberal, indem sie persönlich einen Architekten aus Los Angeles zum Kommissär ernannte, einen Blick von außen auf Österreich erwartend. Dieser, Eric Owen Moss, hat, no na, nun auch für Österreich festgestellt, was ohnehin seit Jahrzehnten weltweit selbstverständliche Praxis ist: dass ausländische Architekten in einem Gastland aktiv sind und umgekehrt. Wenn man dazu noch die Achse vom Southern California Institute of Architecture, wo Moss Direktor ist, zum Wiener Stubenring kennt, wurden alle Erwartungen erfüllt.

Bekommen hat unsere Kulturministerin folgerichtig vorhersehbar eine provinziell peinliche Retrospektive gestriger Architektur, bei der selbst die auserwählten Architekten und Architektinnen bloß zur Illustration einer egomanisch brutal-banalen Installation missbraucht wurden. Dass dafür auch noch das dreifache Budget vorhergehender Österreich-Beiträge verbrannt wurde, ist diesem alten System immanent. - Man kann den Beitrag aber auch hintergründiger und positiver interpretieren: Österreich bietet heuer großzügig ein konzentriertes Archiv der vergangenen Architektur-Biennalen in Venedig: "La presenza del passato". (Dietmar Steiner, DER STANDARD - Printausgabe, 30. August 2010)

Dietmar Steiner, Jg. 1951, ist Leiter des Architekturzentrums Wien.

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    15 Postings
    17+4
    31.08.2010 09:05
    das Problem nur halb gesehen

    in Ö wird nicht nur eigenständig mittelmäßige Architektur betrieben, sondern auch nur mittelmäßige architektur von aussen geholt, aber das hängt vielleicht damit zusammen, dass es im letzten Jh und natürlich auch jetzt noch immer, weltweit nur mittelmäßige Architektur gibt.

    Da ist das Einzelko mit Herzerlfenster auf irgendeiner Alm noch immer die bessere Architektur.

    cococo
    01.09.2010 10:04
    das seh ich nicht so...

    ...aber der Sumpf - ja gerade dieser Sumpf der Venedig-Vergaben ist ziemlich matschig...
    und dieser gehört - BP Kirschschläger zitierent - konsequent trockengelegt. Passt ganz gut für Venedig, oder?

    ROLUDOM
    30.08.2010 15:39
    Zusätzlich

    wäre noch zu sagen, dass die ganze Veranstaltung im Österreichischen Pavillion in einer Podiumsdiskussion gegipfelt hat, die in naher Zukunft an Arroganz kaum zu übertreffen sein wird. Alte Männer in weißem Kleid mit rauchenden Zigarren. Da braucht man dem zukünftigen Kurator eben nicht "besonders viel Glück" wünschen, denn einen ähnlichen schlechten Beitrag zu kreiren, müsste auch mit der Häflte des Budgets leicht erreichbar sein.
    Schade finde ich es nur für die Jungen. Denn durchwegs sind auch interessante Arbeiten darunter. Leider halt kaum auffindbar. Liegt es an der ausgezeichneten Hängung an der MetallSchaumrolle, oder an der guten Erklärung der Arbeiten, oder vielleicht an der Tatsache, dass der Katalog erst im Amerika gedruckt wird

    Nikolai Shostakovich
    30.08.2010 18:04
    Modulor

    naja, man darf nicht immer alles im Sonnenschein betrachten, ab und zu im MonDschein schadet es auch nicht

    bingobongodongo
    30.08.2010 18:56

    A ist eines der korruptesten länder überhaupt

    bingobongodongo
    30.08.2010 18:56

    achse stubenring - luegerring

    dh: wer hat das büro (luegerring) der ministerin verschönert? der stubenring!

    eine hand wäscht die andere

    robinsons freitag
    30.08.2010 13:04
    Bravo! Nagel auf den Kopf getroffen.

    bingobongodongo
    30.08.2010 12:00

    'Wenn man dazu noch die Achse vom Southern California Institute of Architecture, wo Moss Direktor ist, zum Wiener Stubenring kennt, wurden alle Erwartungen erfüllt.'

    nicht zu vergessen die achse stubenring - luegerring.

    Nikolai Shostakovich
    30.08.2010 18:02
    bingobongodongo

    versteh das posting nicht! am luegerring gibts keine architekturschule...

    Nikolai Shostakovich
    30.08.2010 17:40
    bingobongodongo

    am luegerring gibts aber keine architekturschule... bitte dieses posting erläutern...

    archimed
    30.08.2010 10:25
    auf den punkt gebracht!

    die anherrschende krise ist eben nicht nur eine wirtschafts-u. finanzkriese, sondern eine gesellschaftskrise, so also auch eine kunst-u. kulturkrise.

    archimed
    30.08.2010 10:02
    so schlecht, das man es schon wieder gesehen haben muss...

    ...ich habe bislang nur ein paar fotos des österreich-pavillons in den zeitungen und im internet gesehen, aber das hat mir schon gereicht.

    diese banale und unübersehbare form der selbstdarstellung mag typisch österreichisch sein, aber noch viel ärgerlicher ist das hintergründige statement, dass unsere architekten auch schon im ausland bauen durften und deshalb auch neuerdings vermehrt ausländische architekten bei uns bauen dürfen.

    schon ziemlich platt die ganze aufmache, um das wort peinlich zu vermeiden.

    trotzdem!
    ich freue mich schon auf den persönlichen augenschein, denn österreich ist ja nur eines von vielen teilnehmenden ländern, und high-lights hat es bei den vergangenen biennalen immer gegeben!

    Truhe
     
    30.08.2010 00:05
    Dieses Land misst sich kulturell grundsätzlich nur an sich selbst, was dazu führt dass es offizell pausenlos seine Mittelmäßigkeit zelebriert

    man muss sich ja nur mal den entsetzlichen Pavillion auf der expo in Shanghai ansehen - mit dem Haupteingang der von mehreren von einander unabhängigen Beobachtern eideutig als Eingang zu einem Autobahntankstellenklo identifizuert wurde.
    Das Problem ist wie üblich das immer Gleiche - in Verwaltung und Organisatuon ist ein beinahe undurschdringbarer Sperriegel von kaum als kompetent zu bezeichnenden Kaderpersonal mit entsprechenden Familien und Parteiverbindungen zwischengeschaltert das sich mit Ignoranz und Frotzelei gegen alles wehrt was ihre beschauliche mediokrität storen könnte. Deshalb sind wir inzwischen das Abzugbild einer Kulturnation wie es sich konsrvative Schnarchnasen sowas eben vorstellen
    Hollaretidria-hollarekukuu...

    cococo
    30.08.2010 14:17
    ...dass es offizell pausenlos seine Mittelmäßigkeit zelebriert...

    erinnert mich auch fatal an den österreichischen Fußball

    Max Kahlenberg
    29.08.2010 22:25
    Na eh kloa: Wenn "der Stubenring" ihr Büro um kolportierte, aber NIE mögliche 35000,- Euronen einrichtet. Ohne Honorar. Einfach nur um eine Vertragsverlängerung bis zum Jahre Schnee...

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