Auch ohne Handkuss läuft’s

29. August 2010, 18:16
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Berlusconi hat es sich zum Ziel gesetzt, den lange gemiedenen Wüstenherrscher in Europa wieder hoffähig zu machen - von Gerhard Mumelter

Fast 40 Jahre musste Muammar al-Gaddafi nach seiner Machtergreifung im Jahre 1969 ausharren, bis die ehemalige Kolonialmacht Italien zur Normalisierung der Beziehungen bereit war und sich für die Verbrechen der Kolonialzeit mit rund 300.000 Opfern entschuldigte.

Es war die Kraft des Faktischen, die Italien 2008 zum Deal mit dem unberechenbaren Diktator zwang: Die Regierung Berlusconi wollte den Flüchtlingsstrom nach Lampedusa loswerden. Die zwischen Rom und Tripolis vereinbarte Entschädigungsumme von knapp vier Milliarden Euro war für Italien offenbar eine günstige Investition.

Alle paar Monate erscheint Gaddafi seither in Rom. Sein Gastgeber Berlusconi hat es sich zum Ziel gesetzt, den lange gemiedenen Wüstenherrscher in Europa wieder hoffähig zu machen. Als Gegenleistung öffnet Gaddafi sein Land italienischen Investoren - 150 Milliarden will Libyen in den kommenden Jahren für neue Infrastruktur ausgeben.

Den Handkuss für Gaddafi wird Berlusconi diesmal nach der harschen Kritik beim Gipfel der Arabischen Liga vermeiden. Doch in Rom wird nicht ausgeschlossen, dass der Premier seinem Gast zu den Revolutionsfeiern nach Tripolis folgen könnte. Dass ihn Geschäfte mehr interessieren als Menschenrechte, hat schon Berlusconis Männerfreundschaft mit Wladimir Putin bewiesen. Dass die Grenze zwischen privaten und öffentlichen Interessen dabei manchmal verschwimmt, hat den Cavaliere noch nie gestört. (Gerhard Mumelter/DER STANDARD, Printausgabe, 30.8.2010)

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