Obama setzt auf Aufwind durch Teilabzug

29. August 2010, 21:20
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Etikettenschwindel: Am Dienstag wird Obama das Ende der Kampfeinsätze verkünden, aber 50.000 Soldaten bleiben

Washington - US-Präsident Barack Obama versucht angesichts zunehmender Kritik, politisches Kapital aus dem Irak-Abzug der US-Kampftruppen zu schlagen. "Am Dienstag werden die USA nach mehr als sieben Jahren ihren Kampfeinsatz im Irak einstellen und einen wichtigen Schritt nach vorne zur verantwortungsvollen Beendigung des Irak-Kriegs unternehmen", sagte Obama in seiner wöchentlichen Ansprache. Im Wahlkampf habe er versprochen, den Krieg zu beenden. "Als Präsident tue ich dies nun." 50.000 Soldaten bleiben noch im Land, die beratend und ausbildend tätig sein werden. Wenn alles gut geht.

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Es steckt eine Portion Etikettenschwindel hinter dem "Abzug der letzten US-Kampftruppen aus dem Irak" . "Eine Rose ist eine Rose, auch wenn sie anders heißt" , verballhornt der US-Thinktanker Kenneth Pollack (Brookings) das Wort von Gertrude Stein. Was er damit meint: Die große Mehrheit der 50.000 nach dem Teilabzug von August verbleibenden US-Soldaten sind selbstverständlich auch weiterhin ganz normale Kampftruppen. Sie heißen nur nicht mehr "combat brigades" , Kampfbrigaden, sondern "advisory and assistance brigades" , beratende und unterstützende Brigaden.

Es verschwindet auch der Name BCTs, Brigade Combat Teams - aber nicht die Soldaten, aus denen die BCTs bestanden. Die neuen Einheiten haben mehr Berater und Ausbildner. Zusätzlich brauchen die Iraker auch Training auf dem neuen militärischen Gerät, das sie von den USA bekommen. Aber die US-Soldaten werden weiter im vollen "battle rattle" herumlaufen und nach wie vor gefechtsbereit sein, wenn sie mit der irakischen Armee in den Einsatz ziehen. Einen ersten Toten hat so eine neue Brigade auch schon zu beklagen.

Bereits im Februar 2009 hatte US-Präsident Barack Obama für Ende August 2010 das Ende der US-Kampfoperationen angesagt: Heute gibt es warnendeStimmen, dass er bei seiner Rede am Dienstag nicht zu sehr darauf herumreiten sollte. Schon einmal hat ein US-Präsident "Feuer aus" verkündet: neben der Massenvernichtungswaffenbehauptung die eklatanteste Fehleinschätzung von George W. Bush.

Obwohl sich die Lage bereits ein paar Wochen nach der erfolgreichen Invasion im März/April 2003 zu verschlechtern begann, reduzierten die USA ihre Truppenstärke bis Anfang 2004 unbeirrt weiter. Dann ließen die Schlachten um Falluja (mit sunnitischen Extremisten) und Najaf (mit schiitischen Extremisten) die Truppenzahlen wieder in die Höhe schnellen. 2005 waren sie hoch und wurden höher - gleichzeitig verloren die US-Truppen über immer weitere Gebiete die Kontrolle.

Noch blinder als 2003 war jedoch der Truppenabzug, der bald nach den Parlamentswahlen im Dezember 2005 begann: Der Irak versank im Bürgerkrieg, die US-Armee marschierte ab - bis Bush fünf vor zwölf seinen "Surge" verkündete, der bis Ende 2007 die US-Armee auf einen Höchststand von fast 170.000 brachte.

"Surge" und Strategiewechsel

Ob es allein der "Surge", die Truppenaufstockung, war, die das Ruder in Richtung langsame Stabilisierung herumriss, darüber diskutieren noch immer die Experten. Keine Frage, dass sich nur mit einer größeren Anzahl von Soldaten der entscheidende Strategiewechsel durchführen ließ, der nach "clear" auch "hold" und "build" vorsah: also in den von Aufständischen befreiten Gebieten präsent zu bleiben und Aufbauarbeit zu leisten. Und nicht zu erlauben, dass die Aufständischen wieder zurückströmen, sobald die Schlacht aus ist - wie jetzt in Afghanistan.

Aber es spielten noch andere Faktoren eine Rolle: nicht zuletzt die traurige Tatsache, dass 2007 bereits in vielen der sunnitisch-schiitisch gemischten Gebiete nur mehr eine Konfession übriggeblieben war. Die weiterhin ethnisch gemischten Gebiete, die sowohl von Kurden als auch von Arabern - und Minderheiten, um deren Sympathie die beiden großen Gruppen rittern - bewohnt werden, sind heute ein Pulverfass.

In den umstrittenen Gebieten an der Südgrenze der autonomen kurdischen Region werden die US-Soldaten nach 2011 besonders fehlen. Sie halten - oft genug im physischen Sinn - die Streithähne auseinander, und zwar nicht irgendwelche Raufbolde, sondern manchmal auch kurdische Peshmerga und irakische Armee.

So klar ist die Sache also nicht, wenn man von "Sicherheitskräften" im Irak spricht. Ein Fragezeichen steht hinter einer Gruppe, die ab 2006 ebenfalls ganz entscheidend zur Wende zum Positiven beigetragen hat: die SOI, Sons of Iraq, oder Sahwa-Milizen. Sie sehen den Rückzug der US-Truppen mit gemischten Gefühlen - und Beobachter befürchten ihrerseits, dass die Loyalität mancher SOI der irakischen Regierung gegenüber endenwollend ist. Das könnte schlagend werden, wenn der knappe Wahlsieger vom März, Ayad Allawi, der von vielen Sunniten als Bollwerk gegenüber dem Iran gesehen wird, als Regierungschef verhindert wird.

Seitenwechsel der Stämme

Die SOI bestanden ursprünglich fast ausschließlich aus sunnitischen Stammesarabern, die nach 2003 mit dem sunnitisch-extremistischen Aufstand zusammengearbeitet, sich aber später abgewandt hatten. Die Gründe für den Seitenwechsel waren vielfältig: Die stammesfremden Jihadisten regierten nicht nur in lukrative Geschäfte hinein, sondern auch in tribale Angelegenheiten. Aber das wichtigste Argument hatten die USA: Geld. Monatliche Gehälter bescherten den lokalen Milizen einen ungeheuren Zulauf. Sie vertrieben Al-Kaida und Co aus ihren Gebieten.

Ab 2009 übernahm Iraks Regierung auf Druck der USA nolens volens die Milizen teilweise in die Armee, teilweise in die Verwaltung. Dort sind sie schlecht bezahlt, frustriert - und mit der sich verschlechternden Sicherheitslage wieder vermehrt Ziel von Anschlägen. Al-Kaida will sie mürbe bomben, wie auch andere Teile der Sicherheitskräfte. Und wenn ihr das gelingt, dann stehen die Karten für das letzte Jahr der US-Präsenz im Irak schlecht. (Gudrun Harrer/DER STANDARD, Printausgabe, 30.8.2010)

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    Der Irak-Heimkehrer Stabsunteroffizier Guido Constant wird von seiner Tochter Lunise und seinem Sohn Kendrick umarmt.

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