Gaddafi-Show in Rom: 30 Araberpferde und 200 junge Frauen

29. August 2010, 22:26
104 Postings

Libyscher Revolutionsführer absolviert vierten Besuch binnen eines Jahres - Mit Video

Libyens Staatschef Muammar al-Gaddafi inszeniert auch seinen vierten Italien-Besuch innerhalb von 15 Monaten in gewohnter Manier. Hinter den Kulissen aber geht es um das ganz große Geschäft.

*****

Für die Protokoll-Verantwortlichen des italienischen Außenministeriums sind seine Besuche ein Albtraum. Denn der oft in bizarrem Aufputz erscheinende libysche Präsident Muammar al-Gaddafi gilt als unberechenbar, hält Termine nicht ein, lässt seine Wagenkolonne plötzlich anhalten, um einen Spaziergang in der römischen Altstadt zu unternehmen.

Diesmal flog der eigenwillige Staatsgast mit einem Airbus in Ciampino ein - zwei weitere libysche Sondermaschinen brachten am Sonntagnachmittag 30 Araberpferde für eine Reitervorstellung von Beduinen nach Rom.

Gaddafi entstieg dem Flugzeug nicht in der gewohnten Uniform, sondern im traditionellen Kaftan mit Turban. Sein Wüstenzelt hatte er diesmal nicht im öffentlichen Park der Villa Pamphili, sondern auf dem Rasen der libyschen Botschaft aufstellen lassen. 200 von einer Hostessenagentur angeheuerte junge Frauen erwarteten den Gast - vermutlich wie im Vorjahr für eine Rede über den Islam.

Gräuel der Kolonialmacht

Beim vierten Italien-Besuch in 15 Monaten wurden vorsichtshalber nur zwei offizielle Termine eingeplant: Premier Silvio Berlusconi und sein Gast eröffnen am heutigen Montag in der Libyschen Akademie zunächst eine Fotoausstellung über die Gräueltaten des italienischen Kolonialheeres in Nordafrika. Am späten Nachmittag soll bei einem Festakt mit 800 Gästen der zweite Jahrestag des Freundschaftsabkommens zwischen beiden Ländern gefeiert werden.

Beim Abendessen nach dem Ende des islamischen Fastentags steht Wichtigeres auf dem Menüplan als Spitzenprodukte der italienischen Küche. Dass es um deutlich mehr geht, bezeugen die Gäste, die mit Gaddafi am Tisch sitzen: UniCredit-Chef Alessandro Profumo, Eni-Verantwortlicher Paolo Scaroni, der Chef des Energieriesen Enel, Pietro Gnudi und der Präsident des Staatskonzerns Finmeccanica, Francesco Guarguaglini.

Großaufträge winken

Sie alle können mit einträglichen Großaufträgen aus dem Wüstenstaat rechnen. Der Ölkonzern Eni, dessen Fördergenehmigung um 25 Jahre verlängert wurde, will in den nächsten Jahren 25 Milliarden Euro in Libyen investieren. 20 italienische Firmen bewerben sich um den Bau der 1700 Kilometer langen Wüstenautobahn von der tunesischen bis zur ägyptischen Grenze. Das Unternehmen Terna soll ein neues Hochspannungsnetz errichten, Finmeccanica liefert Hubschrauber.

Bei einem Treffen der Verteidigungsminister beider Länder soll über die Lieferung von Rüstungsgütern verhandelt werden. Das Unternehmen Impregilo baut derzeit in der Hauptstadt Tripolis ein neues Kongresszentrum.

Berlusconi will dem libyschen Diktator, der bereits größter Aktionär der UniCredit-Bank ist und 7,5 Prozent des Fußballklubs Juventus besitzt, den Weg in weitere Großunternehmen wie Generali, Telecom und Mediobanca ebnen. Die Libyer wollen ihre Eni-Beteiligung bis auf zehn Prozent steigern.

Italienische Zeitungen haben im Vorfeld des Besuchs den "kolossalen Interessenkonflikt" des Cavaliere in der "Geddasconi GmbH" kritisiert. Berlusconis Konzern Fininvest besitze ein Viertel der Produktionsfirma Quinta Communication des tunesischen Berlusconi-Freundes Tarak Ben Ammar, an der auch Gaddafis Familienunternehmen Lafitrade beteiligt sei. Beide halten Anteile am arabischen Satellitenfernsehen Nessma TV. (Gerhard Mumelter aus Rom/DERSTANDARD, Printausgabe, 30.8.2010)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Muammar Gaddafi am Sonntag bei der Ankunft auf dem Flughafen Ciampino, wo ihn Außenminister Franco Frattini (re.) begrüßte. Libyen drängt weiter in italienische Unternehmen.

Share if you care.