Bundesbanker leistet sich erneute rassistische Entgleisungen und unterstellt Muslimen "Inzucht" - Zentralrat der Juden: Sarrazin hat rote Linie überschritten
Berlin - Der wegen
seiner
Ausländer-Hetze scharf kritisierte Bundesbankvorstand Thilo
Sarrazin legt mit neuen Äußerungen zu Muslimen und Juden nach. Unmittelbar
vor der Vorstellung seines Buches
"Deutschland schafft sich ab"
sagte er der "Welt am Sonntag", Muslime
würden sich überall in
Europa schlechter integrieren als andere Gruppen von
Einwanderern. Dies werde besonders deutlich, wenn man die
Eingliederungserfolge von Indern und Pakistanern in
Großbritannien vergleiche. Die Gründe
dafür lägen offenbar in
der Kultur des Islam. Zugleich
verteidigte sich das SPD-Mitglied
gegen die Kritik auch aus der eigenen Partei und lehnte einen
Austritt ab.
In dem in Auszügen bekannten Buch, das am Montag
erscheint,
geißelt der 65-jährige Notenbanker die Einwanderungspolitik in
Deutschland und warnt vor "Überfremdung". "Ich möchte nicht, dass
das Land meiner Enkel und Urenkel zu großen Teilen muslimisch
ist", heißt es darin. Zudem schreibt er, "eine lange Tradition
von Inzucht" führe dazu, dass der Anteil
der angeborenen
Behinderungen unter türkischen und kurdischen Migranten weit
überdurchschnittlich sei.
Sarrazin verwies in der "Welt am Sonntag" auf die wachsende
Bedeutung der Einwanderung und sprach
vom "Genpool" der
europäischen Bevölkerung. "Die
kulturelle Eigenart der Völker
ist keine Legende, sondern bestimmt die
Wirklichkeit Europas",
sagte der Banker. "Alle Juden teilen ein
bestimmtes Gen, Basken
haben bestimmte Gene, die sie von
anderen unterscheiden."
Einen Austritt aus der SPD lehnte der
frühere Berliner
Finanzsenator kategorisch ab. Auf die
Frage, warum er in der
Partei bleiben werde, sagte er der "Welt
am Sonntag", seine
Vorschläge seien sozialdemokratisch. Bei der
Armutsbekämpfung
entwerfe er ein Szenario, das den Arbeitslosen den Einstieg in
die Arbeitswelt und sozialen Aufstieg
ermöglichen solle. "Das
ist sehr sozialdemokratisch", sagte Sarrazin.
"Maß ist voll"
Führende
SPD-Vertreter hatten den Bundesbanker aufgefordert,
aus ihrer Partei auszutreten. Der
Vorsitzende von Sarrazins
Kreisverband Charlottenburg-Wilmersdorf, Christian Gaebler,
sagte dem "Spiegel": "Das Maß ist voll. Für den Fall, dass Herr
Sarrazin nicht freiwillig aus der SPD
austritt, bereiten wir ein
Parteiausschlussverfahren vor."
Zentralrat der Juden: Sarrazin hat rote Linie überschritten
Der Zentralrat der Juden in Deutschland hat Bundesbankvorstand Thilo Sarrazin
nach seinen Äußerungen über Juden Rassismus und das Schüren von Hass
vorgeworfen. "Sarrazin hat endgültig eine rote Linie" überschritten, sagte der
Vizepräsident des Zentralrates, Dieter Graumann, am Sonntag der
Nachrichtenagentur dpa. Der SPD-Politiker stütze sich mit seinen Behauptungen
auf die Rassentheorien der Nationalsozialisten.
Solche Äußerungen von einem Vorstandsmitglied der Deutschen Bank seien
unerträglich, sagte Graumann. "Man darf zu solchen Thesen nicht schweigen."
Kritik sogar von Koch
Der
scheidende hessische Ministerpräsident Roland Koch
nannte Sarrazins Thesen im Hessischen Rundfunk zynisch,
rückwärtsgewandt und pessimistisch. "Wer glaubt, dass die
Biologie und die Erbanlagen nahezu alles
sind, und dass sich
Migranten oder sozial im Augenblick schwache Menschen sozusagen
immer in diesen Gruppen bewegen werden, der
gibt sie auf."
Allerdings dürfe man das Thema Zuwanderung nicht ausblenden.
Mehrere Politiker hatten die
Bundesregierung und die
Bundesbank aufgefordert, Konsequenzen zu ziehen. Die Bundesbank
hat das Buch als persönliche Meinungsäußerung Sarrazins
bezeichnet. Entlassen kann ihn nur Bundespräsident Christian
Wulff auf Antrag des Bundesbankvorstandes. Der
müsste einen
solchen Schritt mit "schweren Verfehlungen" begründen. Dieses
Szenario gilt jedoch derzeit als unwahrscheinlich. Bereits im
Vorjahr hatte der Bundesbank-Vorstand
Sarrazin nach umstrittenen
Äußerungen über Migranten die
Kompetenzen beschnitten. Er ist
seither nur noch für das Risiko-Controlling und für
Informationstechnologie zuständig.
Kritik von Westerwelle und Guttenberg
Auch Bundesaußenminister Guido Westerwelle und Verteidigungsminister Karl-Theodor zu
Guttenberg haben die Äußerung von Bundesbankvorstand Thilo Sarrazin zu Juden
scharf kritisiert. "Wortmeldungen, die Rassismus oder gar Antisemitismus
Vorschub leisten, haben in der politischen Diskussion nichts zu suchen", sagte
Westerwelle (FDP) der "Bild am Sonntag" einem Vorabbericht zufolge. Guttenberg
(CSU) sagte dem Blatt zufolge: "Jede Provokation hat ihre Grenzen. Diese Grenze
hat der Bundesbankvorstand Sarrazin mit dieser ebenso missverständlichen wie
unpassenden Äußerung eindeutig überschritten." (Reuters)