"Not-Stand ist ein Stigma"

28. Mai 2003, 12:13
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dieStandard.at im Interview mit Notstandshilfeempfängerin Christine S. darüber, was es bedeutet, ohne Job zu leben

Christine S. (Name von der Redaktion geändert), 40, gelernte Bürokauffrau, hatte sich im Laufe der Jahre eine Karriere erarbeitet, war als Projektmanagerin in namhaften Firmen in der Medienbranche erfolgreich tätig. Dann wurde sie arbeitslos – und ist seit zwei Jahren Notstandshilfebezieherin. Im Interview mit dieStandard.at schildert sie, warum der Wiedereinstieg in den Arbeitsmarkt für sie so schwierig ist, wie ihr Alltag aussieht und mit welchen (Zukunfts-)Sorgen und Ängste sie sich konfrontieren muss.

dieStandard.at: Von der Notstandshilfe leben – was ist das für eine Lebenssituation?
Christine: Notstandshilfe beziehen, das ist nicht nur eine finanzielle Notsituation, sondern damit ist viel mehr verbunden: Wir leben in einer Gesellschaft, die immer stärker von Leistung geprägt ist. Man wird gemessen an dem, was man hat und extrem viele Menschen identifizieren sich zu einem sehr großen Teil mit ihrer Arbeit – und mir ging es da nicht anders, denn Arbeit haben bedeutet kreativ sein zu können, produktiv zu sein, seine eigenen Ressourcen zu entwickeln und sich beruflich weiterzuentwickeln. Es bedeutet auch soziale Kontakte und ein reguläres Einkommen, mit dem man sich auch Dinge wie Vorsorge leisten kann. Oder ins Kino gehen und all die kleinen Dinge, die einem das Leben einfach feiner machen. Das fällt dann plötzlich weg.

dieStandard.at: Was heißt das, wenn man von heute auf morgen keinen Job mehr hat?
Christine: In den ersten drei, vier Monaten fand ich das noch ganz angenehm, nicht aufstehen zu müssen, auszuspannen, weil ich einen anstrengenden, fordernden Job hatte. Und dann habe ich begonnen, Bewerbungen zu schreiben. Es gab einige Bewerbungsgespräche – es gab aber auch eklatant viele Absagen. Und jede Absage, die ins Haus flattert ist ein emotionaler Tiefschlag.

Ich habe zwar auf alle meine 200 Bewerbungen eine Antwort bekommen, was keine Selbstverständlichkeit ist, aber das nützt jemandem in Notstand gar nichts, das ist kein Trost. Es kommt trotzdem die Frage, bin ich überhaupt etwas wert und wo ist mein Platz in der Gesellschaft, wo gehöre ich hin und wie sehen mich die anderen. Man ist traurig in solchen Phasen, viele Menschen werden da wirklich depressiv. Ich habe auch eine Thearpie begonnen, die ich mir zwar selber zahlen muss, aber für mich ist das eine sehr hilfreiche Begleitung, weil ich in diesem geschützten Raum all diese Fragen für mich beantworten kann..

dieStandard.at: Und was war der Grund für die Absagen?
Christine: Das Alter und Überqualifizierung. Tatsache ist, dass mit den „älteren Arbeitnehmern“ nicht mehr die über 45-Jährigen gemeint sind, sondern schon die über 35-Jährigen. Ein Unternehmen kann bei einer Bewerbung natürlich nicht geradeheraus sagen, dass die Absage am Alter liegt, denn das wäre ein Klagsgrund, aber es gab zwei Unternehmen zum Beispiel wo man mir dezidiert gesagt hat, dass ich zu alt bin. Die einen haben gesagt, die Position würde mit zwei jüngeren Männern besetzt und die zweiten, eine Headhuntingagentur, haben mir gesagt, dass der Auftraggeber jemanden jüngeren sucht – aber dazu gesagt, dass das eigentlich dumm ist, weil die Erfahrung zählt. Das ist eine wertvolle Ressource, die momentan hintan gestellt wird – meiner Meinung nach ein großer Verlust für die Wirtschaft. Und zum anderen war die Antwort, dass ich überqualifiziert sei – auch, wenn ich in der Bewerbung betont habe, dass meine Gehaltsvorstellungen den Marktverhältnissen angepasst sind. Dabei habe ich mich auch für Positionen beworben, die weit unter meiner Qualifikation liegen.

dieStandard.at: Bewerben Sie sich weiterhin, trotz der vielen Niederlagen?
Christine: Ja, ich kümmere mich darum, aber es kostet viel Kraft, wenn man dauernd abgewiesen wird. Ich brauche die Kraft aber für mich selbst, um nicht zu verzweifeln. Um weiterzuleben, um rauszugehen, um draußen die Blumen zu sehen und mich daran freuen zu können, um ein Gespräch genießen zu können und zu schauen, wie es weitergehen soll.

dieStandard.at: Wie kommen Sie denn finanziell über die Runden?
Christine: Mit der Notstandshilfe kann ich genau meine Fixkosten abdecken und damit hat es sich. Das bedeutet, jeden Cent dreimal umdrehen müssen, um mit dem auszukommen, was man hat. Um die Miete, den Strom zu bezahlen, um nicht zu verhungern. Das klingt jetzt vielleicht drastisch, aber es bedeutet auch Lebensmittel so einzukaufen, dass man auskommt, dass man nicht jeden Tag Fleisch essen kann, wenn man wollte, nicht immer am Markt frisches Gemüse einkaufen kann. Ich kaufe beim Diskonter ein und die Basics auf Vorrat, nicht, was gerade schmeckt, sondern, was möglich ist. Ich esse viele Kohlehydrate, also Nudeln, jetzt ist Bärlauchzeit, ich werde mir daraus Pesto machen – Not macht eben erfinderisch.

dieStandard.at: Und wie geht es Geist und Seele?
Christine: Was mir lange Zeit große Probleme gemacht hat, und jetzt ein bißchen besser wird, ist, dieses ständige Gefühl zu haben, keinen Wert für die Gesellschaft zu haben. Und das kommt nicht nur an den permanenten Absagen trotz Qualifikation, sondern auch daran, dass das Thema Notstandshilfe und Arbeitslosigkeit tabuisiert ist.
Und wenn dann in manchen Medien Headlines produziert werden wie „Sozialschmarotzer – so leben Arbeitslose von unserem Geld“, dann werde ich sauer. Das hat nichts mit der Realität zu tun, ist aber leider das, was sich in den Köpfen festsetzt. Zum einen haben alle Menschen, die Notstandshilfe oder Arbeitslose beziehen, selbst Beiträge bezahlt, eine Versicherung um diese Leistung in Anspruch nehmen zu können, sie haben also selbst dafür vorgesorgt. Und zum anderen ist es wahrlich kein Luxusleben keinen Job zu haben und sich nicht bewegen zu können.

dieStandard.at: Sondern...?
Christine: Es bedeutet, dass einem zeitweise echt die Decke auf den Kopf fällt, es bedeutet, dass die sozialen Kontakte schwächer werden. Es gibt Phasen, wo ich wirklich verzweifelt war, wo ich mich selbst in Frage gestellt und die Schuld bei mir gesucht habe, wo ich mich gefragt habe, ob meine berufliche Erfahrung nicht ausreichend ist, ob ich qualifiziert genug bin. Ob ich überhaupt eine Chance habe, am Arbeitsmarkt und was ich denn tun muss, um mich besser zu qualifizieren. Es treten dann ganz, ganz massive Selbstzweifel auf. Wenn ich mir meine beruflichen Werdegang anschaue, kann ich sagen nein, es liegt nicht an meiner Qualifikation – es ist also ein Vorwurf, den ich mir nicht machen müsste, aber es passiert ganz automatisch. Und jede Absage trägt noch mehr dazu bei.

dieStandard.at: Wie sieht denn Ihr ganz normaler Alltag aus?
Christine: Es gab eine Phase, wo ich nicht gewusst habe, was ich mit meiner Zeit tun soll. Da hab ich beschlossen, mir einen Wochenplan aufzustellen: Ich hab gesagt, okay, da steh ich um sieben auf und mach meine Turnübungen oder was auch immer und dann mach ich Frühstück und lese online Zeitung, Kaffeehaus ist ja Luxus. Und diesen Stundenplan halte ich auch ein, ich habe einfach jeden Tag bestimmte Zeiten, wo ich bestimmte Dinge tu – das ist nicht immer dasselbe, aber ich überleg mir am Vortag, was ich am nächsten Tag mache. Die Gefahr, das nicht zu tun, ist aber extrem groß und das ist dann eine Spirale, die sich nach unten dreht, weil du hast ja keine Aufgabe und keinen Grund, es zu tun.

dieStandard.at: Auf sich zu schauen ist also ganz, ganz wichtig...
Christine: Ja, und ich habe auch den Vorsatz gefasst, meine sozialen Kontakte wieder stärker zu beleben und das wirklich auch selbst zu initiieren und das ist nicht einfach. Man hat auch keine Erfolgserlebnisse. Jetzt bin ich zum Beispiel froh, dass der Winter vorbei ist, denn das ist eine furchtbare Zeit, weil Du nicht außer Haus gehen kannst, weil es trist draußen ist. Da kam ich mir vor wie ein eingesperrtes Tier in einem Käfig. Mit der Sonne und dem Frühjahr ändert sich das – ich gehe raus und bin dann halt froh, dass an der Supermarktkassa nicht die Schlangen stehen. Ich kann mich auch eine Stunde in die Sonne setzen – das sind für mich die Dinge, die mir gut tun, ich schau drauf, dass es mir gut geht und ich mach die Dinge, die ich ohne Geld tun kann, die mir Wohlbefinden schenken.

dieStandard.at: Und der Freundeskreis, steht der zu Ihnen?
Christine: Der Freundeskreis bleibt zwar, aber es trennt sich dann die Spreu vom Weizen. Angebliche Freunde fallen sofort weg, weil sie mit dem überhaupt nichts zu tun haben wollen, denn klarerweise hat man auch Durchhänger. Ich habe das Glück, nicht in Depressionen verfallen zu sein, aber es gab Zeiten schlimmer Verzweiflung, wo ich mich auch selber abgeschottet habe, die Freude verloren, Dinge zu unternehmen, aus dem Haus zu gehen, Freunde zu sehen. Und wenn ich sie gesehen habe, war ich nicht besonders gut drauf – die, die keine wahren Freunde sind, waren dann sofort weg, denn es geht dann nicht mehr um Fun, sondern um die Realität.

Ich glaube, dass es für viele meiner Freunde auch nicht einfach war und ist, wenn ich in solchen Phasen bin, wo ich auch Angst habe und nicht weiß, wie es weitergeht und wie meine Zukunft aussieht. Und es ist eine enorme Anstrengung, die sozialen Kontakte nicht zu verlieren, weil ich mich manchmal zurückziehe, niemanden anrufe – worüber soll ich auch stundenlange Gespräche führen, die ich mir gar nicht leisten kann. Wenn ich jemanden anrufe, dann sage ich gleich, er oder sie soll mich bitte zurückrufen – viele verstehen es, manche überhaupt nicht, weil sie die Situation nicht kennen oder es als unverschämt empfinden.

dieStandard.at: Selbstständigkeit, sehen Sie das vielleicht als eine Chance?
Christine: Ich bekomme jetzt eine Ausbildung vom AMS bezahlt, ein riesiges Glück für mich, und habe das schon angedacht, aber man darf nicht vergessen, dass so Selbstständigkeit Kraft braucht. Man muss auch finanzielle Ressourcen haben, und die habe ich nicht. In der Investitionsphase habe ich ja kein Einkommen und kann meine Fixkosten nicht bezahlen. Das ist eine finanziell belastete Zukunft, denn wer leiht mir das Geld, eine Bank dafür zu finden ist schwer. Da habe ich große Bedenken.

dieStandard.at: Müssen Sie Schulden machen, um überleben zu können?
Christine: Ja, ich habe auch Schulden – da bin ich unter den NotstandshilfebezieherInnen auch nicht alleine damit. Ich habe alle meine Ersparnisse aufgebraucht, all meine Vorsorgesachen, aber ich mache noch immer Schulden: Wenn alle fünf Monate die Stromrechnung kommt, dann reißt mir das ein Loch in mein Budget, das ich nicht decken kann – also mache ich weiter Schulden. Und ich bekommen kein zinsloses Darlehen, also ist der Not-Stand eine weitere Finanzfalle. Was ich bekomme, ist nach meiner Arbeitslose bemessen und die wiederum aufgrund meines Einkommens – und da lag schon eine riesige finanzielle Kluft dazwischen. Aber zwischen Arbeitslose und Notstandshilfe ist es noch einmal eklatant größer. Das bedeutet wirklich nur mehr die existenzielle Sicherung. Natürlich gibt es noch immer Schlimmeres, zum Beispiel alleinerziehende Mutter in Notstand zu sein – aber Notstand ist für jeden Notstand.

dieStandard.at: Was bedeutet das für die Lebensqualität?
Christine: Das, was in unserer Gesellschaft darunter verstanden wird, von dem kann ich mir nichts leisten. Ich habe Gott sei Dank Freunde, die mich hin und wieder zum Essen oder ins Kino einladen, aber wie viele Menschen gibt es, die das nicht haben und wirklich alle Kontakte verlieren.

dieStandard.at: Sprichst Du über Deine Situation? Ohne Job zu sein ist ja auch sehr stigmatisiert...
Christine: Ich schon, aber ich gehöre zu den Ausnahmen, das weiß ich. Genau deshalb, weil es stigmatisiert ist, habe ich von Anfang an gesagt, wie es ist. Es ist meine Realität und ich bin ein Teil der Gesellschaft – und meine Realität ist damit auch automatisch ein Teil der Realität der anderen. Es kommt für mich überhaupt nicht in Frage, zu sagen, es sei nicht so, oder so zu tun, als ob ich in einer heilen Welt leben würde. Aber ich weiß, es ist nicht einfach, jemandem gegenüberzutreten und zu sagen:„Ich bin Notstandshilfeempfängerin.“ Das löst Reaktionen aus: Es bedeutet in den Köpfen „Aha, die hat keinen Job, die ist nichts wert, ist rausgeworfen worden, nicht qualifiziert, bla, bla, bla...“. Auch, wenn es überhaupt nicht stimmt – es ist wirklich ein Stigma. Es bedeutet Ausgrenzung, an den Rand gedrängt zu werden, die eigene Identität in Frage gestellt zu bekommen, am kulturellen Leben nicht mehr teilnehmen zu können.

dieStandard.at: Aber gerade das kulturelle Leben wäre ja in dieser Situation ganz wichtig...
Christine: Ja, das ist ein Teufelskreis: Jemand, der in meiner Situation ist und in einer emotionalen Not ist, braucht Kultur wie einen Bissen Brot um einen emotionalen Ausgleich herzustellen, um auch Kontakte zu haben, andere Menschen zu sehen, auf die Straße zu gehen., denn sonst macht es krank. Es ist psychische Hygiene. Aber das kann ich mir ja nicht leisten und Ermäßigungen für NotstandshilfebezieherInnen gibt es nicht. Wir haben aber auch keine Vertretung und keine Lobby, die für jene eintritt, die den Job verlieren. Gesund sein heißt aber nicht nur, genug zu essen zu haben, sondern auch seelisch gesund zu sein, einen guten Selbstwert zu haben – allein schon, um Kraft für die Arbeitssuche zu haben. Denn das ist eines der größten Probleme: der Selbstwert, der so massiv angekratzt und beschnitten wird. Bei aller Kraft und aller Erfahrung, auf die ich zurückgreifen kann – wie soll ich mich da gut verkaufen können?

dieStandard.at: Bekommen Sie Unterstützung vom AMS?
Christine: Ja, mein AMS-Berater ist ein absoluter Glücksfall und ein Zufall. Er war der Erste, der mir zugehört hat, der wissen wollte, was meine Qualifikation ist, welche Erfahrungen ich habe. Ich habe allerdings vorher auch eine andere Beraterin gehabt, die mir überhaupt nicht zugehört hat. Zu der kam ich und die hat mir in einer Litanei heruntergebetet, was meine Pflichten sind. Und dann habe ich gefragt, was denn meine Rechte sind – und sie hat geantwortet, das steht alles auf der Homepage, ich solle mir das durchlesen. Das wars. Ich hab danach gefragt – aber es gibt genug Menschen, die sich nicht trauen, nach ihren Rechten zu fragen, wenn sie so begrüßt werden. Der erste Empfang gab mir das Gefühl: Sie sind Almosenempfängerin, sie haben nichts mehr zu vermelden, sie sollten froh sein, wenn sie überhaupt etwas kriegen.

dieStandard.at: Was denken Sie über die geplante „Sozialhilfe neu“?
Christine: Sie macht mir Angst! Das ist keine Versicherungsleistung wie die Notstandshilfe, sondern ein Darlehen, das ich zurückzahlen muss, und wenn nicht ich, dann jemand anders für mich. Und es ist wesentlich weniger als die Notstandshilfe, es wird nicht für die Pension angerechnet. Es macht mir Angst, daran zu denken, dass ich Sozialhilfe empfangen müsste, aber nicht, weil ich dann vielleicht noch weniger Selbstwertgefühl hätte, sondern weil ich dann Almosenempfängerin ohne Rechte wäre – ich wäre recht-los und versicherungslos, hätte keinen Zugang mehr zu Weiterbildungs- und Qualifizierungsmöglichkeiten- ich finde die Idee wirklich letztklassig. Ich hoffe, dass es genügend Aufstand dagegen geben wird und ich nie in diese Situation kommen werde...Für den Moment habe ich jedenfalls beschlossen, eine halbe Stunde pro Tag für Sorgen zu verwenden – und der Rest wird gelebt.

Das Interview führte Isabella Lechner.

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