"Fogh hinter den Fassaden"

27. April 2003, 20:45
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Anders Fogh Rasmussen, der dänische Premier mit dem Mikro im Knopfloch - Ein Kopf des Tages

Es gab Zeiten, da war die vielfältige Wertschätzung für Anders Fogh Rasmussen mindestens so breit wie sein Lächeln: Das kleine Dänemark und sein patenter Ministerpräsident hätten die Endphase der EU-Beitrittsverhandlungen sehr ordentlich bewältigt, beschieden EU-Verständige dem dänischen Ratsvorsitzenden Ende 2002. Und sein von Eheproblemen gebeutelter italienischer Kollege Berlusconi ließ gar hören: "Rasmussen ist der schönste Premierminister in Europa. Ich werde ihn meiner Frau vorstellen."

Neuerdings jedoch ist Rasmussens Ruf recht ramponiert. Und das nur - wie der 50-Jährige immer wieder erklären muss -, weil er sich tatkräftig für "eine neue Offenheit des Einblicks in politische Entscheidungsprozesse" eingesetzt hat.

Allein deswegen, schwört der Premier nun, stimmte er der Bitte des dänischen Filmemachers Christoffer Guldbransen zu, seinem Tagesgeschäft mit einem Mikrofon im Knopfloch nachzugehen. Für einige seiner Politikerkollegen dagegen ist das daraus entstandene, mit Handkamera gefilmte TV-Porträt "Fogh hinter den Fassaden" etwas zu transparent geraten. Auch deshalb, weil sich der Premier noch zusichern ließ, heikle Passagen streichen zu können, und dennoch Gespräche aus den Boudoirs der Macht auf Sendung gehen ließ, die sich eher wie Latrinengemauschel anhören.

"Hab' ich dir erzählt, dass Joschka innerhalb von zwölf Stunden drei verschiedene Standpunkte zur Türkeifrage gehabt hat?", raunte etwa Außenminister Per Stig Möller seinem Premier ins Mikro am Revers. Jacques Chirac indes gestand dem Dänen im Vertrauen, dass er sich zu sehr vor den Bauernverbänden in seinem Land fürchte, um noch aus der vor dem Kopenhagener Gipfel mit Bundeskanzler Schröder getroffenen Agrareinigung herauszukommen.

In Frankreich wie Deutschland schweigt man zu den Indiskretionen: In innerdänische Auseinandersetzungen mische man sich nicht ein, hieß es. Der politische Flurschaden, den Rasmussens Offenherzigkeit angerichtet hat, dürfte dem bereits für höhere europäische Weihen Gehandelten jedoch enorm schaden.

Die Dänen indes fragen, wie einem erfahrenen Politiker so ein Fehltritt überhaupt passieren konnte. Rasmussen wurde 1978 erstmals als Abgeordneter ins Folketing gewählt, von 1987 bis 1992 war er Minister. Zwei Jahre später übernahm er die rechtsliberale Venstre-Partei und machte sie 2001 - nicht zuletzt mit einem ausländerfeindlichen Wahlkampf - zur stärksten Partei im Land und sich zum Premier.

Letzteres dürfte ihm nun nach den nächsten Wahlen schwer fallen, weil auch sein Koalitionspartner Möller wegen der Abhöraffäre fuchsteufelswild ist. Rasmussens Platz wäre dann definitiv einer, der weit von den Fassaden der Macht entfernt ist.(Christoph Prantner/DER STANDARD, Printausgabe, 28.4.2003)

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    Neuerdings ist Rasmussens Ruf recht ramponiert.

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