Friendly Fire aus Israel

27. April 2003, 20:40
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Willkommen in der schönen neuen Welt der Demagogie - Ein Kommentar der anderen von Hellmut Butterweck

Danke, David Landtmann, für die Klarstellung. Wer nicht intelligent genug ist, selber zu erkennen, was es heißt, gegen den Irakkrieg zu sein, bekommt es in der Illustrierten Neuen Welt von Ihnen unter die Nase gerieben: "Wer gegen den Krieg ist, unterstützt damit Saddam Hussein."

Schön stehe ich jetzt da, der ich gegen diesen Krieg bin. Ich unterstütze also Saddam Hussein. Bleibt einem da überhaupt etwas anderes übrig, als unverzüglich seinen Irrtum einzusehen, in sich zu gehen und für den Krieg zu sein, zumal es sich ja auf der Seite der Sieger allemal besser lebt? Oder soll man einfach den Mund halten, über den einem David Landtmann gefahren ist, ehe man ihn aufmachen konnte?

In meinem Fall notabene in einer Zeitung, der ich mich freundschaftlich verbunden fühle und für die ich auch selber schon geschrieben habe. Ich bin, als entschiedener Ablehner dieses Krieges, also intellektuell und moralisch unter Friendly Fire geraten. Solche Zwischenfälle lässt man besser nicht auf sich beruhen. Ich ziehe es daher vor, deutlich auszusprechen, welchen Ausrutscher sich die von Theodor Herzl 1897 gegründete Illustrierte Neue Welt mit diesem Artikel geleistet hat - immerhin prangt er auf der ersten Seite.

Plump...

David Landtmann liefert ein Kabinettstück der Methode, einen fremden Standpunkt mit Unterstellungen und ironischen Seitenhieben herunterzumachen, statt dagegen zu argumentieren. Ob es ihm passt oder nicht: Man kann und darf der Ansicht sein, dass die Toten dieses Krieges, das von ihm verursachte Leid und die angerichteten Schäden schwerer wiegen als alle Verbrechen, die Saddam Hussein in den noch folgenden Jahren seiner Herrschaft auf sich geladen hätte. Man kann und darf dieser Position widersprechen. Sie als die "mehr oder weniger begnadeten Fingerübungen halbgebildeter Lohnschreiber" zu verhöhnen ist Demagogie, und zwar eine ziemlich plumpe.

Ob es David Landtmann Recht ist oder nicht: Man kann und darf der Meinung sein, dass die derzeitige Führung der USA mit diesem Krieg UNO und Sicherheitsrat, also den Mechanismen zur Konfliktregelung, die seit dem Zweiten Weltkrieg schlecht und recht funktionierten, den Rest gegeben hat. Man kann und darf der Meinung sein, dass die Regierung Bush einem neuen internationalen Faustrecht die Bahn bricht. Man kann und darf sagen, dass dieser Krieg, auch wenn er eine abscheuliche Despotie stürzte, nach den Grundsätzen des Nürnberger Prozesses ein verpönter Angriffskrieg war. (Weil in Amerika so oft von der Undankbarkeit der Europäer die Rede war: Nicht die USA haben Deutschland den Krieg erklärt, sondern Japan zog mit dem Angriff auf Pearl Harbor seinen Achsenpartner Deutschland in den Krieg gegen die USA.) Man kann und darf die Position vertreten, dass die Feststellung, ein Regime sei verbrecherisch, selbst dann, wenn sie stimmt, keine Legitimation für einen militärischen Angriff schafft, dass dieser Krieg den Nahen Osten zu destabilisieren droht, dass er etlichen "Schurkenstaaten" Gründe lieferte, eilig nach Kernwaffen zu streben, und dass er wahrscheinlich auch der Sicherheit des Staates Israel mehr schadet als nützt.

... und respektlos

Man kann und darf allen diesen Positionen mit Argumenten entgegentreten. Man darf sie aber nicht, weil sie einem missfallen, als "ein recht kurzweiliges Freizeitvergnügen" in den "Schanigärten der Wiener Ringstraßenkaffeehäuser" (wo gibt's die noch?) abqualifizieren, und tut es man es, disqualifiziert man sich selbst. Der Text "Sind Juden Kriegstreiber?" lässt selbst den Minimalrespekt vor fremden Meinungen vermissen.

Die perversen Bündnisse, zu denen dieser Krieg geführt hat, die antisemitischen Rülpser, die jetzt wieder hochkommen, die unfreiwillige Nachbarschaft der legitimen Kritik an der Politik der Regierung Bush mit den Anti-US-Ressentiments der alten Nazis, das alles ist schwer genug auszuhalten. Dann auch noch Friendly Fire, das ist zu viel. Bitte nicht noch einmal!(DER STANDARD, Printausgabe, 28.4.2003)

Der Autor ist langjähriger Redakteur der Wochenzeitung "Die Furche" und Buchautor ("Österreichs Kardinäle"), lebt in Wien.

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Illustrierte Neue Welt

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