Abschied vom "Ruhestand"

27. April 2003, 20:30
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Barbara Coudenhove-Kalergi sieht in ihrer Kolumne Kibbutz und Kloster als Vorbild für die Zukunft der Arbeit

Dass die Leute in Zukunft länger arbeiten müssen - daran führt kein Weg vorbei. Der Streit geht ums Wie. Was macht man mit älteren Arbeitnehmern, die nicht mehr voll leistungsfähig, dafür aber umso teurer sind? Ich habe nur zwei Einrichtungen gesehen, in denen dieses Problem gelöst erschien: ein israelischer Kibbutz und ein österreichisches Kloster.

Im Kibbutz besuchten wir vor Jahren einen Mann, der früher Abgeordneter und hochdekorierter General gewesen war. Wir fanden ihn im gemeinsamen Speisesaal. Er ging von Tisch zu Tisch, schob ein Wägelchen vor sich her und sammelte die benützten Teller ein. Alle grüßten ihn freundschaftlich und respektvoll. Niemand fand etwas Besonderes dabei, dass ein so genannter Promi als Kantinengehilfe tätig war. Er selbst am allerwenigsten. Dasselbe erlebte ich wenig später in einem Frauenkloster in der Steiermark. Dort war es die alt gewordene Priorin, die im Refektorium mit dem Geschirrwägelchen unterwegs war. Sie hatte früher die große Landwirtschaft gemanagt und die Novizinnen ausgebildet. Auch ihr Ansehen hatte durch ihre neue Tätigkeit offenkundig nicht gelitten.

Im Kibbutz wie im Kloster geht man praktisch nie in Pension. Man arbeitet, was man kann und solange man es kann. Es ist nicht erniedrigend, sondern ganz normal, eine weniger anstrengende und weniger verantwortungsvolle Tätigkeit zu übernehmen, wenn die Kräfte nachlassen und junge Leute nachrücken.

Im Grunde ist es die alte Utopie "Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen", die freilich nur in Gesellschaften zu funktionieren scheint, in denen Geld nicht das Wichtigste ist. Kaum vorstellbar, dass in einer gewöhnlichen Firma der Abteilungsleiter, bei entsprechend reduzierten Bezügen, eines Tages das Chefbüro mit der Betriebsküche vertauscht. Kann man von solchen Modellen trotzdem etwas lernen?

Möglicherweise schon. In einer alternden Gesellschaft, in der 60- und 65-Jährige oft noch ziemlich fit sind, werden wir uns wohl vom heute gebräuchlichen Begriff "Ruhestand" früher oder später verabschieden müssen. Es entspricht einfach nicht mehr der täglichen Erfahrung, wenn Menschen vom stressgeplagten Berufsleben von heute auf morgen ins beschauliche Pensionistendasein wechseln, nur mehr nehmen und nichts mehr geben sollen. Heute 14-Stundentag - morgen Mittagschläfchen im Schrebergarten? Heute Spitzenverdiener - morgen Rentenbezieher? Von Hundert auf Null in 24 Stunden?

Die herkömmliche Unterscheidung zwischen Berufstätigen und Rentnern stammt aus einer Zeit, in der arbeitende Menschen nach einem langen Berufsleben in der Regel so kaputt waren, dass sie den "wohlverdienten Ruhestand" herbeisehnten und meist ohnehin nicht lange genießen konnten. Man starb früh in jenen Zeiten. Heute finden sich die meisten Pensionisten eine Arbeit, bezahlt oder unbezahlt, mehr oder weniger anspruchsvoll, die sie weiter auf Trab hält.

Künftige Pensionsreformer werden diesen Trend wohl berücksichtigen und ins System einbauen müssen. Es ist nicht einzusehen, warum man dann in Pension geht, wenn man am meisten verdient und nicht, bei entsprechenden Durchrechnungszeiten, mit fortschreitendem Alter ohne Prestigeverlust allmählich weniger arbeiten und weniger verdienen kann.

Unser Kibbutz-General marschierte vom Geschirrabräumen direkt in die Leitungssitzung, wo seine Stimme nach wie vor Gewicht hatte.(DER STANDARD, Printausgabe, 28.4.2003)

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