Furor in Bagdad

27. April 2003, 20:20
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Auf sich allein gestellt produzieren die Amerikaner nicht mehr als anarchische Zustände - Ein Kommentar von Gerhard Plott

Der Zorn der Iraker über die US-Besatzungsmacht wird täglich größer. Seit dem Fall von Bagdad ist es den US-Truppen nicht gelungen, beispielsweise die Strom- und Wasserversorgung wiederherzustellen, die Spitäler funktionieren noch immer nicht, es gibt auch keine Verwaltungsstrukturen, nicht einmal in Ansätzen. Die zahlreichen Segnungen, die Washington nach erfolgter Befreiung versprach, sind bisher weit gehend ausgeblieben, die USA werden ihren Pflichten als Besatzer nicht gerecht.

US-Soldaten heizen die Wut der Menschen noch an. So sollen offenbar straffällig gewordene Iraker zum Ausziehen gezwungen und nackt durch die Straßen geführt worden sein. Mit solchen erniedrigenden Schlägen gegen die Menschenrechte - eine Zurschaustellung Gefangener verstößt eindeutig gegen die Genfer Konventionen - wird man dem Volk kaum Demokratie und Toleranz näher bringen können. Auch die Explosion eines Waffenlagers mitten im Wohngebiet haben die USA als Besatzungsmacht zu verantworten, sie hätten diese Depots besser sichern müssen. Angesichts der Tatsache, dass die Bevölkerung nach der wundersamen Auflösung der Saddam-Truppen über Tonnen von zurückgelassenen Waffen verfügt, ist es wohl nur eine Frage der Zeit, bis es zu gewaltsamen Anschlägen auf patroullierende US-Soldaten kommt.

Um den wachsenden Furor der Iraker zu mildern und von den US-Truppen abzulenken, wäre eine breitere internationale Präsenz im Irak nötig. Der Einsatz europäischer und arabischer Staaten wären allein schon deshalb vor Ort gefragt, weil die Amerikaner auf sich allein gestellt nicht mehr als anarchische Zustände produzieren. Doch Washington wehrt sich unbelehrbar und verbissen gegen die Mitwirkung anderer Staaten.(DER STANDARD, Printausgabe, 28.4.2003)

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