Streit im Sandkasten

27. April 2003, 20:17
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Christoph Winder über den "zunehmend läppisch werdenden Charakter" der Auseinandersetzung zwischen Frankreich und den USA

Was für eine beinharte Enthüllung: Die Sunday Times hat ihren Lesern verraten, dass Frankreich Saddam Hussein lange Zeit über Gespräche mit US-Diplomaten und über Einzelheiten der von den USA ins Auge gefassten Kriegsstrategie informiert habe. Ein Bericht habe etwa davor gewarnt, "dass die USA als Vorwand für einen Angriff auf den Irak das Land mit Terrorismus in Verbindung zu bringen versuchten".

Schockierend, in der Tat. Um zu dieser Information zu kommen, hätte Saddam zwar wahrscheinlich nicht der Dienste der Franzosen bedurft. Aber immerhin passt die Enthüllung haargenau in eine Zeit, da es en vogue ist, transatlantische Stänkereien ständig auf überlebensgroße Dimensionen aufzublähen. Dabei haben wir den Konflikt eh schon verstanden: Die Amerikaner sind sauer auf die Franzosen, weil sie den Irakkrieg nicht wollten - und die Franzosen ärgern sich über die Amerikaner, weil sie ihn trotzdem durchgezogen haben. Dass unter diesem Grundkonflikt noch eine Reihe von schäbigeren Streitmotiven vor allem geschäftlicher Natur verborgen liegt, ist ebenfalls jedem denkenden Menschen klar. Staaten geben sich gerne verbal idealistisch, in ihrer politischen Praxis sind sie es selten.

Die Art, wie sich Amerikaner und Franzosen, seien es nun Politiker oder Medienleute, ihre Frustrationen um die Ohren schlagen, bekommt allerdings mit zunehmender Konfliktdauer einen zunehmend läppischen Charakter. Die patriotische Neuschöpfung der "Freedom Fries", Jacques Chiracs' rotzige Zurechtweisung der US-freundlichen neuen EU-Staaten oder George Bushs Androhung in der letzten Woche, dass ihm Chirac lange nicht über die Schwelle seiner Ranch in Crawford kommen werde - all das trägt schon deutlich Züge einer aus dem Ruder gelaufenen Sandkastenstreiterei. Im Sinne der internationalen Beziehungen wäre es überfällig, dass die Politiker wieder einen konstruktiveren Ton anschlügen.(DER STANDARD, Printausgabe, 28.4.2003)

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