Komplizierter Alltag in Kirkuk

27. April 2003, 19:23
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Konflikte im Vielvölkerstaat - US-Stellen arbeiten kaum koordiniert

Mit einer solchen harschen Reaktion hätte der untersetzte Mann im dunklen Anzug wohl nicht gerechnet. Mit den Händen auf dem Rücken gefesselt findet sich er sich plötzlich bäuchlings auf der Straße liegend, die Gewehre zweier US-Soldaten auf sich gerichtet. Seinen Namen will der Gefangene keinem der Umstehenden nennen, schon gar nicht den Amerikanern. Ort der dramatischen Szene: nur ein paar Hundert Meter vom Gebäude des Gouverneurs von Kirkuk. Die Ursache: Eine Frau hatte sich beschwert, dass Kurden gekommen seien und ihr das Haus konfisziert hätten.

Tatsächlich prangt auf dem Dach des zweistöckigen Familienhauses ein Schild mit der Aufschrift "Kurdische Soziale Demokratische Partei". Daneben weht eine Fahne dieser bisher völlig unbekannten politischen Gruppe. Die Frau berichtet, sie heiße Sarah Sabah Ahmed, sei Araberin aus Kirkuk, ihr Mann sei Mitglied der Baathpartei gewesen. Weinend beschwert sie sich über die Beschlagnahme: "Helfen Sie mir!" Schließlich kann die Frau einen Eigentumsnachweis erbringen, der Besetzer wird verhaftet.

Kirkuk - knapp 300 Kilometer nördlich von Bagdad gelegen, neben Dohuk, Erbil und Suleimanya eine der großen kurdischen Städte des Nordirak und ein Zentrum der irakischen Erdölförderung. Jahrzehntelang hat Saddam Husseins Terrorregime versucht, kurdische Städte und Dörfer des Nordens zu arabisieren. Kurden und andere Volksgruppen wie Turkmenen wurden vertrieben. Ende der Achtzigerjahre wurden Hunderttausende von kurdischen Männern aus ihren Dörfern verschleppt. Die meisten haben ihre Familien niemals wieder gesehen.

"Alles aufschreiben"

In die Dörfer - wie etwa Belawally bei Kirkuk - siedelte das Regime Araber an. Nun wollen die Vertriebenen zurück. Unter ihnen ist Muatassim Bakr. Der Mann ist Turkmene aus Belawally und wurde, berichtet er, nach 1980 vom Baathregime vertrieben. Bis zu diesem Zeitpunkt war er Bauer, seitdem hat er sich als kleiner Ladenbesitzer in Kirkuk durchgeschlagen. Als er kürzlich in sein Heimatdorf zurückgekommen sei, sei er dort von den Arabern mit dem Gewehr bedroht worden. "Die Amerikaner haben mir ein Formular gegeben, mich aufgefordert, alles aufzuschreiben", sagt Muatassim Badr nun ein wenig enttäuscht.

Die USA haben den Krieg mit Leichtigkeit gewonnen. Das Alltagsleben des komplizierten Vielvölkerstaates zu regieren erweist sich als ungleich schwieriger. Vor ein paar Tagen hat man einen Rat gebildet, der zunächst für die Sicherheit verantwortlich zeichnen soll. Jeweils sechs Kurden, Turkmenen, Assyrer und Araber sind darin vertreten. Sie sollen Gouverneur Freidun Abdel Kader zur Seite stehen. Wer ihn eingesetzt hat, ist nicht ganz klar, aber ohne die neuen Herren, die Amerikaner, geschieht nichts.

Wie man den Gouverneur sprechen könne, wollen ein paar Journalisten wissen. Da müsse man Major Gowan fragen, ohne dessen Zustimmung könne man den Gouverneur nicht sprechen. Der sagt, es sei eine "anstrengende Arbeit", die verschiedenen Volksgruppen zusammenzubringen. Und J. Garner, der mit dem Wiederaufbau des Irak beauftragte General? Major Gowan zeigt sich überrascht. Ja, er habe von dem Mann gehört. Dass Garner aber gerade Kurdistan einen Besuch abgestattet hat - davon wusste Gowan nichts.(DER STANDARD, Printausgabe, 28.4.2003)

Von Heiko Flottau aus Kirkuk
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