Opernversuch über das Scheitern

27. April 2003, 22:07
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Uraufführung von "Alex Brücke Langer"

Bozen - Der Titelheld hat es sich, seinen Freunden wie seinen Feinden nie leicht gemacht. Er war Langstreckenläufer und Sprinter in einem, an verschiedenen Orten gleichzeitig, ständig unterwegs und den anderen meist ziemlich weit voraus. Alexander Langer, Politiker, Lehrer, Publizist und vieles andere mehr, ist nun tatsächlich Opernstoff geworden.

Es ist dies der außerordentlich seltene Fall, dass ein Mensch so kurz nach seinem Tod zum Hauptdarsteller eines musiktheatralischen Kunstwerks wird. 1995 hat sich der in Sterzing/Südtirol geborene Langer das Leben genommen. Und dies spektakulär, unter einem Baum unweit seiner Wohnung bei Florenz, mit einem Seil. "Die Lasten sind mir zu schwer geworden. Ich derpack's einfach nimmer", schreibt Alexander Langer zum Abschied.

Die Schlüsselszenen

Das Stück mit dem etwas holprigen Titel Alex Brücke Langer, das im Bozner Stadttheater nun seine Welturaufführung erlebte, ist ein musikalisch-szenischer Versuch über das Scheitern. 49 Jahre Leben, verdichtet in 60 Minuten Opernstory. Das geht nur, wenn man sich auf einige wenige Schlüsselszenen beschränkt und dann eben mit Schlagworten operiert: interethnisch, pluralistisch, oppositionell - allesamt Begriffe, für die Langer Zeit seines Lebens stand.

Viel sagend auch eine auf eine Leinwand projizierte Szene, in der der Titelheld (Michael Bennet) eine scheinbar nicht enden wollende Treppe nach oben eilt, links und recht in der Hand eine Tasche und auch eine dritte um den Hals gehängt - mehr als ein Symbol für die Last, die er sich aufbürden zu müssen glaubte. Langer hat zeitlebens gekämpft für mehr Toleranz, für das friedliche Zusammenleben.

Zuerst in Südtirol, dem "interkulturellen Laboratorium", wie er seine Heimat einmal genannt hat. Dann als Abgeordneter der Grünen und Fraktionssprecher derselben im EU-Parlament auch auf der großen Bühne Europa. Als sich die Leichen in Bosnien türmten, wollte er, der unermüdlich Rackernde, noch immer Brücken bauen, auch zwischen den Kriegsparteien. Doch all das blieb ziemlich vergeblich.

Die Opernidee

Idee und Musik zu dem Werk stammen vom Komponisten Giovanni Verrando. Der Komponist hat mit dem Werk vor zwei Jahren den Hauptpreis des renommierten Festivals für zeitgenössische Musik in Aix-en-Provence gewonnen. Die entsprechende Vorgeschichte: Giovanni Verrando hat Alexander Langer einst bei einem Bosnien-Einsatz kennen gelernt und war so beeindruckt, dass in ihm nach dessen Tod die Idee für eine eigene Oper reifte.

Das Libretto lieferte der aus Kalabrien stammende Vito Calabretta. Treibende Kraft im Hintergrund war und ist bei diesem Projekt Yoshi Oida. Der japanische Regisseur, jahrelang Partner von Regisseur Peter Brook, war von dem Stoff so fasziniert, dass er seit seiner ersten Begegnung mit dem Werk (als Jurymitglied des Festivals in Aix) nicht mehr locker ließ.

Manchem "Langerianer" stößt das sauer auf. Zu stark sei hier am Mythos gekratzt worden. Das Premierenpublikum jedenfalls fand mehrheitlich daran Gefallen und spendete langen Applaus. (DER STANDARD, Printausgabe vom 28.4.2003)

Von
Günther Strobl

Weitere Vorstellungen am 29. und 30. April im Neuen Stadttheater Bozen

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