"Jackass": Die profitable Schadenfreude

23. Juli 2004, 10:48
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Als gewaltige Geschmacklosigkeit inszeniert sich nun auch im Kino die Stuntshow "Jackass"

Im Zeitalter von Reality-TV stellt sich in aller (vorgeblicher?) Lust an der Selbstbeschädigung aber durchaus subtil die Frage: Ist alles "wahr", was wir hier als "Realität" wahrnehmen?


Wien - Jedes Kind, das bei einer Magieshow von David Copperfield den Magier abheben und "fliegen" sieht, weiß: Natürlich ist da immer noch ein cleveres Schnürlwerk im Spiel. Natürlich kann kein Mensch fliegen. Aber schön wäre es. Und wer sich dem Moment des Abhebens nicht hingeben und träumen will, der kann ja immer noch fragen: Wie hat der Copperfield das eigentlich gemacht?

Ähnlich verhält es sich mit brennenden, stürzenden, verwundeten Stars und Stuntmen im Actionkino der Attraktionen: Niemand glaubt ernsthaft, dass hier tatsächlich Menschenleben riskiert werden. Aber hinreißen und erschrecken (und begeistern oder anwidern) lässt man sich doch. Und wenn das Publikum schützend die Hände vor die Augen legt, so gibt es sich der Manipulation noch eher hin.

Schon im frühen Kino des französischen Spezialeffekt-Pioniers Georges Méliès war das nicht anders, der doch allen Ernstes ungeübten Betrachtern vormachen konnte, dass er etwa den Kopf eines Schauspielers auf Ballongröße aufblasen könnte ...

Es ist ziemlich erstaunlich und beweist einmal mehr die beträchtliche Macht der (Selbst-) Suggestion, dass die MTV-Serie Jackass diesbezüglich kaum jemals hinterfragt wird: Permanent wird (von kulturpessimistischen Kritikern meist ablehnend) beschrieben, wie hier eine Horde wild gewordener Narren der Lust an der Selbstbeschädigung huldige.

Crash am Golfplatz

Tatsächlich: Wie man sieht, stellen sich da junge Teufelskerle als Zielscheiben für Schusswaffen zur Verfügung, feuern Raketen aus ihren Hinterteilen ab, halten sich junge Krokodile an empfindliche Körperteile. Wie man sieht und - wenn gellende Schmerzensschreie oder hysterisches Lachen ertönen - auch hört, gehen diese Wahnsinnigen mit einem Golfcart auf Crashkurs oder lassen sich auf dem Ladedeck eines Klein-Lkw, der gerade über eine Buckelpiste rast, tätowieren und dabei entsprechend verstümmeln. Aber: Was sieht und hört man wirklich?

Wie viele Sendungen im neuen Reality-TV-Boom lebt auch Jackass von einer offensiven Zurschaustellung beschränkter Zeit- und Geldressourcen. Die verwackelte Videokamera und der schlechte Sound verkünden (ähnlich wie im Horrorfilmhit The Blair Witch Project): Hier wird spontan, simpel und unzensiert der Lust am geilen Moment nachgegeben. Das erhöht den Kick noch beträchtlich. Unterhosen-Bungee-Jumping? Kein Problem, wenn da einmal ein Slip reißt. Aaargh! Dass von professionellen Stuntmen etwas akribisch vorbereitet würde, hält man in dieser Aufbereitung nicht für möglich.

Es ist bezeichnend, dass die Kinoversion von Jackass jetzt zwar mit Aktionen aufwartet, "die das Fernsehen nie zulassen würde", aber gleichzeitig an der ruppigen Auflösung festhält. Das heißt: Der Mehraufwand an "Gefährdung", der - wie Tricks von Copperfield oder einst beim Entfesselungskünstler Harry Houdini - logistischer Aufwand ist, er muss sich hinter "schäbiger" Beschleunigung tarnen.

Man könnte sogar sagen: Diese Schäbigkeit und diese Beschleunigung sind gewissermaßen die eigentlichen Themen von Jackass. Dafür spricht auch der Name des Produzenten: Spike Jonze ist der Regisseur von cleveren Komödien über Sein, Schein und eine Erkenntnis, die sich als Verrücktheit tarnt - man denke nur an Being John Malkovich und Adaptation. Wenn man gegenwärtig miterleben muss, wie immer mehr TV-Serien und -Stoffe für das Kino adaptiert werden, dann ist Jackass gewissermaßen die ultimativ absurdeste Adaption.

Verreißt uns!

"Je schlechter die Kritiker über uns schreiben, desto besser", johlen dann die Hasardeure auf MTV, unter denen etwa Johnny Knoxville zu einem veritablen Superstar geworden ist. "Was wir hier machen, ist SCHWACHSINN. Ja, kommt, seht euch das an!"

In der Doppelbödigkeit dieser Mischung aus Drohung und Verlockung mit dem Holzhammer ist Jackass denn auch nichts anderes als die logische Fortsetzung von dramatisch lauten Heavy-Metal-Konzerten - oder von den in den USA höchst erfolgreichen Wrestlingturnieren, in denen eine gewisse Körperbeherrschung der Akteure zwar Voraussetzung ist, letztlich aber vor allem das dramatische Talent bei der Zurschaustellung zählt.

Kurz, die Laufbilder sind hier wieder einmal genau dort angelangt, wo sie hergekommen sind: auf dem Jahrmarkt, bei den Marktschreiern, wo eine Attraktion die andere toppt. Und wie so oft auf dem Jahrmarkt (wie auch in den derberen Formen des Slapstick und der Clownerie) werden dabei die niedrigeren Instinkte bedient. Es regiert die profitable Schadenfreude.

Auch diese erfordert aber ein gewisses Maß an Könnerschaft und visionärer Kraft. So verwackelt können die Bilder gar nicht sein, dass man nicht irgendwann erkennt: Auch in Jackass wird mehr versprochen als gezeigt. Oft regiert eine Bildmontage, in der sich der Schock und das befreiende Gelächter eher aus dem speisen, was man nicht richtig erkennen kann. Insofern: eine klassische Übung in Wahrnehmung und Unterscheidung. (DER STANDARD, Printausgabe, 28.4.2003)

Von Claus Philipp

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uip.de/jackass


jackassthemovie.com
  • Im Einkaufs- 
wagen kann es nur mehr abwärts gehen: die dramatisch hysterische Eingangs- 
sequenz von "Jackass - Der Film".
    foto: uip

    Im Einkaufs- wagen kann es nur mehr abwärts gehen: die dramatisch hysterische Eingangs- sequenz von "Jackass - Der Film".

  • Menschliche Flugobjekte und andere Bruchpiloten: Von einer Nachahmung der Szenen von "Jackass" wird definitiv abgeraten. Das Logo der Serie und des Films: ein Totenkopf hinter gekreuzten Krücken.
    foto: uip

    Menschliche Flugobjekte und andere Bruchpiloten: Von einer Nachahmung der Szenen von "Jackass" wird definitiv abgeraten. Das Logo der Serie und des Films: ein Totenkopf hinter gekreuzten Krücken.

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