Rundschau: Steampunk in 3-D

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coverfotos: golkonda, heyne

Arkadi & Boris Strugatzki: "Gesammelte Werke 1 + 2"

Gebundene Ausgaben, 683 bzw. 684 Seiten, jeweils € 85,00, Golkonda 2010.
Oder: Broschiert, 906 bzw. 911 Seiten, jeweils € 13,40, Heyne 2010.

Zum Abschluss noch einen Kauf- und Schenktipp de luxe für alle, die auf Nummer sicher gehen wollen - immerhin musste dem Werk der Brüder Arkadi und Boris Strugatzki schon vor 30 Jahren selbst der verknöchertste Deutschprof knurrend literarischen Rang zugestehen. Dass ich den Tipp jetzt im November bringe, liegt nicht zuletzt daran, dass die nächste Rundschau wohl erst kurz vor Weihnachten kommen wird - also möglicherweise für Panikkäufe zu spät.

Die große Strugatzki-Veröffentlichungswelle im deutschsprachigen Raum liegt inzwischen schon ganz schön lange zurück - seit heuer erscheint aber im Rahmen eines mehrjährigen Projekts eine umfangreiche, neuüberarbeitete Werkausgabe. Diese läuft in zwei Verlagen: Heyne bringt die Bände, die jeweils mehrere thematisch zusammenhängende Romane und Erzählungen umfassen, im Taschenbuch-Format heraus; der Berliner Golkonda-Verlag veröffentlicht parallel dazu seine Lizenzausgabe in gebundener Form für SammlerInnen. Wird die gesamte bis 2012 angelegte Edition abonniert, verringert sich der Preis pro Band übrigens von 85 auf 69 Euro.

Natürlich lässt sich das mehr als 30 Jahre umspannende gemeinsame Werk der beiden bedeutendsten Vertreter der russischen Science Fiction nicht so leicht unter einen Hut bringen respektive in einem schlanken Satz zusammenfassen. Doch es gibt einige immer wiederkehrende Motive und vielleicht ein zentrales Thema: Fortschritt (im neutralen Sinne) und Weiterentwicklung. Das zeigen vor allem die beiden strategisch geschickt ausgewählten Eröffnungsbände der Edition: Band 1 enthält die drei "Maxim-Kammerer-Romane" "Die bewohnte Insel", "Ein Käfer im Ameisenhaufen" und "Die Wellen ersticken den Wind". Maxim Kammerer ist ein Vertreter der Welt des Mittags, des leicht saturierten Utopias, zu dem die Erde des 22. Jahrhunderts geworden ist. Vor Herausforderungen stehen ihre BürgerInnen immer dann, wenn es zum Kontakt mit anderen Kulturen kommt. In "Die bewohnte Insel" ist Kammerer noch selbst der Abkömmling der avancierteren Zivilisation und wird damit konfrontiert, wie seine Welt hinter den Kulissen einer anderen an den Strippen zieht. In den beiden Folgeromanen kehrt sich die Perspektive um - hier ist man auf Erden eifrigst darum bemüht aufzuklären, ob und wie die Wanderer - eine ominöse Superzivilisation - Einfluss auf die menschliche Gesellschaft genommen haben könnten. Und Kammerer bekommt es auch mit dem Homo superior zu tun, einem neuen Zweig der Menschheit, der die große Mehrheit der "gewöhnlichen" Menschen hinter sich lässt - auch das ein Motiv, das im Werk der Strugatzkis mehrfach auftaucht.

Band 2 umfasst drei herausragende Einzelromane, wir bleiben aber beim Generalthema Entwicklung: In dem berühmten "Picknick am Wegesrand", das die Vorlage für den Tarkowski-Film "Stalker" bildete, bekommen die Menschen es einmal mehr mit den Hinterlassenschaften einer fremden Superzivilisation zu tun, die weit über ihren Horizont gehen. "Das Experiment" (auch: "Die Verurteilte Stadt"), gewissermaßen eine intellektuellere Variante des Themas von Philip José Farmers "Flusswelt", versammelt Menschen aus verschiedenen Abschnitten der Historie in einer Kunstwelt, in diesem Fall einer sich laufend verändernden und nicht verlassbaren Stadt. Sinn und Zweck des Experiments ist seinen TeilnehmerInnen nicht bekannt - auch nicht der Umstand, ob es überhaupt noch irgendwo Verantwortliche gibt, die sich darum scheren. In "Milliarden Jahre vor dem Weltuntergang" schließlich wird der Fortschritt der Zivilisation nicht nur thematisiert, sondern auch unterbunden: Ein mysteriöser Effekt sorgt dafür, dass WissenschafterInnen mit ihren Forschungen zum Wesen der Welt nicht weiterkommen, weil offensichtlich ein bestimmter Punkt nicht überschritten werden darf. - Jetzt doch noch der schlanke Satz, der alles zusammenfasst: Kann man gar nicht genug empfehlen!

Bis zur nächsten Rundschau ist hoffentlich der erste Band der neuen James Tiptree, Jr.-Edition schon heraußen, auf die freue ich mich besonders. Auf jeden Fall wird es aber um David Bowie als Muse der Phantastik gehen, und dazu kommt dann noch passend zur festlichsten Zeit des Jahres die eine oder andere geschmacklose Blutoper. (Josefson)

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