Rundschau: Steampunk in 3-D

    13. November 2010, 10:08
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    Die fantastischen Brüder Strugatzki und Verblüffendes von Hiroshi Yamamoto, Eleanor Arnason, Karl Schroeder, Sean Williams und Dru Pagliassotti

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    coverfoto: haikasoru

    Hiroshi Yamamoto: "The Stories of Ibis"

    Broschiert, 466 Seiten, Haikasoru/VIZ Media 2010.

    Zum Auftakt ein Buch eines japanischen Autors, der mir bislang leider völlig unbekannt war ... dessen Backlist ich aber gleich im Anschluss auf die "Search and Purchase"-Liste gesetzt habe. Hiroshi Yamamotos "The Stories of Ibis", das 2006 auf Japanisch und heuer erstmals auf Englisch erschien, beginnt mit einem wunderschönen Bild: Einem Engel gleich schwebt eine geflügelte Androidin aus dem Himmel nieder und landet inmitten pflanzenüberwucherter Großstadtruinen auf einem verrosteten Bus, direkt vor den Augen des Ich-Erzählers. Es folgt eine kurze Martial-Arts-Einlage, die in einen Waffenstillstand mündet - und zu einer ungewöhnlichen Abmachung führt: Ibis, so der Name der Androidin, will ihm sieben Geschichten darüber erzählen, wie es zum Niedergang der Menschheit und zur Machtübernahme der Künstlichen Intelligenzen kam. Doch muss sie ihm das Versprechen geben, dass alle Erzählungen reine Fiktion sind; denn er will nicht von robot propaganda manipuliert werden. Erst wenn er sich freiwillig dazu bereit erklären sollte, will sie ihm auch die wahre Geschichte erzählen.

    Die Menschen dieser Zukunft sind nur noch wenige, sie verstecken sich in kleinen Kolonien und leben davon, die Versorgungszüge zwischen den Maschinenstädten zu überfallen. Nach oben sehen sie nicht gerne, denn am Himmel leuchten der "Katzenauge-Mond" der Maschinen und künstliche Sterne wie Zeugnisse der menschlichen Bedeutungslosigkeit. Man munkelt von den Final Hundred Years zwischen 1940 und 2040, ehe die KI-Revolte die Welt veränderte, und lebt in Angst davor, von Maschinen gekidnappt zu werden. Das will aber gar nicht so recht dazu passen, dass der im Zweikampf verletzte Erzähler freundlich behandelt und sorgsam aufgepäppelt wird. Nichtsdestotrotz bleibt er misstrauisch - das Buch wechselt in der Folge zwischen den Erzählungen der elektronischen Scheherazade und Intermissions, in denen Ibis und ihr unfreiwilliger Gast das Gehörte reflektieren ... und in denen der Erzähler immer weiter in die Maschinenzivilisation seiner Gegenwart eingeführt wird.

    Der Auftakt "The Universe On My Hands" dreht sich um eine Gruppe junger Menschen, die eine an "Star Trek" angelehnte relay novel - einen abwechselnd fortgesetzten Online-Roman - schreiben. Als einer von ihnen einen Mord begeht und abtaucht, verhört ein Polizist die Organisatorin der Gruppe und äußert sich verächtlich über ihre "Realitätsflucht" - doch erweist sich der Teamgeist der "Crew" auch im wirklichen Leben als reale Größe: Sie arbeiten die Verzweiflungstat in ihr Szenario ein und werfen die spontan weitergesponnene Geschichte als Rettungsanker aus. Yamamotos Grundtendenz deutet sich bereits hier an und bestätigt sich in den folgenden Episoden, die - mit einer Space-Opera-Ausnahme - allesamt im Japan der Gegenwart oder nahen Zukunft handeln. "Virtueller Autismus" scheint dem Mädchen Sami in "Mirror Girl" zu drohen, als sie mit dem gleichnamigen Spielzeug - einem Prinzessinnen-Avatar mit einfacher KI - als wichtigster Bezugsperson aufwächst. Doch entwickelt sich Sami zu einer gesunden, selbstbewussten Frau weiter - genauso wie die Protagonistin von "A Romance in Virtual Space", die einen körperlichen "Makel" verbirgt, indem sie nur Verabredungen im Virtuellen Raum eingeht. Die gemeinsamen Abenteuerspiele im VR nähren in ihr aber den Mut, auch in der Realität Risiken einzugehen.

    So positiv, wie Ibis die Mensch-Maschine-Interaktionen schildert, ist es kein Wunder, dass unser Erzähler skeptisch bleibt und erneut festgehalten haben will, dass es sich um fiktive Begebnisse handelt. "I know that humans are moved by true stories", entgegnet Ibis, "their feeling wanes when they learn a story isn't true. But isn't that a denial of the value of fiction?" Sie ist ihm immer einen Schritt voraus - spielt mit ihm und bringt ihn zugleich mit ihrer Offenheit aus dem Konzept. Ganz das Gleiche macht Yamamoto mit uns LeserInnen: "The Stories of Ibis" ist eigentlich eine Sammlung von Kurzgeschichten, die - bis auf die beiden letzten - zwischen 1997 und 2005 in verschiedenen Medien veröffentlicht wurden und die der Autor nun in unwahrscheinlich eleganter Weise in eine neue Rahmenhandlung eingebaut hat. Dabei legt er ihren Ursprung offen, indem er Ibis stets zwischen der Handlungszeit der Erzählungen und dem Jahr, in dem sie geschrieben wurden, unterscheiden lässt - letzteres natürlich stets das Jahr, in dem er sie selbst veröffentlicht hat. Er geht sogar soweit, dass Ibis ihren Zuhörer sanft auf einige Denkfehler aufmerksam macht, die Yamamoto einst begangen hatte. Und wenn es am Ende doch noch dazu kommt, dass Ibis die wahre Geschichte von Menschen und KIs erzählt, dann werden sich in dieser weltbilderschütternden Eröffnung aus allen fiktiven Episoden einige Elemente wiederfinden. Vor solch eleganter Konstruktion kann man echt nur den Hut ziehen!

    Die Stories 4 und 5 sind etwas dunkler getönt: In "Black Hole Diver" vertreibt sich die KI einer Raumstation, die um ein Schwarzes Loch kreist, die Zeit damit, ihre hyperschnellen Gedankengänge in langsame menschliche Prosa zu übersetzen (ebenjene Prosa, die wir in Form des Buchs vor Augen haben; einmal mehr thematisiert Yamamoto den Akt des Erzählens an sich). Besuch erhält sie von einer jungen Frau, die endlich ein echtes Abenteuer erleben will, während sich draußen in der Galaxis Zivilisation um Zivilisation in virtuelle Welten zurückfallen lässt. - Das Schulmädchen Saika wiederum, die Protagonistin von "A World Where Justice Is Just", hat eine Online-Freundin in einer anderen Welt. Für Saika ist das nichts Besonderes: Für sie gehört es zum Alltag, dass BesucherInnen aus anderen Welten einfach so in der ihren aufpoppen - ebenso wie Monster und Riesenroboter, gegen die Saika und ihre Klasse als Power Rangers-artige HeldInnen in den Kampf ziehen. Nur die Nachrichten von ihrer Online-Freundin klingen seltsam, erzählen von Biokrieg, Genozid und a tragic world with no heroes and no reset.

    Die vielleicht beste von sieben bzw. eigentlich acht hervorragenden Geschichten, "The Day Shion Came", kommt gänzlich ohne Action-Feuerwerk aus. Im Mittelpunkt steht Kanbara, Pflegerin in einem Rehabilitationszentrum für alte Menschen. Kanbara wird von der Heimleitung mit der Aufgabe betraut, die brandneue, mit lernfähiger KI ausgestattete Pflege-Androidin Shion in die Praxis einzuführen - und erkennt rasch, dass sie ihr auch beibringen muss, wie man ein "Herz" bekommt. Der Lernprozess, der Shion zu einigen erstaunlichen Einsichten gelangen lässt, erinnert in seiner Beschreibung an die Romane eines David Marusek - und an einen anderen großen Autor unserer Tage: Passagen wie "A human would have been embarrassed, but Shion just returned a vague smile. Her default expression." haben die lakonische Brillanz eines Ted Chiang. Letztlich findet Shion zu einer Formel für ein harmonisches Miteinander von Mensch und Maschine, die ebenso unerwartet wie effektiv ist - und für die Menschheit alles andere als schmeichelhaft.

    Womit wir bei Ibis' siebenter Geschichte und damit der Wahrheit angelangt wären - die hier selbstverständlich nicht verraten wird. Nur einige formale Anmerkungen: "AI's Story" mündet auch in eine stilistische Klimax, denn die darin vorkommenden KIs kommunizieren in einer Mischung aus Neologismen, metaphorischen Ausdrücken, Hyper-Links und Emphase-Angaben mit Hilfe imaginärer Zahlen - alles, um eine breitere Palette an Gefühlen ausdrücken zu können als Menschen und um eine optimale Kommunikation ohne Gefahr von Missverständnissen zu schaffen. Garniert wird das Ganze wieder mit reichlich Martial Arts, die sich zum Teil in einer zweifach virtuellen Welt, zum Teil aber auch mitten im Shibuya der realen Welt abspielen. Womit zugleich der Bogen zum Anfang des Romans geschlagen ist. Perfekt. "The Stories of Ibis" ist ein großartiges Buch - umso mehr, als es eine Message transportiert, die dem alten Frankenstein-Motiv, das die Science Fiction doch so wesentlich mitgeprägt hat, etwas ganz Anderes entgegen hält.

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