"Meine Mitschüler haben mich Bruce Lee genannt"

27. August 2010, 19:16
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Chinarestaurantbesitzer Yong Liu über Geldverdienen im Volksschulalter, neidische Wiener und Politik, die wehtut

Als ich das erste Mal nach Wien gekommen bin, dachte ich, ich bin einem Cartoon gelandet. Lauter seltsam aussehende Menschen. Wir hatten zwar in China einen Fernseher, das war aber eine alte Schwarz-Weiß-Kiste. Da hat man nicht gesehen, wie die Europäer wirklich ausschauen. Und plötzlich sind da blonde Haare und blaue Augen.

Damals war ich sechs. Meine Eltern waren schon eine Weile in Wien, meine Schwester und ich sind mit einem Freund meines Vaters nachgekommen. Meine Schwester war sieben. Unsere Mutter konnte uns nicht vom Flughafen abholen, weil sie gerade meinen kleinen Bruder auf die Welt brachte. Nur unser Vater war da. Das war alles ziemlich schrecklich.

Heute ist es umgekehrt. Wenn ich in China Verwandte besuche, kann ich es kaum erwarten, wieder nach Wien zu kommen. Wien ist langsam und ruhig. Und du hast hier die Freiheit, selbst zu entscheiden, was du machen willst. In China geht es ums Überleben, in Wien ums Reichwerden.

Wiener werden sehr schnell neidisch. Mich fragen oft Leute, wie ich mir als Milchbubi einen Audi leisten kann. Dann frage ich zurück: "Hast du schon einmal darüber nachgedacht, wie viele Stunden am Tag ich arbeite?" Ich bin jetzt 26 und jeden Tag in unserem Lokal Liounge auf der Gumpendorfer Straße. Im Winter komme ich irgendwann am Vormittag und arbeite bis zwei, drei in der Früh. Im Sommer komme ich erst gegen fünf. Untertags sitze ich dann gern am Schwarzenbergplatz, treffe Freunde und erledige ein paar Anrufe.

Meine Eltern kommen aus einem kleinen Dorf in der Provinz Zhejiang. Sie waren Bauern und sind nach Österreich geflüchtet, weil China damals mit der Ein-Kind-Politik auch auf dem Land noch sehr streng war. Meine Schwester und ich hatten nicht viel von unserer Jugend. Uns ist bald klar geworden, dass wir auch was tun müssen. Mit neun bin ich jeden Abend mit meinen Eltern durch den 5. und 6. Bezirk gezogen, um Feuerzeuge zu verkaufen. Wir sind wirklich in jedes Lokal reingegangen. Das war mir sehr peinlich. Als kleines Kind sollte man es nicht miterleben müssen, wie die eigene Mutter von Besoffenen deppert angemacht wird.

In der Schule war's am Anfang auch nicht leicht. Meine Mitschüler haben mich Chin Chan Chun oder Bruce Lee genannt. Mit elf habe angefangen, gegen ein Taschengeld für ein Chinarestaurant Essen zuzustellen. Mit 19 bin ich Chef unseres Lokals geworden. Wir haben es von meinem Onkel übernommen. Der war die meiste Zeit im Kasino. Ich möchte nicht für immer Gastronom bleiben. Bei uns Austrochinesen gibt es den Ausdruck "Oben-unten-Leben". Vor allem auf dem Land verlassen viele ihr Haus gar nicht mehr: Entweder sie sind unten im Lokal oder oben in der Wohnung. So ein Leben ist nichts für mich.

Die meisten jungen Chinesinnen, die ich kennenlerne, wollen aber genau so ein Leben. Die würden es nicht mit mir aushalten - weil ich offener bin. Heiraten ist derzeit ein wichtiges Thema für meine Verwandten. Dauernd werde ich vollgelabert, wann ich mir endlich eine Frau suche. Das nervt schon ein bisschen. Ich würde auch eine Europäerin heiraten, wenn's passt. Sie müsste sich allerdings für die chinesische Kultur interessieren. Ich kenne sehr viele Chinesen in Wien, wir kommen ja fast alle aus derselben Provinz. Irgendwann ist einer aus unserem Dorf nach Wien ausgewandert - und es hat sich herumgesprochen, dass man hier gut leben kann. Als ich 16 war, kam mein Vater eines Tages nach Hause und sagte: "So, jetzt sind wir Österreicher." Ich dachte: "Scheiße, jetzt muss ich zum Bundesheer." Das war dann aber gar nicht so schlimm. Ich habe die meiste Zeit in der Stiftskaserne kellneriert.

Ich bin noch nie wählen gegangen. Weil man von Politik nur Kopfschmerzen bekommt. Ich weiß auch nicht, wie der Wiener Bürgermeister heißt. Ich kenne nur den Strache. Sein äußerliches Bild gefällt mir sehr gut, und er setzt sich für die Jugend ein. Aber diese "Wiener Blut"-Sache finde ich schwachsinnig. Weil: Dass Wien so schön ist, haben nicht nur die Wiener geschafft - sondern auch Burgenländer, Türken - und ein paar Chinesen. (Aufgezeichnet von Martina Stemmer, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 28./29.8.2010)

 

  • Yong Liu entspannt gern am Schwarzenbergplatz: "Wien ist langsam und ruhig."
    foto: standard/christian fischer

    Yong Liu entspannt gern am Schwarzenbergplatz: "Wien ist langsam und ruhig."

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