Echte Wiener

"Meine Mitschüler haben mich Bruce Lee genannt"

Martina Stemmer, 27. August 2010, 19:16
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    foto: standard/christian fischer

    Yong Liu entspannt gern am Schwarzenbergplatz: "Wien ist langsam und ruhig."

Chinarestaurantbesitzer Yong Liu über Geldverdienen im Volksschulalter, neidische Wiener und Politik, die wehtut

Als ich das erste Mal nach Wien gekommen bin, dachte ich, ich bin einem Cartoon gelandet. Lauter seltsam aussehende Menschen. Wir hatten zwar in China einen Fernseher, das war aber eine alte Schwarz-Weiß-Kiste. Da hat man nicht gesehen, wie die Europäer wirklich ausschauen. Und plötzlich sind da blonde Haare und blaue Augen.

Damals war ich sechs. Meine Eltern waren schon eine Weile in Wien, meine Schwester und ich sind mit einem Freund meines Vaters nachgekommen. Meine Schwester war sieben. Unsere Mutter konnte uns nicht vom Flughafen abholen, weil sie gerade meinen kleinen Bruder auf die Welt brachte. Nur unser Vater war da. Das war alles ziemlich schrecklich.

Heute ist es umgekehrt. Wenn ich in China Verwandte besuche, kann ich es kaum erwarten, wieder nach Wien zu kommen. Wien ist langsam und ruhig. Und du hast hier die Freiheit, selbst zu entscheiden, was du machen willst. In China geht es ums Überleben, in Wien ums Reichwerden.

Wiener werden sehr schnell neidisch. Mich fragen oft Leute, wie ich mir als Milchbubi einen Audi leisten kann. Dann frage ich zurück: "Hast du schon einmal darüber nachgedacht, wie viele Stunden am Tag ich arbeite?" Ich bin jetzt 26 und jeden Tag in unserem Lokal Liounge auf der Gumpendorfer Straße. Im Winter komme ich irgendwann am Vormittag und arbeite bis zwei, drei in der Früh. Im Sommer komme ich erst gegen fünf. Untertags sitze ich dann gern am Schwarzenbergplatz, treffe Freunde und erledige ein paar Anrufe.

Meine Eltern kommen aus einem kleinen Dorf in der Provinz Zhejiang. Sie waren Bauern und sind nach Österreich geflüchtet, weil China damals mit der Ein-Kind-Politik auch auf dem Land noch sehr streng war. Meine Schwester und ich hatten nicht viel von unserer Jugend. Uns ist bald klar geworden, dass wir auch was tun müssen. Mit neun bin ich jeden Abend mit meinen Eltern durch den 5. und 6. Bezirk gezogen, um Feuerzeuge zu verkaufen. Wir sind wirklich in jedes Lokal reingegangen. Das war mir sehr peinlich. Als kleines Kind sollte man es nicht miterleben müssen, wie die eigene Mutter von Besoffenen deppert angemacht wird.

In der Schule war's am Anfang auch nicht leicht. Meine Mitschüler haben mich Chin Chan Chun oder Bruce Lee genannt. Mit elf habe angefangen, gegen ein Taschengeld für ein Chinarestaurant Essen zuzustellen. Mit 19 bin ich Chef unseres Lokals geworden. Wir haben es von meinem Onkel übernommen. Der war die meiste Zeit im Kasino. Ich möchte nicht für immer Gastronom bleiben. Bei uns Austrochinesen gibt es den Ausdruck "Oben-unten-Leben". Vor allem auf dem Land verlassen viele ihr Haus gar nicht mehr: Entweder sie sind unten im Lokal oder oben in der Wohnung. So ein Leben ist nichts für mich.

Die meisten jungen Chinesinnen, die ich kennenlerne, wollen aber genau so ein Leben. Die würden es nicht mit mir aushalten - weil ich offener bin. Heiraten ist derzeit ein wichtiges Thema für meine Verwandten. Dauernd werde ich vollgelabert, wann ich mir endlich eine Frau suche. Das nervt schon ein bisschen. Ich würde auch eine Europäerin heiraten, wenn's passt. Sie müsste sich allerdings für die chinesische Kultur interessieren. Ich kenne sehr viele Chinesen in Wien, wir kommen ja fast alle aus derselben Provinz. Irgendwann ist einer aus unserem Dorf nach Wien ausgewandert - und es hat sich herumgesprochen, dass man hier gut leben kann. Als ich 16 war, kam mein Vater eines Tages nach Hause und sagte: "So, jetzt sind wir Österreicher." Ich dachte: "Scheiße, jetzt muss ich zum Bundesheer." Das war dann aber gar nicht so schlimm. Ich habe die meiste Zeit in der Stiftskaserne kellneriert.

Ich bin noch nie wählen gegangen. Weil man von Politik nur Kopfschmerzen bekommt. Ich weiß auch nicht, wie der Wiener Bürgermeister heißt. Ich kenne nur den Strache. Sein äußerliches Bild gefällt mir sehr gut, und er setzt sich für die Jugend ein. Aber diese "Wiener Blut"-Sache finde ich schwachsinnig. Weil: Dass Wien so schön ist, haben nicht nur die Wiener geschafft - sondern auch Burgenländer, Türken - und ein paar Chinesen. (Aufgezeichnet von Martina Stemmer, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 28./29.8.2010)

 

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 146
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Moe Joe1
00
7.12.2010, 02:16
Dieses Forum spielt Richterbank für das Leben anderer Menschen!!!

Hier wird also entschieden, wer integriert ist und wer nicht! Na nicht schlecht!!
Mir kommt das Kotzen!!!

derPolizist
00
26.9.2010, 20:02
"Hast du schon einmal darüber nachgedacht, wie viele Stunden am Tag ich arbeite?"

Als ob das ein Kriterium wäre, wieviel man verdient...

Captain Future
00
29.9.2010, 13:25

Stimmt - in der IT-Branche ist das indirekt proportional zum Beispiel.

grandia
00
voll intergriert und kennt nur den strache ...?

klingt nach chinatownsyndrom ...

wieso kennen alle meine landsleute (die tschuschna) den häupl? und den vranitzky hat auch ein jeder gekannt?

Mirstetta Toni
00
10.9.2010, 14:59

weil sie wählen gehen und sich deswegen politsich interessieren. das macht der junge mann anscheinend nicht.

Ravenhorst
03
ein sypathischer junger Mann

... wenn nur alle Zuwanderer so wären

Noxventa
00
15.2.2011, 12:54

Dass er nicht wählen geht macht ihn irgendwie nicht sehr symphatisch.

randolf
30
Ja ja

Schön dass ein integrieter gefunden wurde, vom Charakter her kommt mir aber leider das Kotzen...

mike sierra
06
30.8.2010, 20:33
Der ist aber komplett integriert!

"Scheiße, jetzt muss ich zum Bundesheer." Schon allein mit dem Satz hätte er die Echta-Weaner-Prüfung bestanden ;)

thewi51
61
30.8.2010, 15:04
gelungene integration???

so sieht das also aus, nach meinung des standard? der typ weiß nicht mal, wie der bürgermeister heißt und findet strache fesch und sympathisch??
gibts vielleicht doch positivere beispiele??

Lucky Luke 1988
01
ich kenne einheimische in seinem alter die nicht einmal die bundesländer + landeshauptstadt aufzählen können

Animation
 
00
24.1.2011, 18:54
was hat das mit integration zu tun????

sind die "einheimischen" wohl auch net integriert oder?

mal nachdenken

leitfaden
06

nur weil einer integriert ist, muss er politisch korrekt und gutmensch sein?

du lieber himmel!

Peter Hammer 06
12
31.8.2010, 07:01
Sie sollten den LETZTEN ABSATZ ....

...ganz,ganz > l a n g s a m < nochmal lesen.

Mirstetta Toni
01

sie meinen den, der mit "Ich bin noch nie wählen gegangen" beginnt?

Nemi
00
30.8.2010, 12:37
Ungeachtet der Herkunft,

finde ich, daß Leute die Politiker nach dem Aussehen beurteilen und sie deshalb wählen, ihre Stimme besser nicht abgeben sollten... Die sollten vielleicht erst mal eine Zeitung aufschlagen und sich informieren, und nicht den "erstbesten Allerschönsten (?)" wählen...

Eine Freundin hat damals die ÖVP gewählt, "weil der Grasser so fesch ist". Bekam damals schon Schüttelfrost angesichts dieser Begründung...

John Malkovich
00
18.11.2010, 13:27

diese "Schüttelfrost" Menschen sind wenigstens ehrlich. Sie interessieren sich nicht für Politik und sind das was man unter dem Rückzug ins Private einst Biedermeier nannte.
Und nachdem wir in einer mediatisierten Zeit leben in der audiovisuelle Eindrücke im TV mehr zählen als jegliche Information(sflut), kann man es dem heillos überforderten Rezipienten nicht sonderlich übel nehmen, dass er/sie den Grasser fesch und dh wählbar findet.

rhaino
00
29.11.2010, 11:45

Aber irgendwas machen die anderen Parteien falsch, wenn der Strache als einziger in den Köpfen der Unpolitischen hängenbleibt.

EmG3
00
"Ich bin noch nie wählen gegangen. Weil man von Politik nur Kopfschmerzen bekommt."

Wo geht er wählen?

living reef
184
29.8.2010, 07:18
schwarzgeldwaschen ist einfach anstrengend

bringt aber mörderkohle...

henryandjune
09
30.8.2010, 09:48
@reef

....während deppert sein ganz leicht geht.
wie sie demonstrieren....

Paul Pot
17
29.8.2010, 08:47
sie haben recht

Hypo, EF, EADS-Bilanzskandal,

Darum fahren die Herren der FPÖ auch so gern Porsche und machen mit der Betrugsfinanz Segelturns.

bassline generator
 
30
29.8.2010, 01:14
was für leute

sitzen eigendlich bei den restlichen partein in der pr abteilung, dass sie es nicjt mal schaffen, immigranten klar zu machen wer gegen sie ist und wer nicht.
das is mir so unbegreiflich wie nur was.
und das von jemandem der anscheinend in der schule selbst mit stereotypen meinungen konfrontiert war. unpackbar

Loyalist
00
29.8.2010, 15:01
Wenns den ganzen Tag ein Restaurant führen müssen, werdens wohl auch keine Zeit haben nebenbei Politikwissentschaft zu studieren.

Mike 23
01
29.8.2010, 11:13
Wäre der junge Mann für Strache

nicht ein Beispiel für gelungene Integration?

Michael

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