Als Wähler umworben, als Politiker rar

27. August 2010, 19:10
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Kaum geht in Wien der Wahlkampf los, reden alle über Migration. In einer Standard-Serie reden die Migranten: Echte Wiener mit ausländischen Wurzeln erzählen vom Leben in ihrer Stadt

Marko Stijakovic kennt in der ex-jugoslawischen Community Gott und die Welt. Und das, sagt der serbischstämmige Wirtschaftsingenieur, der mit neun Jahren nach Österreich gekommen ist, sei im Wahlkampf das Um und Auf: "Vieles läuft über Mundpropaganda." Der 47-jährige Akademiker möchte über ein Vorzugsstimmen-Mandat für die SPÖ in den Gemeinderat einziehen - rund 10.000 Stimmen benötigt er dafür.

Bei seiner "exYU"-Plattform engagieren sich Kroaten ebenso wie Serben, Mazedonier oder Bosnier, das ist Stijakovic wichtig. Deshalb besucht er regelmäßig die Lokale der Volksgruppen. Jeden Freitag berät Stijakovic, der im Wirtschaftsparlament sitzt, Unternehmer aus dem ex-jugoslawischen Raum. "Unsere Stimmen wollten die Parteien schon immer haben, nun geht es aber auch darum, dass Migranten auch ihrem Anteil an der Bevölkerung entsprechend in den Institutionen vertreten sind", sagt Stijakovic.

Ein Fünftel der rund 1,2 Millionen Wahlberechtigten bei der Wiener Gemeinderatswahl hat Migrationshintergrund - sie sind im Ausland geboren, oder mindestens ein Elternteil ist nicht in Österreich zur Welt gekommen. Ein beachtlicher Stimmenpool, aus dem die Parteien zu schöpfen versuchen. So werden alle Inserate in Migranten-Medien ausschließlich auf Deutsch geschaltet. Grüne und SPÖ verteilen im Wahlkampf zweisprachige Folder.

"Zuwanderer wählen schichtspezifisch", sagt Günther Ogris, der Geschäftsführer des Sora-Instituts. So hat die SP bei den Arbeitern mit Migrationshintergrund die absolute Mehrheit. Die Mär, dass viele Zuwanderer konservativ oder rechts wählen, stimme nicht, sagt Ogris. Bei gebildeten Zuwanderern punkten die Grünen. Kroaten und Polen wählen als Katholiken eher die Volkspartei, bei den orthodoxen Serben kann Heinz-Christian Strache Stimmen holen.

Die Türken sind sehr stark in Vereinen organisiert. "Wenn ein Politiker eine Großveranstaltung der türkischen Community besucht, kann er meist mehr Menschen auf einen Schlag erreichen als bei Einheimischen", konstatiert Ogris.

"Die Kunst für die Parteien besteht darin", sagt der Politikwissenschafter Peter Filzmaier, "aktuelle Themen wie Arbeitsplatzsicherheit oder Kinderbetreuung mit dem Migrationsumfeld zu verknüpfen". Zu glauben, Parteien könnten bei dieser Wählergruppe alleine mit Integrationsthemen punkten, sei schlicht falsch.

Um bei den Zuwanderern Stimmen zu holen, brauchen die Parteien aber vor allem Kandidaten aus den Communitys. Doch wie präsent sind Migranten überhaupt auf den Stimmzetteln? Bei Roten und Schwarzen müssen sich Kandidaten in der Parteihierarchie nach oben dienen. Für Quereinsteiger - so sie keinen Promi-Bonus mitbringen - gibt es da kaum Chancen. Die SPÖ hat für die Wahl am 10. Oktober 44 Kandidaten auf der Landesliste. Allerdings sind mit Omar Al-Rawi, Nurten Yilmaz, Anica Matzka-Dojder und Peko Baxant vier Kandidaten an wählbarer Stelle, die bereits jetzt im Gemeinderat sitzen. Im Wahlkreisvorschlag finden sich 23 Migranten, auf den Bezirkslisten 121.

Die ÖVP hat mit Schwimmstar Dinko Jukic einen Promi-Kandidaten, der auch Stimmen aus der kroatischen Community bringen soll. Allerdings muss Jukic ein Grundmandat in Meidling holen, um in den Gemeinderat einzuziehen. Auf der Landesliste kandidieren 19 Migranten für die Stadtschwarzen, in den Wahlkreisen13 und auf Bezirksebene 45.

Bei den Grünen, die mit Maria Vassilakou als einzige Partei eine Spitzenkandidatin haben, die nicht in Österreich geboren wurde, treten auf den ersten 20 Listenplätzen insgesamt sieben Kandidaten mit Migrationshintergrund an, in den Bezirken 34. (Bettina Fernsebner-Kokert, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 28./29.8.2010)

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