Zuwanderer-Bonus auf dem Arbeitsmarkt

27. August 2010, 19:03
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Österreicher, die mit zwei Sprachen und Kulturen aufgewachsen sind, haben gute Chancen auf dem Wiener Arbeitsmarkt

Hätte sich Davor Sertic als Jugendlicher gegen seine Eltern durchgesetzt, dann wäre er heute vielleicht nicht Unternehmer, sondern Fußballer. Das Kind kroatischer Gastarbeiter kickte lieber, als zu lernen. Doch die Eltern blieben hartnäckig, Sertic absolvierte HTL-Matura und Wirtschaftsstudium. Heute ist er Managing Director des Transportunternehmens unitcargo, eines multikulturellen Zehn-Personen-Betriebs mit einem Jahresumsatz von sieben Millionen Euro.

Über die Arbeit fand Sertic, der schon im Alter von zwei Monaten nach Österreich kam, zu seinen Wurzeln zurück: Als Mitarbeiter eines großen Spediteurs betreute er Kroatien - "der erste Kontakt mit meinem Heimatland". Bei unitcargo sucht er gezielt Menschen, die aus jenen Ländern kommen, in denen er mit seiner Firma expandieren will. Die Unternehmenssprache ist zwar Deutsch, ohne die Kenntnisse von anderen Sprachen und Kulturen wäre sein Unternehmen aber längst nicht so erfolgreich, ist Sertic überzeugt.

Erfolgreich dank der Eltern

Dass es am österreichischen Markt ein Nachteil sein soll, einen migrantischen Background zu haben, kann der Unternehmer gar nicht nachvollziehen: "Das ist eine Ausrede, die ich nicht gelten lasse. Jeder kann das Bildungssystem für sich nutzen." Was seine Biografie von der von weniger erfolgreichen Migranten unterscheidet, weiß Sertic ganz genau: "der Ehrgeiz meiner Eltern."

Jeder Dritte der 90.000 Wiener Unternehmer hat Migrationshintergrund. "Serbisch oder Türkisch zu können ist eine Zusatzqualifikation", betont Sami Akpinar, Diversity-Beauftragter der Wiener Wirtschaftskammer. Dennoch tun sich Unternehmer wie Sertic schwer, Personal mit dieser Zusatzqualifikation zu finden - weil es an Bildung fehlt.

Lehrer müssten sich schon in ihrer Ausbildung mit dem Thema Integration beschäftigen, sagt Akpinar. Denn auch soziale Probleme resultieren aus dem Bildungssystem: "Die ersten Gastarbeiter haben nie Geld aus Sozialtöpfen bekommen. Mit der zweiten und dritten Generation, die das österreichische Bildungssystem durchlaufen hat, gibt es deutlich mehr Probleme."

Vererbte Probleme

"Wir vergeuden Talente", meint Wifo-Experte Peter Mayerhofer. Menschen mit Migrationshintergrund werden zumeist nicht ihren Qualifikationen und Möglichkeiten entsprechend eingesetzt. Benachteiligungen durch Schicht-zugehörigkeit, Geschlecht oder Herkunft werden zum Teil über Generationen weitervererbt.

Dazu kommt das grundsätzliche Sprach- und Qualifizierungsproblem bei Jugendlichen. "Wir brauchen viel mehr Integrationslehrer an der Schnittstelle zwischen Kindergarten und Volksschule", sagt Experte Mayerhofer. Denn wer in der Volksschule nicht perfekt Deutsch kann, dessen weiterer Werdegang ist bereits (negativ) vorherbestimmt: Hauptschule statt Gymnasium, Segmentierung am Wohnungsmarkt, damit fast zwangsläufiger Verbleib in sogenannten Ausländervierteln, wo die Schulen bereits einen entsprechend schlechten Ruf haben - ein bildungspolitischer Teufelskreis.

Während österreichische Kids laut einer Wifo-Studie im Alter von 15 bis 19 fast zu 90 Prozent weiterführende schulische Einrichtungen oder eine Lehre absolvierten, waren es unter den Nichtösterreichern nur rund 50 Prozent. Vermutlich landete der Rest in prekären und minderqualifizierten Jobs - ein eindeutiger Nachteil nicht nur für die Betroffenen, sondern für die gesamte Wiener Volkswirtschaft. (Andrea Heigl, Petra Stuiber, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 28./29.8.2010)

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