Die Meisterin des weißen Nichts

27. August 2010, 18:37
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Kazuyo Sejima ist Direktorin der Architekturbiennale

Ohne Zigarette geht gar nichts. Wenn die japanische Architektin Kazuyo Sejima (54) einmal loslegt, dann füllt sich der Aschenbecher binnen Minuten mit Kippen bis zum Rand. Zuletzt muss der Tabakverschleiß groß gewesen sein. Sejima bekam heuer nicht nur den renommierten und mit 100.000 Dollar dotierten Pritzker-Preis verliehen, sondern wurde auch noch als Direktorin der diesjährigen Architekturbiennale nach Venedig bestellt.

Und als solche leistete sie hervorragende Arbeit. Die lang gepflegte inzestuöse Selbstbeweihräucherung der Stars und Zampanos wurde ad acta gelegt und machte Platz für neue Formate, vor allem aber für neue Menschen. Statt Zaha Hadid und Frank O. Gehry, die Jahr für Jahr mitgeritten sind wie das Amen hinterm Gebet, sieht man nun Arbeiten von Architekten, deren Namen man zum Teil noch nie zuvor gelesen hat. So macht Biennale Spaß. Offenbar bedurfte es erst einer Frau, um auch im Subtilen und Unbekannten Ausstellungswürdiges zu erkennen.

Sejima, 1956 in der japanischen Präfektur Ibaraki als Tochter eines Ingenieurs geboren, studierte Architektur an der Tokioter Frauenuniversität Nihon Joshi Daigaku. Aus reinem Pragmatismus, wie sie sagt. "Ich konnte es kaum glauben, überall nur Frauen! Aber was sollte ich machen? An den beiden großen Architekturschulen in Tokio bin ich bei den Aufnahmsprüfungen durchgefallen, und so blieb nur noch die Frauen-Uni über." Zuckt mit den Schultern und pafft.

Ihre Architektur passte von Anfang an nicht ins System. Alleine überleben war nicht leicht. Mit Ryue Nishizawa gründete sie 1995 das Büro SANAA. Die meisten Projekte werden gemeinsam abgewickelt, doch wenn sie und ihr zehn Jahre jüngerer Kollege sich nicht einigen können, dann arbeitet jeder für sich allein.

Zu den bekanntesten Bauwerken zählen die Zollverein School for Management and Design in Essen (2005), das New Museum of Contemporary Art in New York (2007) sowie das heuer eröffnete Rolex Learning Center an der École Polytechnique in Lausanne. Die Architektursprache der beiden Minimalisten ist leicht erklärt: Alles ist durchsichtig und weiß. "Mir geht es um die Essenz", sagt Sejima. "Am liebsten wäre mir überhaupt, die Architektur wäre unsichtbar." Bei der Biennale, die heute, Samstag, offiziell eröffnet wird, bringt sich die Direktorin mit neuen Ideen ein, während sich die Architektin geräuschlos zurückzieht. (Wojciech Czaja, DER STANDARD - Printausgabe, 28. August 2010)

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    Kazuyo Sejima

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