Moralforscher ohne Moral?

27. August 2010, 18:33
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Harvard-Professor und Buch-Autor Marc Hauser, bekannt geworden durch seine Studien über Lisztaffen, wurde als Fälscher beschuldigt

Cambridge - Bis vor kurzem glich der wissenschaftliche Lebenslauf von Marc Hauser dem, was man eine wissenschaftliche Bilderbuchkarriere nennt: Der heute 50-jährige US-Forscher hatte es mit seinen Aufsehen erregenden Forschungen über die Entstehung der Sprache oder die Evolution moralischen Urteilens immerhin zum Professor an der renommierten Harvard Universität gebracht.

Für seine insgesamt sechs Bücher (eines davon, "Wilde Intelligenz. Was Tiere wirklich denken", erschien auch auf Deutsch) und rund 200 Fachartikel erhielt er zudem zahlreiche Auszeichnungen wie die Wissenschaftsmedaille des Collège de France oder ein Guggenheim Fellowship. Und sein interdisziplinärer Ansatz an den Schnittstellen von Evolutionsbiologie, Verhaltens- und Primatenforschung galt als besonders zukunftsweisend.

Seit einer Woche allerdings ist alles ganz anders: Der Dekan der Harvard-Fakultät für Künste und Wissenschaften bestätigte nach langem Zögern, dass Hauser in acht Fällen des wissenschaftlichen Fehlverhaltens beschuldigt wurde und dass weitere Untersuchungen anhängig seien.

Die ersten Vorwürfe gegen Hauser reichen freilich schon einige Jahre zurück: Eine Arbeit aus dem Jahr 1995, in der er behauptet hatte, dass Lisztaffen sich im Spiegel erkennen würden, erregte erstmals Verdacht, weil sie nicht bestätigt werden konnte. Trotz weiterer Gerüchte über wissenschaftliches Fehlverhalten von Hauser geschah aber lange nichts.

Das bemängelten in den vergangenen Tagen auch prominente Fachkollegen wie Michael Tomasello oder Primatenforscher Frans de Waal, der Folgeschäden für den ganzen Fachbereich befürchtet. Als erste unmittelbare Konsequenz wurde nun ein 2002 im Fachblatt "Cognition" erschienener Aufsatz Hausers zurückgezogen, in dem er behauptet hatte, Lisztaffen könnten einfache Regeln lernen. Bei weiteren Artikeln laufen Untersuchungen.

Hauser selbst wurde von seiner Uni für ein Jahr beurlaubt und war bisher für Stellungnahmen nicht erreichbar. Auf Email-Anfragen folgt die automatisierte Antwort, dass er an einem Buch arbeite. Arbeitstitel: "Explaining Our Evolved Taste for Being Bad" , also: "Erklärung unserer entwickelten Neigung, böse zu sein". (tasch/DER STANDARD, Printausgabe, 28./29. 8. 2010)

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    Lisztaffen können sich selbst im Spiegel erkennen - dieses vermeintliche Studienergebnis Marc Hausers kam ebenso überraschend wie Aufsehen erregend - bestätigt werden konnte es nie.

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