Der Führer hätte geweint

27. August 2010, 18:25
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Dass Adolf Hitler mit Afrikanern verwandt gewesen sein soll, überrascht nicht besonders. Es war ja sicher kein Zufall, dass im Dritten Reich, in dem bekanntlich nicht alles schlecht war, wenig über die Verwandtschaft des Führers publiziert werden durfte. Auch dass Hitler kein Arier war, kann einen nur kaltlassen, wenn man weiß, dass schon in der Frühzeit seiner Bewegung von jüdischen Vorfahren gemunkelt wurde. Aber dass der Führer sich nicht nur massenweise Kinder von deutschen Eltern schenken ließ, sondern sich auch selber welche geschenkt haben soll - das wühlt auf. Und wann immer aufgewühlt wird, sind die Gratisblätter "Heute" und "Österreich" dabei.

Das eine Gratisblatt hat übrigens mit einer REKORD-Druckauflage das andere überholt, was "Heute" Mittwoch nicht etwa auf den Fleiß der Drucker und auch nicht auf die zwanghafte Treue der lieben Leser zur Vertriebsstelle U-Bahn bezog, sondern auf die Treue zur Idee, etwas geschenkt zu bekommen. Für diesen Beitrag zur Medienkultur konnte "Heute" nur stammeln: Danke an Sie, liebe Leser. Ihre Treue ist eine schöne Bestätigung, dass unser Weg - noch aktueller, noch unterhaltsamer, noch näher bei Ihnen - der richtige ist. Noch gratiser geht leider nicht.

Mittwoch führte dieser Weg eben über die Genforschung. Gen zeigt: Hitler  mit Afrikanern verwandt, so der Aufmacher. U-Bahn-Fahrer, die neben "Heute" eventuell auch der "Krone", "Zur Zeit" oder der "Neuen Freien Zeitung" die Treue halten, wird ein eisiger Schreck in die Glieder gefahren sein bei dem Verdacht, der Führer aller Germanen könnte von Buschmännern der Kalahari abgestammt sein. So schlimm war es dann nicht. Der Untertitel Belgier im Interview: "Rassenfanatiker stammt von Berbern" mochte sie etwas beruhigt haben. Ein wahrer Aufreger dafür die andere Unterzeile. DNA-Detektiv sammelte weltweit Spuren bei Nachfahren des Diktators. 

Nachfahren des Diktators? Hat die Forschung da etwas verschlafen? Hat Adolf Hitler nicht nur Tagebücher, sondern auch Kegeln hinterlassen, die
sich nun womöglich ihrer afrikanischen Herkunft besinnen? Obwohl "Heute" hartnäckig dabei blieb, das "Adolf-Gen" war sowohl bei den Nachfahren
aus den USA als auch aus Niederösterreich identisch,
musste man letztlich einräumen, bei den Nachfahren handelte es sich bloß um drei Verwandte Hitlers aus dem Waldviertel (NÖ) und New York. Und so schilderte der DNA-Detektiv und nebenbei Journalist dem Gratisblatt seinen wilden Krimi: "Ein Österreicher gab mir freiwillig eine Speichelprobe, von den beiden anderen sammelte ich nach monatelanger Observation eine weggeworfene Serviette und einen Zigarettenstummel." 

Genforschung als Tschick-Arretieren ist schon ein schwieriges Unterfangen, ganz abgesehen von der Arbeit im Labor. Diese ergab zu Hitler: "Seine männlichen Ahnen müssen von Berbern aus Marokko, Tunesien, Algerien, Libyen und Somalia abstammen - oder sogar von Juden", ist Journalist Jean-Paul Mulders überzeugt. Angesichts dieses Anti-Ariernachweises wundert man sich nicht mehr über das Urteil renommierter Wissenschafter. Die sind über das Husarenstück des Hobbyforschers erstaunt. Dasselbe besteht auch noch aus einem Husaren-Resümee: "Adolf Hitler wäre über mein Forschungsergebnis jedenfalls nicht glücklich gewesen!"

Noch drastischer formulierte "Österreich": Der "genetische Fingerabdruck" der Hitler-Familie hätte den Naziführer wohl zum Weinen gebracht. Aber die Gene sind bekanntlich nicht alles: Sein Gen-Material prädestinierte Adolf Hitler nicht wirklich zum Nazi-Führer - und trotzdem hat er es dazu gebracht! Die Vorsehung spielt eben auch eine Rolle.

Gut für schwarzen Humor auch findet "Österreich" die folgende Erkenntnis: Die zweitwichtigste Haplogroup der Hitlers hätte man nie bei ihnen vermutet. Denn sie ist die häufigste bei Aschkenasen, also europäischen Juden. Wenn man die arische Reinrassigkeit der Waldviertler, die "Österreich" mit seiner Unschuldsvermutung offenbar stillschweigend voraussetzt, mit einer genügend großen Portion schwarzen Humors würzt, sind wir endlich wieder dort, wo dieses Land schon einmal war: Die Juden sind an allem schuld. Oder erhalten künftig auch die Berber eine Chance?

Der "Krone" war das Thema übrigens zu wissenschaftlich. Sie pries dafür am Donnerstag das traditionelle "Waldviertel pur"-Fest auf dem Heldenplatz. Sie ist eben ein Qualitäts- und kein Gratisblatt. (Günter Traxler/DER STANDARD, Printausgabe, 28./29.8.2010)

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