Blutung steht!

27. August 2010, 18:49
37 Postings

Motorradunfälle, Karambolagen, Sprünge ins seichte Wasser: Die Unfallchirurgie macht keine Sommerpause - Im Gegenteil

Wahrscheinlich war es nur ein kurzer Moment der Unachtsamkeit. Jetzt ist der Notarzt vor Ort mit dem der Rettungsleitzentrale im AKH verbunden und gibt durch: „Ein Mann, zirka 50, liegt auf der Straße. Motorradunfall. Gegen ein entgegenkommendes Auto geprallt. Wir haben erstversorgt, der Mann atmet selbstständig, Polytrauma. Könnt ihr übernehmen?"

Es ist Sommer. Draußen nieselt es. Der in Orange gehaltene Warteraum in der Notfallaufnahme ist halbvoll, nur wenige Menschen sitzen in den weißen Schalensesseln und starren auf die Tierbabybilder, die irgendwer hier einmal aufgehängt hat. Dienst auf der Unfallchirurgie hat heute Richard Kdolsky. Der sitzt in seinem kleinen Dienstzimmer, und obwohl er wie ein Buddha mit traurigen Augen aussieht, hat er nichts von dessen meditativem Halbschlaf. Kdolsky ist glasklar, hat den Überblick über sein 19-köpfiges Team und dessen Kapazitäten. Und er weiß: Niemand von denen, die derzeit warten, ist in Lebensgefahr. Deshalb ist der Schockraum frei.

So heißt das hell gekachelte, künstlich beleuchtete Kernstück der Universitätsklinik für Unfallchirurgie, in dem Schwerverletzte landen. Die Rettung hält direkt vor der Tür und liefert die Unfallopfer dort ab, wo alle lebensrettenden Maschinen versammelt sind. Kdolsky sagt: „Ja, wir übernehmen." Es ist genau 14.15 Uhr. Ab diesem Moment läuft hier im AKH ein Countdown, der aus dem riesigen Krankenhaus jenes siebenköpfige Team zusammentrommelt, das den bewusstlosen, an mehreren Stellen des Körpers verletzten Motorradfahrer an der Rampe des Wiener AKH aus dem Rettungswagen in Empfang nehmen wird. Die Tür von der Rampe führt direkt in den Schockraum.
Alarm also bei vielen. Auf den Piepsern der Anästhesisten und Unfallchirurgen erscheint die Zahl 99. Es ist die Codezahl für den Noteinsatz, Gefahr in Verzug. Stünde 66, wüssten die Ärzte, dass ein Hubschrauber mit einem Schwerverletzten im Anflug ist. „9905 bedeutet, dass die Rettung in fünf Minuten da sein wird. Da renne ich los, um rechtzeitig im Schockraum zu sein", beschreibt Anästhesist Stephan Kettner eine stressige, aber vollkommen normale Situation seines Arbeitsalltags. Der großgewachsene, schlanke Deutsche ist hier schon sehr oft gestanden. Einstweilen werden noch die wenigen Informationen vom Notarzt breitgetreten: Mann über 50, Motorrad, Polytrauma - mehr ist einstweilen nicht herauszubekommen. 

Ein kritischer Moment

Das Notfallteam steht parat. Noch drei Minuten bis zur Ankunft der Rettung. Ein junger Arzt von der Allgemeinen Notambulanz ist gekommen. Er hat gerade keinen Patienten, der genäht werden muss, und will bei der Versorgung des Schwerverletzten dabei sein. Die Stimmung ist hochkonzentriert: Zwei Anästhesisten und zwei Unfallchirurgen sind da. Die Pfleger und ein OP-Gehilfe, die vor kurzem noch gemütlich Kaffee getrunken und dazu Milka-Kekse gegessen haben, checken noch einmal alle Geräte. Schnell werden noch Blutkonserven Blutgruppe 0 negativ bestellt, „die können wir in der Not jedem geben", sagt die Pflegerin Kristin Röhrdanz, sie weiß: Je ernster die Lage, umso kürzer die Zeit zum Handeln.

In einer Minute wird Richard Kdolsky hier das Kommando übernehmen. Draußen hört man den Motor des Rettungsautos. Die Schiebetür öffnet sich. Die Mannschaft, in aseptischem Krankenhausgrün gekleidet, rennt raus. Der Notarzt übergibt an das Unfallteam des AKH. Das Umlagern ist ein sehr kritischer Moment bei schweren Verletzungen. „Jeder hat das viele Male geübt", hat Kdolsky erzählt.

Routine ist das Um und Auf

Jetzt hieven Pflegepersonal und Ärzte gemeinsam - je vier an jeder Seite, einer am Kopf - den Motorradfahrer auf die Schockraumtisch. Überall ist Blut, die Kleidung zerfetzt. Er ist nicht bei Bewusstsein. Die ersten Minuten gehören immer den Anästhesisten. Sie checken Atmung, Blutdruck, die Pfleger schneiden dem Mann die Kleider vom Leib. „Wenn verletzte Motorradfahrer bei Bewusstsein sind und die Schere sehen, dann wollen viele oft nicht, dass wir ihre teure Lederkluft zerstören, auch wenn der Fuß drunter zerschmettert ist", wird Pflegerin Röhrdanz später erzählen.

Ab jetzt hört man nur noch kurze Kommandos, die hier aber alle verstehen. Dem Verletzten werden Zugänge für Infusionen gelegt, auf dem Bildschirm erscheinen die Kurven seines Herzschlags, Blutdrucks und Sauerstoffsättigung. Die Anästhesisten verordnen Medikamente, die Pfleger laufen, packen Kanülen aus. „Im Schockraum haben wir alles, um auch einen Schwerstverletzten durchzubringen", sagt Kettner und meint zum Beispiel auch ein Gerät namens Level One, das in sehr kurzer Zeit große Mengen Blut und Flüssigkeit in den Körper pumpen kann. Von den Unfalltoten sterben 30 Prozent vor Ort, 20 beim Transport ins Spital.

Im Schockraum sind die Überlebenschancen gut, „zur Not machen wir auch den Brustkorb auf und versuchen ein Herz mit unseren Händen wieder zum Schlagen zu bringen", sagt Kdolsky. Er kennt übrigens keinen Unfallchirurgen, der noch Motorrad fährt, die meisten, die einmal im Schockraum gearbeitet haben, tragen auch beim Fahrradfahren einen Helm, „sieht doof aus", sagt auch der Anästhesist, „aber die Daten, die für den Helm sprechen, sind einfach zu eindeutig". Auch Paragliden würde hier niemand empfehlen, denn ab einer Absturzhöhe von zehn Metern sind die Überlebenschancen ganz klein. Was alle hier, auch nach vielen Jahren der Berufserfahrung, immer wieder erschüttert, sind Jugendliche, die eingeliefert werden, weil sie in zu seichte Gewässer gesprungen sind, und - wenn sie den Schockraum überleben - für immer querschnittgelähmt sind. 

Rasante Diagnosen

Es ist 14.35 Uhr: Der an Schädel, Bein und Schulter verletzte Motorradfahrer liegt nackt und bereits verkabelt auf dem schmalen Tisch. Er ist notdürftig verarztet. Kdolsky sitzt draußen im Vorraum des Schockraums an den Terminals. Die Pfleger und die Anästhesisten ziehen Bleiwesten an, einer rasiert den Schädel, ein anderer legt eine Magensonde, damit kein Mageninhalt in die Lungen gerät. Nun fährt das CT direkt im Schockraum über den Patienten. Rund um Kdolsky haben sich einige andere Ärzte versammelt. Einer hat die Geldbörse des Motorradfahrers in der Hand und liest der Schockraumassistentin den Namen des Mannes und sein Geburtsdatum vor. Jetzt ist der Motorradfahrer im System, zwölf Minuten später sind die Bilder und damit die Befunde fertig.

Schädel-Hirn-Trauma, Schulterbruch, möglicherweise muss ein Bein amputiert werden.
Kdolsky starrt konzentriert auf die Bildschirme, Anästhesist Kettner schaut ihm über die Schulter. Dann kommen Anweisungen. Es muss schnell gehen: Einen Operationssaal reservieren, ein Team für die Not-OP zusammenstellen. Wichtig ist, in welcher Reihenfolge die einzelnen Verletzungen operiert werden müssen. „Wir sind die Zehnkämpfer unter den Chirurgen", zitiert er seinen Chef, den Leiter der Unfallchirurgie, Vilmos Vecsei, der gerade in Pension geht und dessen Posten neu ausgeschrieben wird. „Es klingt vielleicht grausig, aber in einem blutigen Bauch bin ich zu Hause, da kenne ich mich besser als jeder Spezialist aus", erklärt er und spricht auch gleich die Crux seines Fachbereiches an: „Wir müssen alles können und trotzdem wissen, in welcher Situation wir besser Fachspezialisten dazuholen", sagt Kdolsky. 

Worauf man hier stolz ist, ist der Schockraum und die Geschwindigkeit, mit der man Diagnosen stellen und die Behandlung beginnen kann. Vor zwanzig Jahren, als er anfing, erinnert sich der Unfallchirurg, habe man die Patienten noch mit dem Rollwagen vom Hubschrauber geholt und mitunter auch durch den Regen ins Spital gefahren. Das CT sei weit weg von der Unfallstation gewesen, und viele Schwerverletzte seien auf den langen Wegen zwischen den verschiedenen Stationen gestorben. Knapp 20 Minuten bis zur Diagnose sei eine Meisterleistung, sagt Kdolsky, wir alle üben an Simulationen, um die Routinen noch perfekter zu machen. Der Motorradfahrer wird nun auf einen OP-Tisch gehoben und aus dem Schockraum in den OP gerollt - rechts und links flankiert von Ärzten und Pflegern. Erst wenn Kdolsky beim Zusammennähen der zerfetzten Blutgefäße den Satz „Blutung steht" sagen wird, weiß das Notfallteam, dass die Situation unter Kontrolle gebracht ist. Und auf diesen einen Satz arbeiten sie alle hin.

Stressresistente Unfallchirurgen

Organisationstalent ist neben Nervenstärke und Stressresistenz eine jener Eigenschaften, die Unfallchirurgen unbedingt mitbringen müssen. Während der zwanzig Minuten, die Kdolsky die Erstversorgung des Motorradfahrers in medizinischer Hinsicht im Schockraum leitet, muss er parallel dazu einen Operationssaal organisieren, ein Operationsteam zusammenstellen und gleichzeitig jene Operationen verlegen, die für diesen Zeitraum eigentlich vorgesehen waren. Während der Motorradfahrer durchs CT gefahren wird, hat er Zeit dazu. „Das Sprunggelenk und der Katzenbiss müssen warten", sagt er schnell ins Telefon.

Die Patienten, die dieser Satz betrifft, warten auf der Allgemeinen Notaufnahme. Davon dass zwei Türen weiter um ein Menschenleben gekämpft wird, bekommen die, die verletzt, aber selbstständig ins AKH gekommen sind, nichts mit. Jeder, der in einem der weißen Schalensitze aus den 70er-Jahren sitzt, hat Schmerzen. Eine Mutter sitzt da, mit ihrem etwas dicken Sohn, der seinen linken Schuh ausgezogen hat. Daneben eine ältere Frau mit Gipshand. Etwas abseits stützt ein Mann seinen Kopf in den Arm, knapp über dem Auge klafft eine Wunde. Sie blutet aber nicht. Insgesamt sitzen ungefähr 30 Menschen im grellen Neonlicht. Eine alte Frau liegt auf einer Trage, sie hat überall blaue Flecken, ist mit einer Art Alufolie zugedeckt. Was sie alle nicht wissen: Die Schwestern, die immer wieder kurz aus den Behandlungszimmern rauskommen, um den nächsten Patienten aufzurufen, haben die Lage total im Überblick, denn sie haben das, was sie den „klinischen Blick" nennen. Eine Schlüsselposition hat hier die Schwester am Empfang, dort wo die E-Card abgegeben werden muss. 

Überblick bewahren

Blutende Wunden und Menschen mit neurologischen Beeinträchtigungen wie Zittern oder einem komischen Blick haben Priorität, heißt Anzeichen für Gefahr in Verzug, weiß die Krankenschwester Eva Gottschlich und erklärt die Problematik ihrer Tätigkeit: „Zu uns kommen alle, vom Minister bis zur Hausfrau, Kinder, Hypochonder, Betrunkene, aber auch solche mit einer kleinen Verletzung. Wir müssen also immer im Moment entscheiden. Jemand, dem die Zehe schon drei Tage wehtut, müsse dann eben warten, bis alle anderen versorgt sind, sagt ihre Kollegin Eva Steininger, da ist sie rigoros. Die Notaufnahme ist 24 Stunden geöffnet, und viele Menschen nutzen diese Öffnungszeiten aus, kommen nach der Arbeit oder wenn es sich gerade für sie ausgeht. Auf der Notaufnahme ist die Versorgung gewährleistet: Röntgen, CTs und sogar MRs sind verfügbar. Wer zum Hausarzt geht und auf Überweisungen angewiesen ist, braucht oft einige Tage, um eine Diagnose gestellt zu bekommen. Am AKH geht es in jedem Fall schneller, und deshalb kommen auch viele, die gar keine Notfälle sind.

Weil Menschen hier immer wieder randalieren, hat die Krankenhausleitung einen Security-Dienst beauftragt. Oberstes Gebot auch bei einem übervollen Wartezimmer: Keine schwere Verletzung darf übersehen werden. „Ein Betrunkener, den wir schon kennen, weil er oft eingeliefert wird, hatte unlängst eine Hirnblutung, der ist sofort in den Schockraum gekommen", erzählt Steininger. 

Drei Minuten 

Unfallchirurgen auf der Allgemeinen Notfallaufnahme sind routiniert. Oberarzt Gerhard Wozasek braucht für seine Diagnosen durchschnittlich drei Minuten. Wer es aus dem Wartesaal zu ihm geschafft hat, beantwortet seine kurzen prägnanten Fragen, Wozasek verordnet weitere Untersuchungen, die der Patient sofort absolviert, um dann im Wartesaal auf den zweiten Termin mit den entsprechenden Therapieanweisungen zu warten: Gips, Nähen, Schienen, Weiterüberweisung an andere Stationen - all das liegt in Wozaseks Hand. Am nächsten Tag muss jeder, der versorgt wurde, zur Nachkontrolle.

Warum sein Job nicht leicht ist, hat mit der Vielfalt der Krankheitsbilder und mit dem hohen Patientenaufkommen zu tun. Auszug aus dem Protokoll eines ganz normalen Nachmittags: 14.38 Uhr Kind mit Schnittverletzung an der Hand. „Tetanus?" Ja. „Die junge Dame wird genäht, bitte ins Nachbarzimmer." 14.41 Uhr: Junge Frau mit Knieschmerzen, nach Sturz beim Basketball. „Zum Röntgen." 14.43 Uhr: Frau, Mitte 40, Schmerzen im linken Zeh seit drei Tagen. „Schonung." 14.45 Uhr: Mann nach Arbeitsunfall mit Schulterschmerzen. „Röntgen." 14.49 Uhr: Alte Dame mit Schmerzen im linken und rechten Knie. „Erst einmal Röntgen." 14.55 Uhr: 17-Jähriger nach Skateboardunfall mit Kieferverletzung. „Röntgen."

Jeden einzelnen Patienten schaut Wozasek aufmerksam an, tastet, fühlt oder dreht Gliedmaßen, diktiert der Schwester, die neben ihm am Computer sitzt. Eine Mutter hat Angst vor Röntgenstrahlen. Wozasek: „Ihr Kind ist gegen eine Tür gelaufen, wir müssen wissen, ob es eine Fraktur oder Gehirnerschütterung hat. Ein sehr alter Mann wird auf einer Trage mit einer Wunde am Kopf hereingeschoben. Er kann nicht gleich seinen Namen sagen. „Sofort ins CT", sagt Wozasek. Um 15.08 Uhr kommt der dicke Junge mit seiner Mutter, dem der linke Fuß wehtut. „Am Röntgen ist alles in Ordnung, eine Woche Turnverbot", sagt Wozasek. „Was, nur eine Woche?", sagt der Bub. Wozasek wünscht: „Alles Gute." 

Sein Dienst dauert bis 18 Uhr. Bis dahin ist das Wichtigste, nichts Gravierendes zu übersehen - vor allem bei alten Menschen, die gestürzt sind, sei die Gefahr groß, sagt er. Viele nehmen Medikamente, sind verwirrt, haben Angst, verschweigen wichtige Fakten. Auch unter solchen Voraussetzungen gilt es, exakte Diagnosen zu stellen.

Keine Zeit für Liebesgeschichten

Im Schockraum wird in der Zwischenzeit schon wieder saubergemacht. Noch sieht es aus wie auf einem Schlachtfeld. Blutiges Papier auf dem Boden, Plastik von den Kanülen, geschorenen Haare am Boden, leere Beutel von Blutkonserven. Was den Menschen auf der Unfallstation an ihrer Arbeit gefällt? „Wir sind oft zwei Stunden hochkonzentriert beschäftigt, und es kommt uns wie fünf Minuten vor", beschreibt es die Pflegerin Röhrdanz und stimmt mit ihrem Kollegen überein, der sagt, dass jeden, den sie hier durchbringen, ein Erfolgserlebnis sei. Belastend ist der Geruch: „Blut stinkt", sagt sie und schaut auf ihre weißen Schuhe, auf denen Blutspritzer zu sehen sind, „ich kann mir aber nicht jede Woche neue kaufen", lächelt sie fast entschuldigend. Mit Emergency Room habe ihre Arbeit wenig zu tun: „Wenn wir einen Schwerverletzten versorgen, ist es mucksmäuschenstill, da hat keiner Zeit, seine Liebesgeschichten zu erzählen."

Während der Motorradfahrer operiert wird, sitzt das Schockraumteam noch ein paar Minuten zusammen. Jemand hat Marillen gebracht. Von vielen, die eingeliefert werden, wüsste man erst einmal nicht die Namen, erzählt Anästhesist Stephan Kettner, der sich in solchen Fällen Hände, Füße und Zähne der Menschen ansieht, „daran sieht man, wie jemand gelebt hat". „Für uns sind es Menschen, aber keine Personen mit einer Geschichte", beschreibt es der Pfleger Armin Autz. Auch wenn nach Messerstechereien Hochbetrieb herrscht, fragt hier niemand, wer Täter und wer Opfer ist. „Manchmal lesen wir dann ein paar Tage später in der Zeitung, was passiert ist", lacht der junge Mann.

Der Überlebenskampf geht für die Patienten ohnehin auf den Stationen weiter, denn im Akutfall mobilisiere der Körper all seine Energie und ist nach der akuten Phase aber umso anfälliger für Infekte, erklärt Stephan Kettner die Lage. Deshalb bekommen alle Patienten schon im Schockraum prophylaktisch Antibiotika. Ob der Motorradfahrer, dessen Bein einstweilen erhalten werden konnte, überleben wird, entscheidet sich erst in den kommenden Tagen und Wochen.

Kdolsky hat nach seiner Operation eine Pause und ein paar Minuten Zeit für ein paar blutige Geschichten. Etwa über einen Bandenkrieg vor ein paar Jahren in Wien: „Nach einer Messerstecherei hatten wir einen besonders schweren Fall. Das Messer wurde im Körper des Patienten nach dem Einstechen noch einmal umgedreht, das zerfetzte auch die inneren Blutgefäße", erinnert er sich. Ein anderes Mal kamen Täter und Opfer einer Schießerei gleichzeitig, „aber bei uns kommt derjenige zuerst an die Reihe, der schwerer verletzt ist, egal ob Täter oder Opfer", sagt der Unfallchirurg, ein wenig stolz auf seine Abgebrühtheit.

Verbrechen, sagt er, bei denen viele Menschen verletzt werden, sind ein Super-GAU, der immer wieder am AKH simuliert und geprobt wird. Zwar bemühe sich die Polizei, Streitparteien auf die verschiedenen Krankenhäuser aufzuteilen, manchmal gelingt das nicht. Unfallärzte, die eine Versorgung von Schussverletzungen optimieren wollen, gingen zum Studium in die USA, sagt Kettner, etwa nach Baltimore, wo an einem Wochenende mit Sicherheit Menschen nach Schießereien eingeliefert werden. In Österreich sei das eher selten, „dafür haben wir hier viel mehr Suizide", weiß Kettner. 

In das Gespräch hinein schrillen beide Piepser gleichzeitig. Kettner rennt weg, weil der Piepser Herzalarm anzeigt, und Kdolsky wird in den OP gerufen, wo er endlich den Katzenbiss versorgen wird, der wegen des Motorradfahrers aufgeschoben werden musste. Reine Routine. „Wenn auf dem Weg in den OP wieder was dazwischenkäme, dann wäre das normal", lacht Kdolsky, hievt sich aus dem Sessel und geht. Der Schockraum ist inzwischen für den nächsten Notfall wieder gerüstet. (Karin Pollack, DER STANDARD Printausgabe, 27.08.2010)

Karin Pollack, geb. 1968 in Salzburg, studierte Vergleichende Literaturwissenschaften und Russisch in Wien. Sie arbeitete u. a. für „Profil", „Brand Eins". Seit 2006 ist sie Mitarbeiterin beim Standard und betreut u. a. die Medizinseiten.

  • Von den Unfalltoten sterben 30 Prozent vor Ort, 20 Prozent beim
Transport ins Spital. Im Schockraum sind die Überlebenschancen gut.
    foto: derstandard.at

    Von den Unfalltoten sterben 30 Prozent vor Ort, 20 Prozent beim Transport ins Spital. Im Schockraum sind die Überlebenschancen gut.

Share if you care.