"Wir sind die Republik der Zotenreißer"

27. August 2010, 17:09
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In Italien wird der politische Tonfall täglich aggressiver - Bossi nennt Christdemokrat Casini "stronzo"

Intellektuelle, Künstler und seriöse Medien sehen in der Verrohung der öffentlichen Umgangsformen eine bedenkliche Entwicklung.

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Das Dauergezänk in der römischen Regierungskoalition gerät immer mehr zur sommerlichen Seifenoper. Jüngster Eklat: Lega-Chef Umberto Bossi hat den Christdemokraten Pier Ferdinando Casini als "Scheißkerl" ("stronzo") beschimpft und die Absicht von Premier Silvio Berlusconi vereitelt, Casinis Partei erneut in die Regierungsmehrheit einzubinden. Casini sei ein "alter christdemokratischer Intrigant", dessen Rückkehr in die Allianz unter allen Umständen verhindert werden müsse, schimpfte Bossi. Im Gegenzug musste der Lega-Gründer seine Forderung nach sofortigen Neuwahlen zurücknehmen.

Bossis Ausrutscher gilt Italiens Medien als weiteres Zeichen der Verrohung der Politik. Tägliche Beschimpfungen, persönliche Beleidigungen und gnadenlose Tiefschläge ließen Italien zu einer "Republik der Zotenreißer" verkommen, warnt die Tageszeitung La Stampa. "Grundregeln des zivilen Zusammenlebens scheinen plötzlich abgeschafft" , klagt der Schriftsteller Claudio Magris im Corriere della Sera: "Die zunehmende Vulgarität irritiert die Italiener offenbar nicht mehr. Werte und Umgangsformen, die wir stets für unverzichtbar hielten, sind dem gesellschaftlichen Wandel zum Opfer gefallen."

Der Corriere beklagt, dass "aus bisherigen Verbündeten über Nacht Erzfeinde werden, die einander nichts ersparen." Vor allem die gnadenlose Pressekampagne rechter Zeitungen gegen Kammerpräsident Gianfranco Fini und dessen Lebensgefährtin Elisabetta Tulliani, die auch private Details nicht ausspart, irritiert viele Italiener. Die Präsidentin des Industriellenverbandes, Emma Marcegaglia, ging mit dem Verfall der politischen Sitten hart ins Gericht: "Uns interessieren weder Klatsch noch Liebhaber und Wohnungsaffären, sondern allein die konkrete politische Arbeit." Die lasse viele Wünsche offen.

Streit um Stöckelschuhe

Indessen sind einander in der Regierungspartei PDL auch die weiblichen Parlamentarier in die Haare geraten. Die Senatorin und Ex-Gouverneurin der irakischen Provinz Nasiriya, Barbara Contini, beschuldigte Berlusconi, "nur Frauen mit hohen Stöckeln und kurzen Röcken zu schätzen; unabhängige Köpfe mit eigenen Ideen sind unerwünscht" . Contini erntete wütende Reaktionen. Staatssekretärin Daniela Santanché meinte, dass "zum Tragen hoher Stöckel Courage notwendig" sei.

Eine weitere Breitseite gegen Berlusconi feuerte die katholische Wochenzeitung Famiglia Cristiana ab. Der Cavaliere biege sich die Verfassung zurecht, regiere als Alleinherrscher und mache jeden unliebsamen Gegner fertig. Kultur-Staatssekretär Francesco Giro brandmarkte die Kritik als "politische Pornografie."

Berlusconi wertete die Ereignisse als "Rückkehr der alten Politik des Geschwätzes" . Seine Regierung verkörpere das Neue und werde sich nicht beirren lassen. Eine "Rückkehr zum Theater der Politikerkaste" schloss Berlusconi aus. Sein Gegenspieler Gianfranco Fini hat für 4. September eine Rede an die Nation angekündigt. Die Fraktion "Futuro e Libertà" hat an die Leitung der Regierungspartei PDL appelliert, die Sitzung des Schiedsgerichts auszusetzen, das über den Ausschluss mehrerer Fini-Anhänger befinden soll.

Derweil sinniert die Linke über Wege, Berlusconi zu Fall zu bringen. Parteichef Pier Luigi Bersani schlug am Donnerstag eine Rückkehr zum linken Ölbaum-Bündnis vor - jener Allianz, mit der Romano Prodi nach zweijährigem Dauerstreit gescheitert war. (Gerhard Mumelter aus Rom/DER STANDARD, Printausgabe, 28.8.2010)

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    Umberto Bossi, Chef der Lega Nord.

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