Von Zigeuner-Siedlern zum Bild-Esperanto

28. August 2010, 07:56
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Das Mak gibt Einblicke in das Werk des Wiener Philosophen Otto Neurath (1882-1945)

Wien - Mit den "Zigeuner-Siedlern" fing es an. So nannte der Wiener Philosoph und Ökonom Otto Neurath - ohne jede Abfälligkeit - jene Wiener, die Hunger und extreme Wohnungsnot nach dem Ersten Weltkrieg in den Grüngürtel der Stadt trieben: Es entstanden Siedlungen auf angeeignetem Grund.

Diese Selbstermächtigung und die auf Vertrauen und Zusammenarbeit basierende Gemeinschaft der Siedler inspirierte Neurath dazu, diese organisierte Selbsthilfe mit Anliegen der Sozialdemokratie zu verknüpfen. Neurath, der seine Rolle als Wissenschaftler stets als gestalterisch begriff, initiiert den "Österreichischen Verband für Siedlungs- und Kleingartenwesen", der die Entwicklung des Modells einer Gartenstadt professionalisieren sollte. Dazu kooperierte er u.a. mit Architekten wie Adolf Loos, Josef Frank und Margarete Schütte-Lihotzky. Im Roten Wien wird sich jedoch letztendlich städtebaulich doch der Gemeindebau durchsetzen.

Die grüne Stadt Rosental bei Wien (1924) heißt ein Film, der in der Ausstellung Gipsy Urbanism im Mak - leider ohne Ton - die grünen Siedlerutopien jener Tage zeigt. Die Schau mit dem englischen Titel (zuvor im Schindler House in Los Angeles) widmet sich den sozialreformatorisch geprägten Ideen Neuraths.

"Die moderne Demokratie verlangt, dass breite Massen der Bevölkerung sachlich über Produktion, (...) Arbeitslosigkeit, Volkswohnungsbau [...] unterrichtet werden. Schulunterricht kann nur die Grundlagen hiefür liefern, Zeitungen, Vorträge usw. bringen fallweise Ergänzungen; notwendig ist eine Stelle, die dauernd soziale Aufklärung verbreitet", beschrieb Neurath die Aufgaben des 1925 von ihm begründeten Österreichischen Gesellschafts- und Wirtschaftsmuseums. Bei dieser Demokratisierung des Wissens helfen sollte die dort entwickelte Isotype helfen, die Wiener Methode der Bildstatistik, die New York Times nannte sie "Bild-Esperanto".

"Worte trennen, Bilder verbinden", so deren Maxime. Dort wo Sprache versagt, sollte die Isotype Zusammenhänge deutlich machen. Neurath glaubte an die demokratische Kraft des Piktogramms. Das Wissen sollte dorthin transportiert werden, wo es zum Klassenkampf gebraucht wird: "Statistik ist Notwendigkeit für planmäßige Wirtschaft, daher ist Statistik Sache des sozialistischen Proletariats!"

So bestreiten die Schautafeln seines statistischen Elementarwerks Gesellschaft und Wirtschaft (1930) auch den Hauptteil der Exponate, die oft erklärende Texte vermissen lassen. Die Ausstellung mit Mängeln in der Dramaturgie kann nur ein Anfang einer Beschäftigung mit dem "Unbedankten" sein, streift sie doch wichtige Teile seiner Biografie, wie etwa seine Zeit im "Wiener Kreis", nur und vergisst völlig auf die zeitgenössische Rezeption des Intellektuellen, der 1934 als eine Symbolfigur des politischen Gegners, emigrieren musste. (Anne Katrin Feßler, DER STANDARD - Printausgabe, 28./29. August 2010)

Bis 5. 9.

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    foto: mak
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