Kreml stellt sich hinter Umweltschützer

27. August 2010, 16:53
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Präsident Medwedew ordnet Stopp der Abholzung des Chimki-Waldes an

Moskau/Wien - Der russische Präsident Dmitri Medwedew hat sich im Streit um den Bau einer Autobahn durch den Chimki-Wald bei Moskau überraschend auf die Seite von Umweltschützern gestellt. Der Präsident ordnete der Regierung unter seinem Vorgänger Wladimir Putin an, die Rodungsarbeiten vorübergehend einzustellen. Eine Expertenkommission, die nächste Woche zusammentritt, soll über Alternativrouten für die neue Autobahn von Moskau nach St.Petersburg beraten.

Für die Umweltschützer, die seit 2006 gegen die Trasse der umgerechnet rund sechs Milliarden Euro teuren Autobahn durch Moskaus grüne Lunge protestieren, ist das Machtwort Medwedews ein Etappensieg. "Obwohl die Entscheidung keine endgültige ist, ist allein schon die Tatsache, dass die Abholzung gestoppt wurde, ein großer Sieg. Ich denke, dass weitere Siege folgen, da die Leute beginnen werden, an ihre eigene Macht zu glauben", sagte Jewgenija Tschirikowa, die die Proteste der Umweltschützer anführte, laut Ria Nowosti.

Im Juli kam es im Chimki-Wald zu gewaltsamen Zusammenstößen zwischen Umweltschützern und maskierten Schlägertypen. Die zu Hilfe gerufene Miliz nahm jedoch nicht die Vermummten, sondern einige Umweltschützer und Journalisten fest.

In der russischen Bevölkerung ist die Zustimmung zum Autobahnbau gering. Zuletzt hatte sich daher auch die Regierungspartei Einiges Russland für die Überprüfung des umstrittenen Autobahnbaus ausgesprochen. Im Oktober stehen in Russland Kommunalwahlen an, und Einiges Russland befürchtet wegen der Brandkatastrophe dieses Sommers ein schlechtes Abschneiden. Da kommen die zahlreichen Protestveranstaltungen der Umweltschützer und Bürgerrechtsaktivisten denkbar ungelegen.

Mit seiner Anweisung hat sich der russische Präsident jedoch gegen seinen Mentor Putin gestellt. Der Regierungschef, der am Freitag mit einem gelben Lada Kalina demonstrativ die neue Schnellstraße Amur in Ostsibirien testete, betonte, dass am Bau der Autobahn nach St. Petersburg kein Weg vorbei führe. Er räumte zwar ein, dass es "immer Probleme zwischen der wirtschaftlichen Entwicklung und dem Umweltschutz" gebe, die Lösung der Verkehrsprobleme in Moskau und anderen großen Städten aber Priorität habe.

Russische Medien unterstellten dem Premier im Streit um den Chimki-Wald auch persönliche Interessen. Laut Wedomosti soll der frühere Judotrainer von Putin, Arkadi Rotenberg, hinter der Firma Nordwestliche Konzessionsgesellschaft stehen, die die Autobahn bauen soll. Ein Vertreter Rotenbergs sitze im Aufsichtsrat der Baufirma. Rotenbergs Sprecher dementierte jegliche Verbindung. (Verena Diethelm/DER STANDARD, Printausgabe, 28.8.2010)

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    Gerodeter Wald bei Moskau.

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    Schützt Bruder Baum: Präsident Medwedew.

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