Manche Wohnungen betrete ich nur im Kopf

27. August 2010, 19:24
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Die Schriftstellerin Sabine Gruber wohnt und arbeitet in einer Wiener Altbauwohnung

Die Schriftstellerin Sabine Gruber wohnt und arbeitet in einer Wiener Altbauwohnung. Michael Hausenblas berichtete sie von Bohrmaschinen und Vogelnestern.

"Als Kind habe ich Grundrisse von Wohnungen gezeichnet. Und während der sonntäglichen Ausflugsfahrten habe ich dann Wohnorte für meine fiktiven Spielgefährtinnen ausgespäht. Dieses Verfahren habe ich für das Schreiben beibehalten. Ich muss ganz genaue Vorstellungen vom Wohnort meiner Figuren haben, sodass ich gelegentlich wie der italienische Schauspieler und Regisseur Nanni Moretti im Film Caro Diario, auf Deutsch Liebes Tagebuch, mit der Vespa durch die Gegend fahre und Wohnungen anschaue, bevor ich zu schreiben beginne. Es sind Wohnungen in real existierenden Häusern, aber ich betrete sie nur in meinem Kopf.

Ich lebe in vielen Wohnungen, die alle unterschiedlich ausgestattet sind. Mit jedem Roman ziehe ich mehrmals um. Aber auch im realen Leben bin ich schon 13-mal übersiedelt, bevor ich 1994 in einem Altbau im 2. Bezirk, zwischen Praterstraße und Donaukanal, angekommen bin. Die Leopoldstadt war schon damals mein Wunschbezirk, wegen der Nähe zum Prater und zur Innenstadt, lange bevor er schick wurde. Mein Wohnhaus hat eine traurige Geschichte. Zwischen 1941 und 1942 sind im Vorder- und Hinterhaus 30 jüdische Bewohner nach Theresienstadt, nach Maly Trostinec und nach Opole deportiert worden.

Die Mietwohnung, in der ich inzwischen am längsten lebe und aus der ich wohl nicht so schnell wegziehen werde, ist 75 Quadratmeter groß. Sie liegt im letzten Stock, ist sehr hell und blickt auf einen kleinen, mit Platanen bewachsenen Platz hinaus. Seit einigen Jahren nisten Nebelkrähen vor meinen Fenstern, sodass ich Brut und Aufzucht der Jungtiere aus nächster Nähe mitverfolgen kann. Ich liebe Vögel und freue mich über jeden Buntspecht und jeden Turmfalken, der sich hierher verirrt.

Als Schriftstellerin verfüge ich über keine regelmäßigen Einkünfte, deshalb war es für mich wichtig, eine Wohnung mit einer günstigen Miete zu finden. Die Mietwohnung – Kategorie D – habe ich sukzessive und zum großen Teil selbst renoviert. Ich kann nicht nur mit Bohrmaschinen und Schleifmaschinen umgehen, ich habe sogar ein eigenes Regal entworfen und gebaut, das nach 16 Jahren immer noch steht. Autonomie ist mir wichtig, sie ist auch die Grundlage für das Schreiben.

Bis auf die üblichen Wohngemeinschaftserfahrungen im Studium und auf die vier Jahre in Venedig, wo mich die hohen Mietpreise gezwungen haben, mit anderen Leuten zusammenzuleben, habe ich immer allein gelebt, denn meine Wohnung ist auch mein Arbeitsort. Vor ein paar Jahren ist mein Freund in die Wohnung unter mir gezogen, vor zwei Jahren eine Freundin in die Nebenwohnung. In einer Hausgemeinschaft zu leben vermittelt Sicherheit. Ich brauche Ruhe, eine Art Hieronymus'sches Studierzimmer, das sich bei Gelegenheit aber verwandeln können muss: in ein Esszimmer für 15 Freunde beispielsweise oder in ein Kinderlager.

Das Paradies hat sich Jorge Luis Borges immer als eine Art Bibliothek vorgestellt. In diesem Sinne vergrößert sich mein Paradies von Woche zu Woche, gleichzeitig hindert mich inzwischen die wachsende Anzahl an Büchern daran, Möbel zu verschieben und die Wohnräume neu zu gestalten – eine für Mitbewohner und Familienangehörige lästige Angewohnheit, die ich von meiner Großmutter geerbt haben soll.

Die Einrichtung meiner Wohnung ist veränderungskompatibel und funktional. Bis auf die Küche, die von einem Tischler maßgefertigt wurde, besteht mein Mobiliar aus Einzelteilen, aus Billy-Regalen sowie aus einzelnen Designerstücken. Und da mein Freund bildender Künstler ist, kann ich mir das Unleistbare leisten: Gegenwartskunst." (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 28./29.8.2010)

SABINE GRUBER, geboren 1963 in Meran, studierte Germanistik, Geschichte und Politikwissenschaft in Innsbruck und Wien. Von 1988 bis 1992 war sie Universitätslektorin in Venedig. Seit 1992 lebt sie in Wien, seit 2000 ist sie als freie Schriftstellerin tätig.

Ihre letzten beiden Romane Die Zumutung (2003) und Über Nacht (2007) sind beim Münchner C. H. Beck Verlag erschienen. Mit Über Nacht schaffte sie es auf die Longlist zum Deutschen Buchpreis sowie auf die SWR- und ORF-Bestenliste. Sie erhielt dafür mehrere Preise, u. a. den Wildgans-Preis. Zurzeit schreibt sie an ihrem neuen Roman, der 2011 erscheinen wird.

  • Sabine Gruber in ihrem veränderungskompatiblen Wohn- und Arbeitsreich. 
Im Hintergrund wachsen bereits Bücherparadies und Gegenwartskunst.
(Foto: Lisi Specht)
    foto: lisi specht

    Sabine Gruber in ihrem veränderungskompatiblen Wohn- und Arbeitsreich. Im Hintergrund wachsen bereits Bücherparadies und Gegenwartskunst.

    (Foto: Lisi Specht)

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