"Salzburg kann etwas Rauschhaftes haben"

27. August 2010, 17:56
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Das Dreamteam der diesjährigen Salzburger Festspiele spricht mit Andrea Schurian über "Jedermanns" Moral und über die Kunst, Stücke zu erzählen

STANDARD: Bilanzziehen sei eine der Kernaussagen des "Jedermann" , haben Sie vor der Premiere gesagt. Wie schaut Ihre Festspiel-Bilanz jetzt aus? Sind Sie der Salzburg-Suchtkrankheit erlegen?

Ofczarek: Salzburg kann wirklich etwas Rauschhaftes haben. Es ist großartig, dass man hier die größten Künstler erleben kann, unprätentiöse, wunderbare, von Gott geküsste Könner allesamt. Ich kann dieses Geschimpfe über die Salzburger Festspiele nicht verstehen. Österreich, dieses kleine Land, hat eines der besten Kunstfestivals der Welt. Aber wie das Amen im Gebet wird darüber geschimpft.

Minichmayr: Ich habe nicht damit gerechnet, wie wichtig den Salzburgern dieser Jedermann und seine Buhlschaft sind. Es wird einem eine andere Aufmerksamkeit zuteil als anderswo, man bekommt mehr Blicke, fühlt sich beobachteter. Aber das ist in Ordnung, Schauspielerei ist ein Öffentlichkeitsberuf.

STANDARD: Die Buhlschaft ist von der Figur und Auftrittsdauer her vermutlich eine der kleinsten Rollen, die Sie gespielt haben; andererseits eine der meistbeachteten.

Minichmayr: Das ist sicherlich eine Schwierigkeit: Man muss in einer sehr kurzen Zeit alle Wünsche und Vorstellungen dieser Figur erfüllen, was aber so oder so nicht geht. Aber auf alle Fälle hat mich diese Aufgabe sehr beschäftigt.

STANDARD: Üblicherweise transportiert die Buhlschaft ein sehr unemanzipiertes Frauenbild. Bei Ihnen schien sie auf Augenhöhe mit Jedermann zu verkehren. Ist die Buhlschaft eigentlich Feministin?

Minichmayr: Manche meinen, sie sei so eine Art Sexarbeiterin. Ich muss gestehen, ich habe den Text von Marlene Streeruwitz noch nicht gelesen. Aber ich sehe das nicht so. Nur weil sie sich mit einem reichen Mann amüsieren und mit ihm nicht mit in den Tod gehen will? Mir war sehr wichtig, auf Augenhöhe und gleichberechtigt mit dem Jedermann zu agieren.

STANDARD: Am Montag geben Sie in diesem Jahr zum letzten Mal das Salzburger Dreamteam: Immer noch so gern wie am Premierentag?

Ofczarek: Ja, ich spiele den Jedermann wirklich gern. Es ist eine wunderbare Rolle, auch dank Regisseur Christian Stückl. Er war bereit, seine acht Jahre alte Inszenierung mit einer teils neuen Besetzung völlig auf den Kopf zu stellen. Er hat erkannt, dass für neue Schauspieler andere Gedankenstränge drinnenstecken. Es ist ja durchaus riskant, den Jedermann als arroganten Großkotz zu spielen.

STANDARD: Die katholischen Knittelreime sind Ihnen letztlich nicht nervig geworden?

Ofczarek: Nein. Man spürt: Das ist ein berühmtes Stück mit großer Geschichte auf einem der weltweit größten Kulturfestivals. Ich streite wirklich gern mit jedem, der den Jedermann ein schlechtes Stück findet. Manche Menschen sagen, das Stück sei zwar grauenhaft, aber unsere Aufführung toll. Das geht aber nicht. Es muss schon etwas haben, dass es seit 90 Jahren aufgeführt wird und auch heuer wieder dreifach überbucht war. Es hat seine Schwächen, ist mitunter holzschnittartig, aber es hat Wesentliches zu sagen.

STANDARD: Nämlich was?

Ofczarek: Über Moral und Werte nachzudenken ist nichts Schlechtes, im Gegenteil. Auch Schuld und Vergebung ist im realen Leben ein wichtiges Thema, sich selbst zu vergeben eines der schwierigsten Unterfangen. Oder die Frage: Entscheide ich mich im Sinne des freien Willens für Gott? Das ist spannend. Deshalb wird das Stück auch lange weiterleben.

Minichmayr: Vielleicht könnte man sagen, dieser Jedermann bleibt zwar in christlichem Gewande, ist aber nicht mehr so katholisch. Ich denke, es ist uns gelungen, das Stück zu einer philosophischen Allgemeingültigkeit zu führen. Ich persönlich habe meinen Zugang zum Stück nicht über das Religiöse gefunden, sondern über unser Wertesystem. Geld an sich ist nicht schlecht, aber unser Umgang damit, der Missbrauch.

STANDARD: Bei den Festspielen werden nicht nur gesellschaftliche Werte verhandelt, sondern auch künstlerische: Was kann und soll Theater heute sein?

Ofczarek: Gut soll's sein. Sonst gar nichts. Gut, klug, beseelt.

Minichmayr: Es scheint heute ein Trend zu sein, ein Thema mit ganz vielen Assoziationen abzuarbeiten. Ich finde es schade, dass bei den jungen Theaterleuten die Kunst, Stücke zu erzählen, mitunter verloren geht.

Ofczarek: Man vertraut den Stücken nicht mehr. Unter uns Schauspielern herrscht zur Zeit eine Tendenz zum Zitiertheater. Also dieses: "Ich spiele ja nur - ihr da unten wisst es und wir heroben auf der Bühne wissen es auch."

STANDARD: Eine Art Behauptungs- oder Stellvertretertheater?

Minichmayr: Ja. Aber das Spannende ist, wenn ein Schauspieler nicht etwas behauptet, weil es im Text steht, sondern nahe an sich heranzieht. Also ganz bei sich ist und trotzdem eine Figur.

Ofczarek: Das haben heuer zwei Schauspieler grandios beherrscht: Klaus Maria Brandauer als Ödipus und Paulus Manker als Theseus in Phädra. Es ist allerhöchste Kunst: ganz bei sich und gleichzeitig ein ganz anderer zu sein.

STANDARD: Wie war das Zusammenspiel beim "Jedermann" ? Hat sich das gut verzahnt?

Minichmayr: Ja, immer. Wir hatten keine einzige Vorstellung, wo wir sagen hätten müssen: Oje, heute ist es abgefallen.

Ofczarek: Nein, nie. Erstaunlicherweise. Denn das muss schon auch passieren dürfen. Überhaupt, der ganze Sommer war ein großes Erlebnis. Mir geht es richtig gut hier. (Andrea Schurian, DER STANDARD - Printausgabe, 28./29. August 2010)

Birgit Minichmayr (33) und Nicholas Ofczarek (39) sind Ensemblemitglieder des Burgtheaters, wo sie als furioses Paar bereits mehrmals im Einsatz waren, u. a. in "Der Weibsteufel" oder "Geschichten aus dem Wiener Wald".

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    Nicholas Ofczarek und Birgit Minichmayr - das nach der ersten "Jedermann" -Saison von Salzburg erfüllte Schauspieler-Paar.

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