Erinnern heißt: Vergessen

27. August 2010, 17:09
16 Postings

Finstere Tage. Dennoch das Gefühl, dass der Dialog mit ihm einfach weitergeht. Weil es eine Schande wäre, wenn etwas "abreißen" würde. Claus Philipp über Christoph Schlingensief

"These days I seem to think about / How all the changes came about my ways." - Nico auf Youtube in der Endlosschleife. Dazu Lektüre in den letzten Blogs auf www.schlingensief.com: Videoclips von Bestrahlungstorturen, Bilder aus dem Operndorf in Afrika, Einträge wie: "denke an die anderen, die dich ertragen müssen. die haben mehr hölle auf erden als erlaubt ist. die müssen nicht nur deine chaotische art ertragen oder deinen großen pessimismus! nein, diese leute sehen jemanden, der sich schon auf dem abschiedsweg befindet. und der dann so redet, als müsse er nun halbwegs erträglich bleiben, damit er in guter erinnerung bleibt. dazu würde ich gerne später mal mehr schreiben. mal schauen, wann das geht. es geht nicht immer alles, wenn ich will."

Finstere Tage. Dennoch das sture Gefühl, dass der Dialog mit Christoph einfach weitergeht. Weil es eine Schande wäre, wenn da etwas "abreißen" würde. Selbst wenn die Störgeräusche im Hintergrund zunehmen, so wie im letzten, im allerletzten Eintrag, in dem jeder Rechtschreibfehler Wunde und Rettung zugleich ist. Keine Ahnung, ob Christoph sich noch ein weiteres vorletztes Fläschchen Wein genehmigt hatte oder ob er im Kopf ein wenig atemlos war, als er schrieb: "DIE BILDER VERSCHWINDEN AUTOMATISCH UND ÜBERMALEN SICH SO ODER SO! ERINNERN HEISST: VERGESSEN! (Da können wir ruhig unbedingt auch mal schlafen!)"

Überwach bis zum letzten "und" und ohne Punkt am Ende: "Wie lange war es still ... lange stiill. stoße jetzt nach ca. 3 wochen auf das letzte video hier. habe ich gleich gelöscht. wen soll das das interessieren? vielleicht sind solche vidoeblogs oder einträgen nur dann von intererrägen, wenn die angst zu gross wird. die angst, weil diese kleine illussion von --- aber nun nach den knapp 4 wochen scheint es anderes zu sein. die bilder (ixen) sich aus ... da ist ja kein sentimentaler schmerz. die bausupsanz ist erstaunlich gut ... und nun? wieder ein neues bild? wieder infos zu neuen dingen, die ,...... ja eigentlich was ?..... alles sehr oberflächlich und rechtschreibefehler häufen sich die dinge .... das baut läufz seit tmc auf. der appetetit läßt rasant nach. - ARD- TATORTREKA7 ... (warum werde ich icht nicht denn nicht wenigstes einer meiner halbwegs siution normalererenen situatuin aufgeklärt. so macht es mich nur traurig, piasch und"

Die letzte Geste

Die Bilder ixen sich aus. Die letzte Geste: ein zarter Hieb auf die Löschtaste. Und welche Bilder bleiben dann übrig? Christoph, wie er in Island gemeinsam mit Klaus Beyer gegen einen Strauß und einen Wäschetrockner kämpft. Die letzten Hobbits. Unheilbar verwundet. Abfahrt in die Grauen Anfurten. Ja, heult nur.

Das vorliegende Foto ist mir passiert: Patti Smith begutachtet ein Polaroid, das sie gerade in einem Slum außerhalb von Lüderitz/Namibia, der sogenannten AREA 7, gemacht hat. Man sieht auf meinem Bild die grauenhafte Armut nicht, die dort quasi strikt geometrisch in Form von Blechwohncontainern ins sandige Niemandsland verwiesen und abgeschoben worden ist. Also wirkt der Mann, der da auf ihrem Foto ein Tau über eine Bootsreling wirft, erst recht aus der Zeit und aus dem Raum gefallen: Christoph.

Es ist nicht auszumachen, ob er mit dem Tau etwas festzurren will oder ob er jetzt die letzten Leinen kappen und quasi auf die offene See hinaustreiben wird. Auch wenn er in der Wüste festsitzt. Aber (und deswegen finde ich wohl auch, dass mein Bild "stimmt") diese Unklarheit begleitete uns in diesen Wochen im Oktober 2006 in Südwestafrika fortwährend: Wie Christoph da die Dreharbeiten zu einem Film mit dem Arbeitstitel The African Twin Towers vorantrieb, das hatte zunehmend etwas Quälendes. So als würde er mit jedem weiteren Bild, jeder weiteren Szene diesen Film weiter verunmöglichen und kaputtmachen.

Ich verbinde diese Zeit noch heute mit einer großen Anspannung, Ermüdung, Desorientierung, Melancholie. Es war im Weiteren nur logisch, dass die folgende große Burgtheaterinstallation AREA 7, die ursprünglich als szenische Adaption von Bachs Matthäus-Passion angekündigt gewesen war, zu einem finster irrlichternden Labyrinth, zu einer Abhandlung über einen beständig suchenden und gleichzeitig abgelenkten Blick geriet. Mochte man ihm auch die gesamte luxuriöse Burgtheater-Maschinerie zu Füßen legen: Christoph konnte darüber nicht "meisterlich" triumphieren. Er konnte nur ausstellen, wie sehr ihn dieses ganze Theater, die Welterklärungssicherheit (Afrika!), die guten Texte und die richtigen Bilder und die selbstsicheren Rufzeichen zweifeln und verzweifeln ließen. Es war damals, auch weil Christoph sich intensiv mit seinen begehbaren Filmdrehbühnen, den Animatografen, beschäftigte, sehr viel von der Frage die Rede, was das bedeuten kann: "Ins eigene Bild treten." Was so viel bedeuten mochte wie: sich nicht nach vollendeter Produktion feist vor die Leinwand, Bühne, Galerienwand zu flätzen und Applaus aus den Vorder- und Hinterreihen zu kassieren, sondern sich dem, was man da angerichtet hat, wirklich selbst auszusetzen. Mit allen gewünschten und unerwünschten Nebenwirkungen. Als gut ein Jahr später die Mail von Patti Smith kam, "Christoph is very ill" - da war die erste Assoziation: Er ist in seinem Bild geblieben. Wie in einem dieser trashigen Horrorfilme, in dem plötzlich ein Haus, in dem der Held von mehreren Untoten umringt ist, keinen Ausgang mehr hat.

Dieses ganze Theater

Aber das ist nur die halbe Geschichte, oder richtiger: Es ist nur eine Facette einer Geschichte, die immer weiter erzählt werden wird und in der Christoph weiterhin hier unter uns sein wird und in der man sehr viel auch über Heiterkeit und Großzügigkeit und "Durchgeknalltheit" (Fritz Ostermayer, Im Sumpf) erzählen kann.

Meine Lieblingsepisode aus der AREA 7 geht so: Eine Schutzgöttin auf der (Irr-)Fahrt nach Namibia war, neben Patti Smith, Elfriede Jelinek. Großzügig wie immer hatte sie Christoph einen hochkomplexen Text für die Reise geschrieben und mitgegeben, und als es nun später am Burgtheater darum ging, dass dieser Text - sein Titel: Parsifal: (Laß o Welt o Schreck laß nach) - auch nur irgendwie Eingang ins Bühnengeschehen finden sollte, da befand Christoph nach langem Hin und Her, dass eigentlich nur eine ihn wirklich adäquat lesen kann. Nämlich Elfriede Jelinek selber. Er wolle sie dabei filmen. Und ich, vorher "embedded journalist" in Namibia und jetzt dramaturgischer Kollaborateur, sollte mit ihr dafür einen Termin bei ihr zu Hause ausmachen.

Wer sich halbwegs ausmalen kann, welches Unbehagen bei Elfriede Jelinek Besuche und/oder Ton- und Bildaufnahmen auslösen, ahnt: Das Unternehmen war schnell an Bedingungen geknüpft. Erstens sollte der Besuch nicht lange dauern, zweitens sollte vor allem der Dreh nicht lange dauern, drittens bitte mit ganz reduziertem Equipment, also am besten eigentlich nur mit einem kleinen Diktiergerät, und so weiter. "Ja ja", sagte Christoph, als ich ihm das ausrichtete, "super, danke, das machen wir."

Wer stieg also an besagtem Abend mit einer riesigen Kamera samt Kamerafrau, samt Megastativ, Tonarm, Riesenmikro, Scheinwerfer vor Jelineks Haus aus dem Taxi und schmetterte der erbleichenden Dichterin ein fröhliches "Hallo, da sind wir also!" entgegen? Christoph.

An die gewünschte reduzierte Lesung war nicht zu denken. Jelinek wurde an die nächste Wohnzimmerwand gedrängt, mit Licht angeknallt und von Christoph mit der Kamera in Minimaldistanz umkreist, als wäre sie ein sehr seltener Tiefseefisch. "Anspannung" war für diese Situation ein drastisch harmloser Begriff, alles, was ich Jelinek versprechen hatte müssen, war nicht eingelöst. Ich saß da auf einem der im Wohnzimmer herumstehenden Designerplastikstühle und versuchte einfach unsichtbar zu werden, bis, ja, bis ebendieser, ganz gewiss mit sehr viel Liebe und Kenntnis ausgesuchte Designerplastikstuhl unter meinem Hintern mit einem lauten Knall explodierte.

Selbstdisziplin und Grandezza

Die Selbstdisziplin und die Grandezza, die Jelinek bei der Lesung gezeigt hatte, wichen blanker Fassungslosigkeit. Später meinte sie: "Nicht auszudenken, was passiert wäre, wenn ein älterer und weniger geistesgegenwärtiger Mensch auf diesem offenkundig längst kaputten Stuhl gesessen wäre." Ich wiederum muss unglaublich schuldbewusst dreingesehen haben, denn was tat Christoph? Er begann laut zu lachen und sagte: "Jetzt schau bitte nicht so, als ob etwas Schlimmes passiert wäre." Der Abend war gerettet. Auf einem Gruppenfoto, das noch irgendwo in meinen Papierbergen herumkugeln muss, sehen wir alle, inklusive Elfriede Jelinek, so aus, als hätten wir viel Spaß gehabt. Haben wir.

These days ... Wie schrieb Patti Smith in einem Lied, das sie für Christoph geschrieben hat und das sie hoffentlich irgendwann einmal auf einem Album veröffentlichen wird: "We rose as children / To climb a ladder of gold / Our ship shall see no river / Yet hope shall hold." (Claus Philipp, ALBUM/DER STANDARD - Printausgabe, 28./29. August 2010)

Claus Philipp, geb. 1966, war bis 2008 Kulturressortchef des Standard. Er ist seither Geschäftsführer des Wiener Stadtkinos. Er publizierte (gem. mit Peter Weibel) zu den "African Twintowers".

  • Patti Smith begutachtet ein Polaroid. Der Mann, der da auf ihrem Foto 
ein Tau über eine Bootsreling wirft, wirkt aus der Zeit und aus dem Raum
 gefallen: Christoph. Es ist nicht auszumachen, ob er mit dem Tau etwas 
festzurren will oder ob er jetzt die letzten Leinen kappen und quasi auf
 die offene See hinaustreiben wird.
    foto: the african twintowers

    Patti Smith begutachtet ein Polaroid. Der Mann, der da auf ihrem Foto ein Tau über eine Bootsreling wirft, wirkt aus der Zeit und aus dem Raum gefallen: Christoph. Es ist nicht auszumachen, ob er mit dem Tau etwas festzurren will oder ob er jetzt die letzten Leinen kappen und quasi auf die offene See hinaustreiben wird.

Share if you care.