Begehrt, aber nicht verfügbar

27. August 2010, 18:05
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Restlos ausverkauft: Wer einen Caravaggio sein Eigen nennen will, muss auf neue Zuschreibungen hoffen

Das Timing hätte im 400. Todesjahr des großen italienischen Barockmalers nicht besser sein können: Michelangelo Merisi da Caravaggio (1571-1610) ein bislang unerkanntes Werk zuzuordnen wäre ja eine Sensation. In einer Darstellung des heiligen Laurentius, so vermeldeten italienische Medien Mitte Juli, hätte ein Kunsthistoriker die charakteristische Handschrift des Meisters entdeckt. Fehlalarm, innerhalb weniger Tage wischten Experten diese Theorie vom Tisch.

Währenddessen entpuppte sich in Berlin ein vermeintliches Original als Kopie. Im Juli 2008 war Die Festnahme Christi in einem Museum in Odessa aus dem Rahmen geschnitten und gestohlen worden. Laut den ukrainischen Behörden läge der Wert im zweistelligen Millionenbereich.

Marktwert unbekannt

Dollar, Rubel oder Euro? Einerlei. Ende Juni sollte das ramponierte Gemälde fern der Öffentlichkeit den Besitzer wechseln, wurde dabei aber vom Bundeskriminalamt in Berlin beschlagnahmt. Laut dem Kurator der Berliner Gemäldegalerie würde es sich dabei jedoch um eine zeitgenössische Kopie nach dem Original in der National Gallery of Ireland in Dublin handeln.

Der Hype um potenzielle Meisterwerke - von denen bislang nur 60 zweifelsfrei identifiziert wurden - ist verständlich, zumal keine Caravaggios auf dem Markt verfügbar sind, wie auch der Blick in internationale Auktionsstatistiken belegt. Vom Überwinder des Manierismus und Begründer der römischen Barockmalerei, ist nur ein einziges Auktionsergebnis verzeichnet, und es ist kein sieben- oder achtstelliges. Vielmehr handelt es sich um eine auf 1603 datierte nach einem Ölbild ausgeführte Radierung, die 1997 bei Kornfeld in der Schweiz für 2952 Euro versteigert wurde.

Zwischen der gegenwärtigen Ehrerbietung, dem nachhaltigen Einfluss auf folgende Künstlergenerationen und der Realität auf dem Markt klafft also eine Lücke. Das Gros seiner Werke ist in Museen auf der ganzen Welt verteilt, und nur ein versprengtes Grüppchen ist in Privatsammlungen beheimatet. Auch der gehobene Kunsthandel hält keine authentischen Arbeiten des Künstlers bereit, obwohl sich diese nicht nur im Jubiläumsjahr wie warme Semmeln verkaufen könnten.

Nicht weniger als 580.000 Besucher verzeichnete die von Februar bis Mitte Juli in Rom anberaumte Werkschau, die 24 der weltweit anerkannten Werke des Meisters versammelte. Der Versicherungswert der zahlreichen Leihgaben ist nicht bekannt, ein astronomisches Ausmaß aber gesichert. Der Wiederbeschaffungswert sei laut Nikolaus Barta, dem Chef des Kunstversicherungs-ConsultingUnternehmens Barta & Partner, in dieser Kategorie kein Thema mehr.

Die individuellen Versicherungssummen werden stets von den Museen vorgegeben - etwa auch für Caravaggios Dornenkrönung Christi aus dem Bestand des Kunsthistorischen Museums (KHM), die in Rom gastierte. Es ist das einzige von insgesamt drei in Wien beheimateten Meisterwerken, das für den Leihverkehr infrage kommt. Das auf Pappelholz gemalte David mit dem Haupt des Goliath sei laut Gudrun Swoboda zu empfindlich, die Rosenkranzmadonna mit knapp 365 mal 250 cm schlicht zu groß.

Die Frage nach dem Versicherungswert der Dornenkrönung lässt die KHM-Kuratorin der Gemäldegalerie im Detail unbeantwortet. Nur so viel, es gehe um Millionenwerte. Roman Herzig (Galerie St. Lucas), Österreichs einziger Altmeisterhändler von internationalem Rang, vermutet einen Wert, der zwischen 40 und 60 Millionen Euro liegen könnte. Aber, so der realistische Nachsatz, man müsse auch jemanden finden, der das zu zahlen bereit sei.

Weltweit schüren derweilen etliche Ausstellungen, Kongresse zu seiner revolutionären Technik und neueste Studien den Boom um den Mythos des Meisters an, begleitet auch von einigen neuen Publikationen. Dazu gehören - zum Abspann der seit Anfang des Jahres in zwei Sälen der Gemäldegalerie gezeigten caravaggesken Malerei - der im Herbst seitens des KHM publizierte Bestandskatalog (Caravaggio und der internationale Caravaggismus) sowie das neue, im Taschen-Verlag erschienene Werkverzeichnis von Sebastian Schütze (siehe Artikel "Genie zwischen Himmel & Hölle").

In diesem werden gemäß jüngeren Forschungsergebnissen 89 statt bislang 60 Arbeiten mit ihrer entsprechenden Provenienzgeschichte angeführt. Da Caravaggio seine Bilder (bis auf zwei Ausnahmen) nicht signierte und der Nachwelt kein Arbeitsinventar hinterließ, sind Experten bei neuen Zuschreibungen auf ihr Fachauge oder technische Untersuchungsmethoden angewiesen.

Zu den Neueinträgen gehört beispielsweise eine Version der Kartenspieler, des bekanntesten Motivs aus seinem Frühwerk. Das Original tauchte in den späten 80er-Jahren in einer Züricher Privatsammlung auf, von wo es für einen unbekannten Betrag vom Kimbell Art Museum (Fort Worth, Texas) erworben wurde.

Im Dezember 2006 gelangte bei Sotheby's (London Olympia) eine als Werk eines Nachfolgers ausgewiesene Variante zur Auktion und wechselte für 50.400 Pfund in den Besitz Sir Denis Mahons. Eine Restaurierung später ließ der Sammler verlautbaren, dass es sich um einen originalen Caravaggio handeln würde und der Wert nunmehr bei 50 Millionen Pfund läge. Der Meinung kann sich die Fachwelt, wie es scheint, nicht anschließen: Die Qualität der Ausführung, notiert Schütze, würde das Gemälde allerdings sehr deutlich als Kopie ausweisen. (Olga Kronsteiner, ALBUM/DER STANDARD - Printausgabe, 28./29. August 2010)

  • Laut Experten dürfte die 1602/04 von Caravaggio ausgeführte 
"Dornenkrönung Christi" bis zu 60 Millionen Euro wert sein.
    foto: khm wien

    Laut Experten dürfte die 1602/04 von Caravaggio ausgeführte "Dornenkrönung Christi" bis zu 60 Millionen Euro wert sein.

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